Ein simples Spiel, das es aber in sich hat. Die Teilnehmer werden in zwei Gruppen geteilt, Geber und Nehmer. Dann werden je ein Geber und ein Nehmer per Computer gepaart, wobei sie anonym bleiben. Der Geber erhält zehn Euro und darf entscheiden, wie er sie mit dem Partner teilt. Doch der hat selbst eine aktive Rolle. Er entscheidet, ob er das Angebot annimmt oder nicht. Ist ihm das Angebot zu dürftig und er lehnt ab, erhält keiner von beiden einen Cent.

Der Witz an der Sache: Ein kühl rechnender Nehmer müsste schon mit einem einzigen Euro zufrieden sein. Das ist besser als nichts, und was der andere behält, könnte ihm egal sein. Ist es aber nicht. Tatsächlich erwarten die Nehmer durchschnittlich zwei bis drei Euro, die Geber hingegen bieten zwischen drei und vier Euro – die meisten Deals kommen also zustande. Alle wissen: Die Fairness des anderen beeinflusst mein Verhalten jenseits des Zahlenkalküls. Kein Spiel haben die Experimentalforscher öfter spielen lassen, mit verschiedensten Gruppen in verschiedensten Ländern und auch mit deutlich höheren Geldbeträgen – das Ergebnis ist fast immer gleich.

Ein verwandtes Experiment, das Diktator-Spiel, ist noch überraschender. Es funktioniert genauso wie das vorige, bloß haben die Nehmer keinerlei Macht und müssen akzeptieren, was kommt. Doch selbst jetzt geben die meisten Spieler noch einen erheblichen Teil ihrer zehn Euro ab, oft zwischen zwei und drei Euro. Strafen haben sie nicht zu befürchten, nicht einmal böse Blicke oder einen Ruf als Raffzahn – viele wollen gegenüber den Nehmern einfach anständig bleiben.

"Seit den achtziger Jahren haben wir gelernt, menschliche Motive zu verstehen", sagt der österreichische Professor für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung Ernst Fehr. Schon als junger Ökonom experimentierte er im Labor zur Zwischenmenschlichkeit und maß später auch die Gehirnströme seiner Teilnehmer. Der 61-Jährige ist ein Dauerfavorit für den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaftler.

Dabei interessiert Fehr weniger, was die Leute sagen, als wie sie handeln. Erst in den Taten spiegeln sich für ihn die wahren sozialen Motive: von Hilfsbereitschaft bis Neid, vom Kooperationswillen bis zum Bedürfnis, Unfairness zu bestrafen.

Eines hat Fehr gelernt: Soziale Haltungen bestehen nicht, sie werden gemacht – hergestellt von der Gesellschaft, in der wir leben. Von Organisationen. Von uns selbst. Fehrs Lieblingsexperiment dazu stammt von seinem Schüler Armin Falk. Der Bonner Verhaltens- und Gerechtigkeitsforscher "will verstehen, wie wir werden, was wir sind" – also wie sich Persönlichkeit entwickelt und welchen Einfluss die Herkunft darauf hat.

Unter erheblichem Aufwand hat Falk im Feldversuch mit Achtjährigen untersucht, wie man deren Sozialverhalten stärken kann. Den Impuls gaben sogenannte Kindermentoren vom Programm "Balu und Du". Die Testfamilien bekamen etwa ein Jahr lang einmal pro Woche Besuch von einem Mentor, der ausschließlich fürs Kind da war. Der Besucher vermittelte das Gefühl: "Da kommt jemand, um mich zu sehen, eine Art großer starker Bruder wie Balu, der Bär." Die beiden lernten nicht etwa – es sollte ja nicht um Schulnoten gehen, sondern um Persönlichkeit. Also ging man zusammen in den Zoo, Eis essen, Fußball spielen, las ein Buch, kochte oder unterhielt sich nur.

Die kleine Intervention hatte großen Erfolg: Die besuchten Kinder kümmerten sich fortan mehr als zuvor um andere, arbeiteten besser mit ihnen zusammen, gingen mit mehr Vertrauen auf andere zu. Sie wurden "prosozialer", wie Forscher das nennen. Das macht die Menschen nicht nur gesünder, sondern gilt heute mehr denn je als Kernkompetenz auf dem Arbeitsmarkt. Wer "prosozial" ist, verdient im Schnitt deutlich mehr. Der Gütige gewinnt.