Und das Beste: Von dem Programm profitierten vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien. Waren sie zuvor ihren Altersgenossen deutlich hinterhergehinkt, schloss sich die Lücke im Sozialverhalten durch das Experiment. Gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit an, dass diese Kinder das Gymnasium würden besuchen können. Defizite durch Herkunft lassen sich ausgleichen, lautet also die Botschaft vom Rhein. Das ist es auch, was die Politik will, wenn sie von Chancengleichheit redet.

"200 Jahre lang hat die Ökonomie die Frage gestellt: Wie produzieren und verteilen wir die Güter? Die neue Frage lautet: Welche Art von Menschen produziert eine Gesellschaft?", sagt Ernst Fehr. Er selbst führt vor, wie Grundschulkinder, die ein simples Training des Zwischenspeichers im Gehirn namens Arbeitsgedächtnis durchlaufen, sich plötzlich mehr merken können, aufmerksamer und selbstbeherrschter sind. Darüber hat er jüngst seiner Zunft, der Wirtschaftswissenschaft, berichtet – in einer programmatischen Rede über "Ökonomie als Wissenschaft der Charakterbildung".

Fehr hat damit viele Kollegen irritiert, bloß Dennis Snower geht er nicht weit genug. Snower, Abkömmling eines Amerikaners und einer Österreicherin, wuchs in Wien auf, studierte Wirtschaft in Oxford und Princeton und wurde später Chef des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Noch ein Neoliberaler, fürchteten linke Kritiker, als er 2004 dort antrat und für flexible Arbeitsmärkte warb. Doch in Snowers Innerem tobten Kämpfe, und es wuchs das Gefühl der Reue.

Snower, 66, ist der Feingeist unter den Ökonomen. Schon immer beschäftigte er sich mit seiner emotionalen Seite, schrieb Gedichte, trat als Pianist auf. Mit der Zeit wurde ihm bewusst, dass sein Fach diese Seite ganz außer Acht ließ. Eine erste Irritation erfuhr Snower schon als Nachwuchsforscher in London. Seine britische Braut wollte wissen, was er beruflich so mache. Er erklärte ihr die wirtschaftlichen Modelle, mit denen er die Welt erfassen wolle, und sie antwortete: "Was für ein Quatsch!"

Snower blieb unbeeindruckt und machte mit seinen Modellen Karriere. "20 Jahre brauchte ich, um die Weisheit in ihrem Kommentar zu verstehen", sagt er heute. So viel Zeit vertan zu haben, findet er, sei das Drama seines Berufslebens: "Ich bereue es furchtbar."

Umso radikaler strebt Snower heute danach, das Denken über Wirtschaft zu verändern. Bisher ging es der Ökonomie vor allem um den Einzelnen und dessen angeblich festgefügte Vorlieben und Zielsetzungen. Daran sollte die Politik sich orientieren. "Aber das ist falsch", sagt Snower. Was Menschen antreibe und was sie wollten, entstehe überhaupt erst im Miteinander – in der Wechselwirkung aus innerer Einstellung, Außenwelt und Politik.

Manchmal werden wir demnach von Motiven beherrscht, die kurz darauf schwer vorstellbar erscheinen. Von Angst und Aggression zum Beispiel, wenn wir uns im erbarmungslosen Wettbewerb wähnen. Kaum lässt der Druck aber nach, weitet sich der Blick, und wir nehmen die Umwelt ganz anders wahr. Das Mitgefühl gewinnt die Oberhand.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen reicht es Snower nicht, zu protokollieren, wie Menschen sich nach außen verhalten. Das sei nämlich doppeldeutig: "Ich mache einen Strandspaziergang: wegen der herrlichen Sonne – oder suche ich meinen Ehering? Je nachdem was mich antreibt, wird das, was ich wahrnehme, sehr verschieden sein." Snower sagt: "Die Motivation ist der Grundstein. Sie sagt mehr über das Verhalten aus als das Verhalten selbst."

In den neuen Modellen des Forschers geht es daher anders zu. Die Menschen haben darin sehr unterschiedliche Motive im wirtschaftlichen Handeln. Sie wollen sich um andere kümmern, aber auch etwas für sich gewinnen. Bei Snower ist der Altruismus als Teil unserer selbst mitten im Wirtschaftsdenken verankert. Je nach Person und Lage obsiegt der Konkurrenzgedanke oder das Mitgefühl – power oder care. Der Ansatz heißt deshalb auch "Caring Economics".