Caring Economics besagt: Dinge und Dienstleistungen sind zwar wichtig fürs Leben, aber erst Beziehungen geben den Dingen ihren Wert. Wirtschaft dreht sich also nicht nur um die Dynamik des Marktes, sondern auch um die Dynamik einer sich verändernden Gesellschaft – und um die Frage, wie man sie beeinflussen kann.

Das ist nötig, wenn der Kapitalismus die Menschen verbinden und nicht spalten soll. Innovationen wie das Internet treiben die Individualisierung voran und lassen die Gruppen, denen sich der Einzelne zugehörig fühlt, homogener werden. Die altruistische Seite verdorrt. Sosehr der technische Fortschritt den materiellen Wohlstand also anhebt, so sehr raubt er den Menschen ihr soziales Wohlbefinden. Vielleicht erklärt sich so jenes Glücksparadox moderner Gesellschaften, die immer mehr Wohlstand produzieren, während ihre Zufriedenheit den meisten Studien zufolge stagniert.

Wir können dem entgegensteuern, behaupten Snower und Co. – indem wir die Menschen jenen Situationen aussetzen, in denen Erfolg aus Kooperation und gegenseitiger Hilfe entsteht, und die Umfelder, die von reiner Konkurrenz beherrscht sind, zurückdrängen.

Ein Beispiel: Vor etwa zehn Jahren erforschten Ökonomen in israelischen Kindergärten die Motive von Eltern. Dort ernteten Mama und Papa nur bitterböse Blicke, wenn sie ihre Kinder verspätet abholten. Im Experiment wurde dann eine Strafzahlung eingeführt: Wer sein Kind zu spät abholte, musste ordentlich in die Tasche greifen.

Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass es nun zu deutlich weniger Verspätungen kommen würde, denn der Mensch geht nach dem Gelde. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Verspätungen nahmen deutlich zu. Und warum? Weil die Situation früher als soziale Abmachung wahrgenommen worden war, die Eltern schämten sich, wenn sie die Betreuer über die Maßen beanspruchten. Pünktliches Erscheinen war eine Sache des Anstands. Das änderte sich jetzt: Mit dem Geld kam die Möglichkeit ins Spiel, sich die längere Betreuung zu erkaufen. Die Scham wich dem Anspruchsdenken. Aus einer zwischenmenschlichen war eine finanzielle Frage geworden, aus Beziehung wurde Markt.

Es lohnt sich zu fragen: Was wird belohnt? Früher kannten Ökonomen fast nur den Anreiz durch Geld. Das neue Denken öffnet den Blick für neues Handeln: Die Politik kann soziale Situationen beeinflussen, kann Kooperativen schaffen und Umgebungen, in denen man sich für andere einsetzt. Damit verändert sie die Motivlage der Menschen. Und dadurch nimmt sie Einfluss auf deren Verhalten und Wohlbefinden. Wenig ist vorgegeben, viel ist wandelbar.

Die Operation Mitgefühl ist zum gesellschaftlichen Projekt geworden. In ersten Grundschulen versucht man, bei Kindern das Mitfühlen und die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktlösung zu stärken. Sie sollen sich selbst besser kennenlernen, indem sie ihre Stimmung regelmäßig auf einem Gefühlsbarometer einordnen. Auch Unternehmer wollen von den neuen Erkenntnissen zu Altruismus profitieren. So erforscht das "Compassion Lab" der Universität Michigan, wie das Mitgefühl in Organisationen gestärkt werden kann. Die Forscher empfehlen die Einrichtung innerbetrieblicher Netze zum Austausch von Sorgen und Tipps – sowie Orte und Gelegenheiten für mehr Miteinander quer durch die Firma. All das funktioniert einfacher, so eine weitere Erkenntnis, wenn die Chefs selbst Bescheidenheit vorleben und offen sind für fremde Standpunkte.

Der ehemalige McKinsey-Berater Frederic Laloux postuliert die "Neuerfindung der Organisation" – gegen die seelenlose, hierarchisch orientierte Firma, in der jeder auf den eigenen Vorteil dringt und sich von anderen abgespalten fühlt. Laloux hat viele Beispiele, wie es anders gehen kann: eine holländische Firma für mobile Krankenpflege, einen französischen Autozulieferer und sogar einen globalen Kraftwerksbetreiber. Gemeinsam ist den Firmen, dass die Mitarbeiter sich in eigenverantwortlichen Gruppen selbst führen und das Gefühl haben, ihr Arbeitgeber nehme ihre berufliche wie persönliche Lage ernst.