Diese neuen Organisationen "hören auf den evolutionären Sinn", sagt Laloux. Sie sollen nicht die Zukunft von oben planen und kontrollieren, sondern sind darauf ausgerichtet, zu verstehen, wohin sich die Organisation mit all ihren Einzelteilen entwickeln und welchem Zweck sie dienen will. Die Weisheit der Masse zählt mehr als die Vision des einzelnen Vorgesetzten. Und weil die Mitarbeiter an unterschiedlichsten Stellen die Atmosphäre der Firma und die Bedürfnisse ihrer Kunden einschätzen, entstehen Entwicklungsmöglichkeiten, die der Vorstand in seinem Topbüro gar nicht erkennen kann.

Die Bewegung nimmt Fahrt auf, aber auch die Opposition wächst. Macht Altruismus wirklich zufrieden?, fragen Kritiker. Ein neues Experiment von Armin Falk und seinem Doktoranden Thomas Graeber scheint dagegenzusprechen. Hier durften Teilnehmer wählen: 100 Euro für mich selbst oder 350 Euro für eine Behandlung von fünf an Tuberkulose erkrankten Personen, die sie dann auch erhielten. Es zeigte sich: Wer weniger für sich selbst nimmt, ist direkt danach besonders zufrieden, drei Wochen später aber unzufrieden. Dahinter tut sich die Frage auf: Wollten die Gütigen nur ihr Image verbessern, oder war das Mitgefühl echt?

Fritz Breithaupt hat ein Buch geschrieben mit dem Titel Die dunklen Seiten der Empathie. Der deutsche Professor für Wahrnehmung lehrt an der Universität von Indiana im amerikanischen Bloomington. Er bestreitet gar nicht, dass "wir Menschen mehr sind als nur wir selbst". Bloß führe all das Mitfühlen nicht unbedingt dazu, anderen selbstlos zu helfen. Manche nutzten gerade diese Fähigkeit, um sich selbst Vorteile zu verschaffen – bis hin zum Sadisten, der sich besonders ins Leid des Opfers einzufühlen vermag und daraus Nutzen zieht.

Auch wirtschaftlich seien die großen Egos keineswegs im Nachteil. Autoritäre, selbstverliebte Unternehmenschefs hätten in Studien den gleichen Erfolg wie aufopferungsvolle Altruisten, berichtet Fritz Breithaupt. Den Chefs, die sich kümmern, seien die Mitarbeiter zwar treuer, aber die Narzissten könnten sie kurzfristig eher zu Höchstleistungen bewegen.

Das ist eine Warnung in zwei Schritten: Empathie ist nicht immer erfolgreich. Und wenn sie erfolgreich ist, können Menschen durch sie auch ausgebeutet und fremdgesteuert werden. Sogar ein Donald Trump – Inbegriff des Narzissten – kann Menschen für sich einnehmen. Die Empathie seiner Fans zieht er geschickt an und hamstert die Zuneigung, die ihm wichtig ist.

Die Neurowissenschaftlerin Tania Singer kennt die Vorwürfe. "Empathie ist neutral", sagt sie. Ihr geht es aber um andere Fähigkeiten: Güte und Mitgefühl in der Absicht, anderen zu helfen.

Bei dieser Mission folgen ihr erstaunlich viele. Im brasilianischen Rio trafen sich vor fünf Jahren schon Manager, Forscher und NGO-Vertreter zum Global Economic Symposium. Die deutsche Hirnforscherin und der buddhistische Mönch Matthieu Ricard trugen vor, wie der Mensch sein soziales Bewusstsein selbst schneller erweitern könnte, als die Evolution es vermag. Es war ihr Beitrag zum Wettbewerb um die beste Reformidee des Kongresses. Zur Wahl standen außerdem eine andere Klimapolitik, neue Wege zur Geschlechtergleichheit und ein alternatives Finanzsystem. Am Schluss stimmten die versammelten Chefs und Weltveränderer ab – und votierten für Singer und Ricard. Sie waren offenbar überzeugt davon: Um sich zu retten, muss die Welt den Altruismus fördern.

Heute wissen die Forscher mehr, auch über die Probleme des Konzepts. Die einen setzen auf die innere Wandlung, die anderen auf alternative Organisation. "Beides zusammen muss sein", sagt die Hirnforscherin Singer. Sonst kommt es zum inneren Konflikt: Da lehrt die Schule das friedliche Miteinander – und zu Hause werden die Kinder verprügelt. Nicht selten kollidiert auch ein Sozialvisionär an der Firmenspitze mit der Beamtenmentalität seiner Leute: "Da sind schon einige auf die Schnauze gefallen."

Wer die Herzen der Menschen öffnet, muss zugleich die Strukturen ändern. Singer würde am liebsten sofort ein Institut für diese doppelte Herausforderung gründen. Es wäre eine historische Mission in einer Zeit, da sich viele Menschen vor der globalen Verantwortung ins Nationale, ins Populistische flüchten. Eine Lösung sei diese Flucht sowieso nicht, sagt Tania Singer. Die Globalisierung habe vorgelegt. Jetzt müsse das Bewusstsein nachrücken.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.