Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Die Zahlen erschrecken. Italien zählt über elf Prozent Arbeitslose, also rund drei Millionen. Gleichzeitig waren im September 2017, gemäß dem Vermittlungsportal Face4Job, eine Million Stellen offen. Die italienische Union der Handels-, Industrie-, Handwerks- und Landwirtschaftskammern bestätigt diese Angaben. Aber schätzungsweise 20 Prozent dieser Stellen wird man nicht besetzen können.

Die Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie findet kaum geschultes Personal. Aber auch die Fast-Food-Branche sucht händeringend nach Köchen; schon heute stammt die Mehrzahl der Pizzabäcker im Land aus Ägypten. Und im norditalienischen Brianza wird dieser Tage eine Berufsschule für Elektromechaniker geschlossen, weil es ihr an Schülern mangelt.

All das gibt zu denken. Verantwortlich für diese Misere ist die Einstellung, es gehe in der Ausbildung nur darum, ein "Stück Papier" zu erhalten. Nun ist es allerdings schwierig, aus einem mittelmäßigen dottore in einem humanistischen Fach einen gesuchten Elektromonteur zu machen.

Eine wichtige Rolle spielt aber auch die italienische Erziehung. Bereits ab der Primarschule wird den Kindern alles leicht gemacht. Das Verb "opfern" kennt niemand mehr. Am Abend in einem Restaurant zu arbeiten, das will man nicht. Auf den freien Samstag zu verzichten, weil man Coiffeur ist, kommt nicht infrage. Zahlreiche arbeitslose Lehrer aus Süditalien haben auf eine feste Stelle im Norden verzichtet, weil die zu weit von zu Hause entfernt ist. Kurzum: Die heutige Arbeitslosigkeit ist nicht nur der Wirtschaft zuzuschreiben, sondern auch der Erziehung und der Gesellschaft.

Provokation gefällig? Vielleicht sollten die italienischen Stellensuchenden mit Doktortitel mal wieder die berühmte Rede von Alexis de Tocqueville an die Assemblée Constituante vom 12. September 1848 lesen. Ihr Titel: Contre le droit au travail, "Gegen das Recht auf Arbeit". Er argumentiert darin: Würde man dieses Recht konsequent umsetzen, hieße das, dass der Staat allein die Arbeit organisiert und Meister, ja Besitzer eines jeden einzelnen Menschen wäre. Das kann es wohl nicht sein.

Nur, ist das ein rein italienisches Problem? Ich vermute, nicht. Ich wäre bereit zu wetten, dass in den Ländern, welche die höchsten Arbeitslosenquoten aufweisen, auch das Erziehungssystem erhebliche Mängel aufweist. So sind zum Beispiel auch in den USA oder in der französischen Provinz die öffentlichen Primarschulen in einem besorgniserregenden Zustand. Ja, man kann nicht oft genug betonen, wie glücklich die Schweiz über ihr duales Berufsbildungssystem sein sollte – und darüber, dass hier das Handwerk noch etwas gilt.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd-Achse": Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz