Der Kasten, der die Ehre der Automobilindustrie retten soll, hängt an einem weißen Kia-Kombi. Auf einem Gestell schwebt er über dem Asphalt, ein Schlauch führt zum Auspuff, ein Kabel in den Kofferraum und zu Sensoren auf dem Dach. Mit Zubehör wiegt der Kasten nicht mehr als ein Beifahrer; der Druck aber, der auf ihm lastet, könnte kaum größer sein: Das Gerät soll ermitteln, welche Menge an Abgasen Autos in die Luft pusten – diesmal ehrlich, ohne Betrügereien bei der Messung.

Bereitwillig führt ein Ingenieur von TÜV Nord an einem milden Oktobertag den Wunderkasten vor. Er setzt sich ins Auto und fährt mitsamt dem Messgerät vom TÜV-Gelände in der Adlerstraße im Essener Osten durchs Ruhrgebiet. Rechts abbiegen, links abbiegen, ein Stück auf der Landstraße, schon ist man in Bochum. Ein Tablet-Computer zeichnet auf, was der Kasten während der Fahrt misst. Er ist ein mobiles Abgasmessgerät, das die Leute beim TÜV "Pems" nennen vom Englischen portable emission measurement system.

Ein solcher Test auf der Straße war es, der vor drei Jahren in den USA den Verdacht auf Volkswagen lenkte. Schließlich gestand der Konzern den Betrug bei Abgaswerten und zahlte bis heute über 20 Milliarden Dollar an Strafe. Im Labor erzielten die VW-Fahrzeuge seinerzeit fantastische Werte, denn die Software im Auto erkannte den Test und fuhr dann besonders sauber. Auf der Straße waren sie besonders schmutzig und schädigten die Umwelt. In den USA war das verboten.

In Europa zählte lange allein die Messung im Labor. Und deswegen ist VW in Deutschland und anderswo in der EU bisher vergleichsweise glimpflich davongekommen. Seit September sind nun hierzulande Pems-Messungen für die sogenannte Typgenehmigung neuer Automodelle vorgeschrieben.

Die Hersteller schicken in diesen Tagen die ersten Fahrzeuge zu den neuartigen Untersuchungen. VW hofft auf eine Genehmigung für den Up GTI, der ab Mitte November verkauft werden soll, bei Audi muss der A7 als Erster ran, auch BMW schickt bis Ende des Jahres neue Modelle, bei Mercedes macht der CLS den Anfang, der ab Frühjahr verkauft werden soll.

Die neuen Regeln sollen eine Irreführung beenden, die die Behörden über Jahre hinweg hinnahmen: Weil die Hersteller in den Laboren Grenzwerte, zum Beispiel für das giftige Stickoxid, einhielten, konnten sie behaupten, ihre Autos seien sauber. Dabei sind die Autos auf der Straße oftmals um ein Vielfaches schmutziger. Das gilt selbst für die neuesten Diesel mit Euro-6-Norm, wie kürzlich eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT) ergab: Sie überschreiten den Laborgrenzwert für Stickoxid auf der Straße im Schnitt um das 4,5-Fache.

Erst infolge des US-Skandals wurde die Illusion entzaubert. In der Autobranche folgte zwei Jahre lang eine schlechte Nachricht der nächsten. Opel, Renault, Daimler, Audi, Porsche und viele andere gerieten in Erklärungsnot.

Entsprechend groß ist die Sehnsucht nach einem Neuanfang in Deutschlands wichtigster Industrie. Die Details der neuen Abgasregeln haben bislang öffentlich kaum Beachtung gefunden, was den Behörden so offenbar auch ganz recht ist: Eine Anfrage an das Kraftfahrtbundesamt wurde über Wochen ignoriert. Dabei ist die Qualität des Tests für einen Neuanfang entscheidend. Doch nach Recherche der ZEIT wird es auch künftig möglich sein, zu täuschen.