Einmal hat sie einen Teddybären verabschiedet. Der lag neben dem Verstorbenen im aufgebahrten Sarg in der Aussegnungshalle, während Antonia Kreis vor den versammelten Angehörigen das irdische Dasein des Verblichenen Revue passieren ließ.

Dazu gehörte auch jenes lebensgroße Plüschtier, das den allein lebenden, älteren Herrn in seinen letzten Jahren begleitet hatte. Gemeinsam waren beide in seiner kleinen Wohnung beim Nachtmahl gesessen, vor dem Fernseher, stumm hatte der Riesenteddy den Erzählungen des Mannes gelauscht. Bis sein Besitzer schließlich den letzten Atemzug tat – und sie beide starben. "Natürlich klingt das ein wenig obskur", sagt Antonia Kreis, "aber alle in der Familie wussten von dem Teddy, das war für sie völlig normal, also habe ich ihn auch in meiner Trauerrede erwähnt. Wegen dieser menschlichen Dinge, nicht wegen Großtaten bleibt ein Verstorbener bei seinen Nächsten in Erinnerung."

Es sind diese Lebensbilder, Ereignisse, Momente, die nicht zuletzt an Allerheiligen, wenn Hunderttausende auf die Friedhöfe strömen, in den Hinterbliebenen aufsteigen. Manche dieser Erinnerungen sind wärmend, manche bloß routinierte Selbstvergewisserung, jemanden überdauert zu haben, andere vermögen auch nach Jahren Wehmut und tiefen seelischen Schmerz auszulösen.

Trauer hat viele Gesichter, das weiß Antonia Kreis von Berufs wegen. 600 Abschiedsreden hielt die 45-jährige Salzburgerin bisher, begleitete entweder an der Seite eines katholischen Priesters den Begräbnisgottesdienst in der Kirche oder leitete die Trauerzeremonie auf einem der Friedhöfe in oder rings um die Landeshauptstadt. Sie ist, wenn man so will, beim Tod ziemlich beliebt, ihre Nekrologe sind in der Region gefragt. Die einzige Frau in dieser Branche ist sie in Salzburg ohnehin.

Drei- bis viermal pro Woche tritt sie hinters Pult und kleidet das biografische Vermächtnis eines Verstorbenen in Worte. Diese 15 bis 30 Minuten langen Nachrufe sind maßgeschneidert, das Ergebnis langer Gespräche mit den Angehörigen. Das mag ein Grund dafür sein, dass die Mutter dreier Kinder gut gebucht ist. "Ich mache Erinnerungsfeiern, bei denen nicht die Liturgie im Mittelpunkt steht, sondern die Hinterbliebenen sich persönlich angesprochen fühlen. Bei mir soll man sagen: Genauso war er. Das war eine schöne Leich’."

Antonia Kreis ist keine, die auf den Mund gefallen ist. Weltzugewandt, freundlich-resolut, wie sie ist, passt die Trauerrednerin so gar nicht zu einem Berufsbild, das gemeinhin mit Leid und christlicher Erduldungsmetaphorik verbunden wird. "Du musst mit beiden Beinen fest im Leben stehen, wenn du so etwas machst, eine Familie haben, die dich auch einmal auffängt", erzählt sie, während sie am Salzburger Kommunalfriedhof den schier endlosen, von knorrigen Laubbäumen gesäumten Grabreihen entlanggeht. "Wer selbst zu viele Baustellen hat, sollte das nicht machen." Denn der Job sei auch so schon fordernd genug. Dem einen oder anderen Pfarrer passte es anfangs weniger, dass da ein "Weiberleit" während der Trauerfeier etwas zu sagen hat, auch manch Totengräber neigt zu einem eher mürrischen Wesen, dazu kommen Kälte, Regen, Wind. Der Tod achtet nicht auf den Wetterbericht.

Es war der Salzburgerin nicht vorherbestimmt, dass sie einmal in zugigen Gotteshäusern zugange sein sollte. Die Tochter einer Psychologin und eines Arztes war auf dem Weg, Kunsthandwerkerin zu werden, sie lernte in der Fachhochschule für Bildhauerei in Hallein. Doch das rhetorische Talent kam ihr dazwischen, Kreis wurde Schul-, später Landesschulsprecherin, begann ein Studium der Publizistik. Verlassen hat sie die Uni jedoch – die familiäre Vorbelastung brach offenbar durch – als diplomierte Gesundheitspädagogin. Danach arbeitete sie in der Gemeinschaftspraxis der Eltern, betreute Spitzensportler im Mentalbereich, verfeinerte jene Techniken, die sie heute als ihr Rüstzeug bezeichnet. Vertrauen gewinnen, langsam, behutsam vortasten und: den Menschen gut zuhören können.

Ein bis zwei Stunden dauert das Trauergespräch mit den nächsten Angehörigen, bei dem Kreis die nüchternen Angaben im Datenblatt der Bestatter – Beruf, Familienstand, Todesursache – mithilfe von Erinnerungen, Momentaufnahmen zu einem Mosaik namens Leben zusammensetzt. "Die Menschen befinden sich oft in einem seelischen Ausnahmezustand. In manchen Familien gibt es ein präzises Bild, wie der Verstorbene war, was erzählenswert ist und ihn besonders gemacht hat. In anderen scheint es, als würden wir nicht von ein und derselben Person sprechen, so unterschiedlich sind die Aussagen." Dann gelte es, "den größten gemeinsamen Nenner zu finden". Schließlich sei eine Trauerrede keine Generalabrechnung. "Mir steht Bewertung nicht zu, das Wichtigste ist, den Menschen so gut wie möglich zu charakterisieren, um so ein gutes Abschiednehmen zu ermöglichen."

Bis zu fünf Stunden sitzt die Freiberuflerin dann in ihrem Haus in Elsbethen, einem Salzburger Vorort, und verwebt im Manuskript Biografisches, allfällige Vereins- und Ehrenämter, Honoriges und Anekdotisches zu einer Rede, flicht Gedichte oder passende Sentenzen ein und macht sich auf die Suche nach: der Liebe. "Ich glaube, dass Liebe, ganz gleich ob zum Ehepartner oder auch zu einem Hobby, einer Leidenschaft, das Andenken an einen Menschen am stärksten bestimmt", sagt Kreis. Sie behauptet, mit einem "regelrechten Gefühlsdetektor" ausgestattet zu sein. "Vielleicht fällt es mir deshalb leicht, Emotionen in Worte zu fassen."