Vor ein paar Jahren habe ich einen Zukunftsroman gelesen. Er handelt von einer Frau, die in einem Internetkonzern bei der Kundenbetreuung arbeitet. Die Kunden bewerten sie. Die Vorgesetzten bewerten sie ebenfalls, oft mehrmals täglich. Auch von ihr wird erwartet, dass sie Dinge bewertet, Veranstaltungen, Aktivitäten, permanent. Fast rund um die Uhr. An vier verschiedenen Bildschirmen gleichzeitig. Das Buch – The Circle von Dave Eggers – ist inzwischen auch verfilmt worden. Ich hielt es für völlig überzogen. Bis ich kürzlich aus dem Urlaub kam und die Flughafentoilette aufsuchte.

Ich hatte mir gerade die Hände gewaschen und war bemüht, nichts mehr anzufassen, als mich eine Reihe bunter Smileys dazu aufforderte, per Knopfdruck die Sauberkeit der Sanitäranlagen zu bewerten. Gerade so, als sei ich bei irgendeinem Prüfdienst angestellt, der die Effizienz der Putzkolonne zu kontrollieren hat. Leicht verärgert ging ich zum Gepäckband. Als ich meinen Koffer in Empfang genommen hatte, warteten wieder Smileys. Diesmal war es die Geschwindigkeit der Gepäckbeförderung, die ich bewerten sollte, obwohl ich mich dafür nicht im Geringsten qualifiziert fühlte. Woher soll ich wissen, welches die angemessene Zeit für die Beförderung der Koffer ist, wenn ich den Arbeitsablauf gar nicht kenne?

Ich setzte mich in die U-Bahn, checkte meine Mails und fand nicht nur eine, in der ich aufgefordert wurde, meine Urlaubsunterkunft zu bewerten, sondern ungefähr zwölf weitere, die nach meiner Meinung verlangten. Ich sollte die Qualität des Essigs kommentieren, den ich unlängst online bestellt hatte, eine Kindertaucherbrille benoten, die ich gerade bei Amazon geordert, aber noch gar nicht erhalten hatte. Via Facebook wurde ich gebeten, irgendwelche Seiten von Freunden zu liken, und ein eBay-Verkäufer bat inständig um mein Urteil über das alte Micky Maus- Heft, das ich bei ihm erstanden hatte. Was soll das? Ich arbeite doch nicht an einer Studie zum Thema "Service- und Produktqualität im 21. Jahrhundert".

Menschen bewerten, was ihnen begegnet. Das ist normal. Es dauert nur eine Zehntelsekunde, bis wir uns einen ersten prägenden Eindruck von unserem Gegenüber verschafft haben. Wenn wir eine Wohnung besichtigen, wissen wir meist sofort, ob sie für uns infrage kommt. Nur war es die längste Zeit so, dass wir diese Erkenntnisse allenfalls im Freundeskreis kundtaten. In den vergangenen Jahren jedoch ist das Bewerten von nahezu allem, was wir nutzen und sehen, fast so üblich geworden wie das tägliche Zähneputzen. Routiniert werden wir von Dienstleistern abgefragt, als gehöre das Verteilen von Noten zu unserer verdammten Verbraucherpflicht.

Einmal sollte ich telefonisch eine Dame vom Callcenter meines Telefonanbieters bewerten, und das bereits kurz nachdem ich mich bei ihr darüber beschwert hatte, dass mein Internet nicht funktioniert. Sie hatte veranlasst, dass mir ein neuer Router geschickt wurde. Dass das Quatsch war, merkte ich erst Tage später, als ich der Dame längst ein Gut erteilt hatte. Ich hatte ihr nicht schaden wollen, sie war ja nett gewesen. Hinterher fühlte ich mich missbraucht. Unfreiwillig war ich von einer Kontrollinstanz eingespannt worden, deren Methoden ich ablehne.

Wozu überhaupt soll dieses ständige Bewerten gut sein? Ist doch logisch, werden viele sagen: Es hilft dem Unternehmen, Service und Produkte zu verbessern, und es hilft anderen Kunden, die richtige Wahl zu treffen. Dass die Mehrheit der Verbraucher das so sieht, zeigen zahlreiche Studien. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom etwa ergab, dass 65 Prozent der Befragten Kundenbewertungen in Online-Shops als Entscheidungshilfe nutzen. Aber treffen sie damit wirklich immer die beste Wahl?