Alina Oehler (26) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Menschen bewegt, was auf ihrem Teller landet. Das "Wie" dagegen eher nicht. Zu diesem Eindruck gelange ich ausgerechnet, wenn ich in einem kirchlichen Tagungshaus, Priesterseminar oder einer anderen konfessionellen Ausbildungsstätte offensichtliches Billigfleisch entdecke. Die Wurstplatte, das Fleisch mit Soße oder Speck als Gewürz gehören hier ganz selbstverständlich dazu.

Und das täglich, außer vielleicht freitags. Sogar in der Fastenzeit habe ich schon große Rollbraten auffahren sehen. Ausnahmen, die weniger, aber dafür hochwertigere Fleischgerichte anbieten, gibt es auch. Doch die Regel ist das längst nicht. Für mich ist das gerade in kirchlichen Einrichtungen ein Skandal.

Denn eigentlich sind sich die Kirchen schon sehr lange einig, dass Tiere als Mitgeschöpfe und nicht als lebendige Ware behandelt werden sollten. So steht das zum Beispiel in einem gemeinsamen Diskussionsbeitrag zur Landwirtschaft von Bischofskonferenz und EKD aus dem Jahr 2003. Theologen wie Eberhard Schockenhoff sprechen gar von der gegenwärtigen Nutztierhaltung als einer "gedankenlos praktizierten Barbarei der modernen Industriegesellschaften gegenüber der Tierwelt".

Sogar Papst Franziskus spricht den Tieren in Laudato si einen Eigenwert zu. So richtig aufgerüttelt hat das die katholische Masse aber noch nicht.

Für einen kurzen Gaumenkitzel ist man scheinbar bereit, das Tierleid zu verdrängen, das sich in vielen Fällen hinter Schnitzel oder Braten verbirgt. Auch im Privaten agieren viele Katholiken nicht anders als Otto Normalverbraucher und freuen sich über ein günstiges Angebot. Dabei weiß doch jeder insgeheim, dass die Salami auf der Fertigpizza für wenige Euro aus dem Kühlregal wohl kaum von einem idyllischen Bauernhof stammen kann. Der Trend geht eindeutig zur Massentierhaltung. Im Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung kann man lesen, dass die Produktion von Schweinefleisch in den letzten 20 Jahren um fast die Hälfte zunahm, die Zahl der Betriebe dagegen um fast 90 Prozent gesunken ist. Ein Effekt, der mir vertraut vorkommt.

Reihenweise kann ich in meiner ländlichen Heimat beobachten, wie Höfe verschwinden oder immer mehr Tiere angeschafft werden müssen – und wie auch die Bauern darunter leiden. Es empört mich, dass sich eine Tierhaltung mit Sonne, Luft und Platz anscheinend nicht mehr lohnt.

Doch das liegt natürlich auch an der riesigen Nachfrage. Wenn ich mir vor Augen führe, dass in den 1950er Jahren laut Statistischem Bundesamt in der Bundesrepublik Deutschland gerade mal etwa 9,5 Millionen Schweine geschlachtet wurden und es 2016 bereits über 59 Millionen waren, wird mir ganz anders zumute. Dabei war Fleisch in früheren Zeiten ein Luxusgut, das zelebriert wurde. Wehmütig denke ich an den Sonntagsbraten.

Ich finde, in diesen Zeiten sollten gerade Christen immer wieder auf Fleisch verzichten und das Bewusstsein dafür schärfen, dass es etwas Besonderes ist. Und dass es auch mehr kosten darf. Kirchliche Häuser könnten mit gutem Beispiel vorangehen. Ich meine, der Mensch und besonders der Christ sollte sich bewusst machen, was er tut. Es ist eben doch mehr als die Wurst, die auf dem Teller liegt.