Geklagt wird immer. Taxifahrer. Bauern. Pflegepersonal. Lehrkräfte. Die Bezahlung! Die Belastung! Die Bürokratie! Zu wenig, zu hoch, zu viel. Zu den notorischen Jammerlappen gehören auch die Ärzte in Deutschland. Sie klagen traditionell viel und gerne. Am liebsten über den bürokratischen Aufwand, den sie im Praxisalltag bewältigen müssen. Über den ganzen Computer- und Papierkram also, der ihnen Zeit raube, die sie besser mit den Patienten verbringen sollten.

Eigentlich müsste jeder Arzt seine Praxis mindestens einen Tag in der Woche zusperren, damit der Papierkram erledigt werden kann.

Und was haben die Ärzte? Recht! Das zumindest legen die Ergebnisse einer neuen Untersuchung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nahe, die gerade veröffentlicht wurden. Insgesamt 54,16 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr werden in den etwa 164.000 Praxen in Deutschland von niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten für die Bewältigung administrativer Aufgaben aufgewendet. Umgerechnet entspricht das jährlich 60 Arbeitstagen für jede Praxis. Anders gesagt: Eigentlich müsste jeder Arzt seine Praxis mindestens einen Tag in der Woche zusperren, damit der Papierkram erledigt werden kann.

Die Bürokratie kostet nicht nur viel wertvolle Zeit der Ärzte, sondern das Gesundheitssystem auch Unsummen an Geld. Und sie hält viele Mediziner davon ab, eine Praxis zu übernehmen: Schätzungen zufolge wollen sich bis zu 90 Prozent der angestellten Ärzte nicht niederlassen, weil ihnen die Belastung durch die Bürokratie zu hoch ist.

Natürlich muss ein Arzt nicht nur behandeln. Er muss auch Folgeuntersuchungen anordnen, den Patienten zu einem Kollegen überweisen und dokumentieren, was er tut.

Nun muss ein Arzt natürlich mehr tun, als seine Patienten zu untersuchen und zu behandeln und mit ihnen zu sprechen. Er kann nicht nur ihr Herz abhorchen, ihre Reflexe testen oder mit einem Ultraschallgerät in ihren Bauch schauen. Er muss auch eine Folgeuntersuchung anordnen, wenn er ein Herzgeräusch hört oder die Reflexe auffällig sind. Er muss den Patienten zu einem Kollegen überweisen, wenn er etwas an der Leber gesehen hat, das er nicht einordnen kann. Er muss eine Kur verordnen, wenn sein Fund an Herz oder Leber zu einer großen Operation geführt hat. Und er muss natürlich dokumentieren, was er da tut. Um die Qualität zu sichern, für die Kostenkontrolle und für seine eigene berufliche Zukunft. Nicht umsonst heißt es: Wer schreibt, der bleibt.

Aber nicht jeder administrative Aufwand mündet in einer Qualitätssteigerung bei der Patientenversorgung. Viel Schreibkram ist einfach nur nervig – und oft überflüssig. Experten schätzen, dass in deutschen Praxen etwa die Hälfte aller administrativen Aufgaben wegfallen könnte, ohne dass es zu nennenswerten organisatorischen Einschränkungen kommen würde.

Ein Beispiel zeigt, wie einfach es manchmal sein kann: Die "Chroniker-Bescheinigung", mit der chronisch Kranke die Arzneimittel-Zuzahlung reduzieren können, muss mehr als sechs Millionen Mal im Jahr von niedergelassenen Ärzten ausgestellt werden. Allein dadurch, dass sie einfacher gestaltet und für die Bearbeitung am Computer tauglicher gemacht wurde, konnten hier 300.000 Arztstunden eingespart werden. Also rund 125 Arbeitsjahre. Das lässt doch hoffen.