Mit Verschlüsselung ist es wie mit Zahnseide: Jeder findet sie wichtig – kaum einer benutzt sie. Jedes Mal, wenn über Cyberattacken berichtet wird, wenn Millionen privater Daten plötzlich im Netz stehen, wenn Onlinebanking-Kunden bestohlen werden, denke ich: Das könnte ich sein. Besorgt google ich, was ich tun kann, und gebe auf: zu aufwendig, zu kompliziert, zu nervig.

Damit bin ich nicht allein. Das Bundeskriminalamt zählte im vergangenen Jahr 82.649 Cybercrime-Fälle, 80 Prozent mehr als im Vorjahr; die Dunkelziffer dürfte laut der Behörde "um ein Vielfaches" höher liegen. Wie hoch der Schaden ist, lässt sich nur schätzen; das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung etwa geht von mehr als drei Milliarden Euro jährlich aus. Laut einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom hat jeder vierte deutsche Internetnutzer durch einen Angriff in den vergangenen zwölf Monaten einen finanziellen Schaden erlitten – zumeist, weil ein Experte bezahlt werden musste, um die Folgen zu beheben; in jedem 20. Fall aber auch, weil Angreifer das Konto geplündert oder die Kreditkarte missbraucht hatten. Allerdings haben zwei Drittel der Befragten nichts unternommen; und wenn sie doch Anzeige erstatteten, wurde in weniger als jedem zehnten Fall ein Täter gefunden. Viele Menschen stehen Cyberkriminalität recht rat- und tatenlos gegenüber.

So wie ich. Früher, bevor die Welt so vernetzt war, wie sie heute ist, hat es ja gereicht, einen Virenscanner zu installieren, der Schadsoftware abwehren konnte. Doch heute besitze ich eine Vielzahl von Onlinekonten, meine Daten liegen zu einem Gutteil gar nicht mehr auf meinem Computer, sondern verstreut im Netz. Ich biete also reichlich Angriffsfläche.

Das will ich ändern. Ich brauche jemanden, der mir erklärt, wie. Jemanden wie die Zahnfee, die meinen Kindern in der Kita das Zähneputzen zeigt – mit fröhlichem Geplansche am Waschbecken und in überschaubarer Zeit. Zum Glück gibt es das landauf, landab und sogar kostenlos: Auf Cryptopartys zeigen Hacker Laien wie mir, wie man sich im Netz verteidigt. Und Party klingt immerhin nicht nach Arbeit.

An einem Montag im Herbst mache ich mich auf den Weg zum µc3, dem Chaos Computer Club München, in der Schleißheimer Straße. Dort erlebe ich erst mal eine kleine Enttäuschung: Keine Musik, keiner tanzt, unter Party stellt man sich ja gemeinhin was anderes vor. Klar, alle sind gleich miteinander per Du. Und Bier aus Flaschen gibt’s auch. Aber ich nehme lieber eine Flasche Mate, den Zaubertrank der Hacker. Das Koffein werde ich noch brauchen, denn ich muss mich in den nächsten Stunden konzentrieren. Ich bin in einer Welt, in der ich das Verschlüsseln lernen kann – die ich aber erst einmal entschlüsseln muss. Schon allein, um die Gags zu kapieren.

Als ich mich umschaue, fällt mein Blick auf drei große C an der Wand, zusammengeschraubt aus Platinen, sie formen das Kürzel des Chaos Computer Clubs, eines gemeinnützigen Vereins, der µc3 ist nach Worten des Clubs ein "Treff der lokalen Hackerschaft". Auf der Fensterbank eine Pflanze, am grünen Stiel ein paar vertrocknete Blätter. "CASE: Untersetzer nass, NOT gießen", steht auf einem Notizzettel und: "CASE: Erde trocken, DO gießen". Ich brauche ein paar Sekunden, um das zu entschlüsseln, aber als der Groschen gefallen ist, muss ich schmunzeln. Programmierer-Humor.

Auf Cryptopartys ist Fotografieren in aller Regel verboten. Man soll teilnehmen können, ohne seine Identität offenlegen zu müssen und ohne später erkannt zu werden. Ich entschlüssele meine freiwillig, enttarne mich vor den zehn Anwesenden als Journalisten. Umgekehrt kommen in dieser Geschichte Menschen vor, deren Identität ich verschlüssele – mit Pseudonymen, gebildet anhand ihrer Accessoires.