Fangen wir mit unserem Ende an. Unseren letzten Gedanken können wir nicht denken, weil es keinen Gedanken mehr geben wird, der unseren letzten Gedanken denken könnte. Das Ende wird sein, wenn wir nicht mehr sind, deshalb gibt es das Ende nur für die Sterblichen, die noch nicht am Ende sind, nicht aber für die Toten. Mit dem Anfang verhält es sich ganz anders, aber durchaus ähnlich. Der Anfang findet nicht statt, weil es immer schon angefangen hat, zumindest für diejenigen, die den Anfang denken und begreifen wollen. Anfang und Ende eint, dass sie nur in Repräsentationen vorliegen, in Mythen, Geschichten, Theorien, als Forschungsergebnisse oder als Hörensagen. Über den Anfang kann man nur räsonieren, weil es schon angefangen hat, und über das Ende nur, weil es noch nicht zu Ende ist.

Der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hat ein Buch über den Anfang geschrieben, nicht über irgendeinen Anfang, sondern die Anfänge von allem. Um es vorweg zu sagen: ein wirklich hervorragendes Buch, das einen freilich am Anfang etwas ratlos lässt, aber dann entschädigt, wenn man sich darauf eingelassen hat. Kaube referiert ausführlich, jedoch spannend und erzählerisch gelungen über allerlei Anfänge, vom Anfang des aufrechten Gangs über das Kochen, das Sprechen, die Sprache, die Kunst, die Religion, die Musik, die Landwirtschaft, die Stadt und den Staat, die Schrift, das Recht und das Rechnen, das Erzählen und das Geld und über die Monogamie. Am Anfang denkt man, dass Kaube über all diese Anfänge aufklären will. Aber der Text präsentiert nicht einfach Thesen über all jene Anfänge. Er fängt mit den Anfängen etwas anderes an.

Kaubes Buch ist nicht nur kenntnisreich, es ist faktenreich. Nur: Die Fakten spielen gar nicht die entscheidende Rolle. Nehmen wir das Kochen zum Beispiel, das die soziale Organisation des Frühmenschen geändert habe. Aber warum hat dieser mit dem Kochen begonnen? Kaube referiert: Einige führen es auf klimatischen Wandel zurück, andere auf anatomische Veränderungen, die mit dem Energiebedarf des Jägers zu tun haben. Es stehen sich Thesen des Vorrangs des Fleisch- und des Knollenkonsums entgegen, manche weisen darauf hin, dass der unmittelbare Zusammenhang von Kochen und Fleischkonsum nicht eindeutig sei et cetera. Was Kaube vorführt, ist nicht die Entwicklung einer gültigen These, sondern das Bemühen, sich Anfänge vorzustellen, die gar keine waren. Niemand hat das Kochen erfunden, sondern Praktiken haben sich umgestellt und können nur funktionalistisch rekonstruiert werden. Welches Problem könnte durch Umstellung auf gekochte Nahrung gelöst worden sein? Welche neuen Probleme hat das verursacht?

Kaube erzählt eine Geschichte über die Erzählung von Anfängen – vom Epos als Setzung eines Anfangs über die Geschichtsschreibung als bewussten Umgang mit kontingenten Zeitverläufen bis hin zu Forschungsergebnissen über all diese Anfänge. Kaube zeigt, wie unser Verständnis unserer selbst verstrickt ist in die Geschichten, in denen allein jene Anfänge vorkommen können, die sich in der natürlichen und soziokulturellen Evolution der Menschheit ereignet haben. Der Text entfernt sich stets stark davon, wie alles angefangen hat, und bietet dem Leser die unvermeidliche Erkenntnis, dass die Erzählungen über das Anfangen immer schon in das verstrickt sind, was da angefangen hat.

Deshalb resümiert Kaube am Ende, man müsse unterscheiden, was über Anfänge zu lernen sei, von dem, was man an ihnen lernen könne. Er schreibt: "An ihnen zu lernen ist, dass alles Neue aus etwas hervorgeht, dem man nicht ansieht, dass es ein Übergang sein wird. Dem Tempel sieht man nicht an, dass er Impulse für die Geldwirtschaft geben konnte, den Begräbnissen nicht, dass es von ihnen nicht weit war zu Göttern oder zur Markierung von Landbesitz. Dass die Schreie der Säuglinge Melodiebogen enthalten, ist genauso überraschend wie der Zusammenhang von Geburtskanal, Spätentwicklung und Kinderschreien, die besänftigt werden müssen, weil es sonst Gefahr bedeutet. Oder wie die Vermutung, dass Gehirnumfang und soziale Gruppengröße zusammenhängen und das Lausen eine Vorform der Sprache sein soll." Wer das Buch von Kaube gelesen hat, wird etwas vorsichtiger und auch demütiger mit Kausalbehauptungen umgehen, Zeuge von gegenwärtigen Anfängen zu sein. Retrospektiv lässt sich sagen, dass die Anfänger von den Anfängen kaum etwas wussten.

Kaubes Denken ist stark von funktionalistischem, evolutionstheoretischem, auch systemtheoretischem Denken beeinflusst. Leider lässt der Autor dabei eine sich im Text entfaltende These liegen: Fast alle evolutionären Veränderungen waren durch Kooperationsnotwendigkeiten getrieben, die vor allem dadurch entstanden, dass die Entwicklung menschlicher Sozialformen mit immer mehr Abwesenheit rechnet. Soziale Organisation und Sprache, kulturelle Überlieferung und Arbeitsteilung, Urbanisierung und Staatenbildung, Geldwirtschaft und zeitfeste Erzählungen: All die evolutionären Errungenschaften, die Kaube beschreibt, haben etwas damit zu tun, dass die Sozialformen sich nicht im Hier und Jetzt des Sichtbaren erschöpfen, sondern mit gleichzeitig, vergangen und zukünftig Abwesendem rechnen. Kaube schreibt nicht über eine Ästhetik der Anwesenheit, aber an seinem Text kann man sie rekonstruieren. Und das passt wiederum zu einem Buch über die "Anfänge von allem", die ebenso wirksam wie abwesend sind.

Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem; Rowohlt, Berlin 2017; 400 S., 24,95 €, als E-Book 21,99 €