Im Frühling, als die Bäume ausschlugen und die Tage länger wurden, hängten die Menschen Europaflaggen in die Fenster ihrer Wohnungen. Sie versammelten sich auf den Plätzen ihrer Städte und ließen blaue Luftballons in den Himmel steigen. In Frankreich sollte gewählt werden, eine Präsidentin Marine Le Pen schien möglich und damit ein Austritt des Landes aus der EU: ein Schaden, den die Union vielleicht nicht überstanden hätte.

So viel Gefühl für Europa – wo ist es heute hin? Was ist daraus geworden?

Das ist daraus geworden: "Europa wird nicht dadurch stärker, dass wir weitere Geldtöpfe aufmachen, die den Anreiz für solide Haushaltspolitik schmälern." So der FDP-Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff. Er reagiert auf die Vorschläge zu einer neuen EU, die der französische Präsident Emmanuel Macron kürzlich gemacht hat. Der Geldtopf, von dem Lambsdorff spricht, soll ein Budget für die Euro-Zone sein. Macron schwebt vor, dass ein EU-Finanzminister nach wirtschaftspolitischen Erwägungen Investitionen an Euro-Zonen-Staaten im Abschwung verteilt.

Der scheidende Finanzminister Wolfgang Schäuble bekundete daraufhin, praktisch als letzte Amtshandlung, dass auch er von Macrons Vorschlägen nichts halte. Er will stattdessen einen europäischen Währungsfonds, das heißt eine Eingreiftruppe, die hilft, wenn es nicht mehr anders geht.

Man merkt schon: Der europäische Frühling ist vorbei, der Sommer auch. Europa ist wieder da, wo es immer war, bei den feinen finanzpolitischen Unterschieden, die kaum jemand versteht. Anfang des Jahres ging Europa seinen Bewohnern unter die Haut – als mit dem französischen Drama die Probleme plötzlich sehr konkrete Formen annahmen. Jetzt ist Europa wieder ein Thema für Spezialisten und für alle anderen so uninteressant wie eh und je. Wer will schon den genauen Unterschied zwischen einem Rettungsschirm und einem Währungsfonds kennen?

Allerdings: Dass sich derzeit niemand größere Sorgen um Europa macht, liegt nicht an der Wirklichkeit. In der Wirklichkeit ist Europa nämlich kurz davor zu explodieren. So gesehen hat sich seit Anfang des Jahres gar nichts geändert.

Natürlich kann man sich täglich darüber freuen, dass Le Pen nicht gewonnen hat. Verschwunden ist sie nicht. Gerade hat sie in einem langen TV-Interview wieder ihr Talent als politische Verführerin unter Beweis gestellt. In Österreich wird wohl eine antieuropäische Partei mitregieren. In Tschechien kann man den neuen Ministerpräsidenten mindestens als Europa-Skeptiker bezeichnen. Niemand weiß, was aus Katalonien wird, während in Norditalien schon die nächste regionale Autonomiebewegung erstarkt.

Und die alten Probleme sind ja auch noch da – Gründe und Symptome der europäischen Krise in einem. Bei wachsender Wirtschaft sind im Süden Europas die Jungen weiterhin arbeitslos, in Griechenland fast 48 Prozent, in Spanien 42 Prozent, in Frankreich 25 Prozent. Die Staatsschulden bestehen fort. Frankreich: 96 Prozent, Italien: 132 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Deutsche und französische Ökonomen haben gerade in einem Aufruf gewarnt, dass eine neue Schulden- oder Finanzkrise in nicht allzu ferner Zukunft den Euro-Raum erschüttern könnte.