Angriff ist auch eine Form der Verteidigung. Auf drei eng bedruckten Seiten haben Beamte aus dem Bundesfinanzministerium aufgeschrieben, was sie von den laufenden Sondierungsgesprächen von Union, FDP und Grünen halten. Die Antwort in Kurzform: nicht sehr viel. Es sei zu erwarten, dass die Ausgabewünsche der neuen Koalition die Spielräume im Bundeshaushalt "deutlich überschreiten", heißt es in dem Papier, das den Unterhändlern bei ihrer ersten Beratungsrunde am Dienstag dieser Woche vorlag.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Haushälter solche Papiere verfassen. Sie wollen damit verhindern, dass das Geld allzu freigiebig ausgegeben wird. Ungewöhnlich ist aber, dass der Eingriff zu einem derart frühen Zeitpunkt der Verhandlungen erfolgt. Was womöglich damit zu tun hat, dass das Missverhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit diesmal besonders ausgeprägt ist – und dass sich der größte Geldausgeber gerade anschickt, selbst die Kontrolle über den Bundeshaushalt zu übernehmen: FDP-Chef Christian Lindner.

Für Lindner ist der Urgrund für das jahrelange Siechtum der Liberalen, dass diese in ihrer vergangenen Koalition mit der Union das Finanzministerium nicht übernommen haben – und so die im Wahlkampf versprochenen Steuersenkungen nicht durchsetzen konnten. So beschreibt er es in seinem vergangene Woche vorgestellten neuen Buch. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die FDP müsste das Haus eigentlich jetzt für sich beanspruchen.

Das gilt umso mehr, als das Finanzministerium unter Wolfgang Schäuble an Einfluss gewonnen hat. Das hat mit der Person Schäubles zu tun, aber auch mit der zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtung, die mit einem Bedeutungszuwachs internationaler und europäischer Gremien einhergeht – und in vielen dieser Gremien sitzen Mitarbeiter des Bundesfinanzministeriums. Über die Zukunft des Euro etwa wird maßgeblich im Wirtschafts- und Finanzausschuss der EU entschieden, dem die Finanzstaatssekretäre der Mitgliedsstaaten angehören.

Der Bund könnte Tafelsilber verkaufen, aber das Geld reichte dann trotzdem nicht

Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, hat Lindner deshalb das Argument in die Diskussion eingebracht, dass das Finanzministerium ein "fachliches Korrektiv" zum Kanzleramt sein müsse und deshalb nicht der Partei zugesprochen werden dürfe, die den Kanzler stelle. Das ist in der Sache ein eher ungewöhnliches Argument, denn seit Konrad Adenauer haben die meisten Regierungschefs darauf geachtet, dass ihr Finanzminister wenn möglich aus der eigenen Partei kommt.

Diese Nähe erleichtert das Tagesgeschäft, weil es die Gefahr verringert, dass Meinungsverschiedenheiten beim Haushalt gleich zum Gegenstand eines Koalitionsstreits werden. Deshalb möchte Angela Merkel das Finanzministerium nicht hergeben – zumal das aus Sicht der Kanzlerin ein weiteres Problem lösen würde: Sie muss ihre Leute unterbringen, und in einer Viererkoalition sind attraktive Posten Mangelware. Deshalb hat sie ihren Kanzleramtsminister Peter Altmaier schon einmal zum kommissarischen Finanzminister gemacht, und wie zu hören ist, traut er es sich durchaus zu, das Amt dauerhaft zu übernehmen.

Damit wiederum könnten die Grünen gut leben. Sie haben zwar angekündigt, ebenfalls einen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Das Problem ist nur: Sie haben eigentlich niemanden, der geeignet wäre, weshalb der Vorstoß vor allem taktischer Natur sein dürfte. Die Ökopartei stört sich vor allem an den europapolitischen Vorstellungen der Liberalen, die etwa für einen Umbau der Währungsunion im Sinne des französischen Präsidenten Emmanuel Macron wenig übrig haben.

Macron will zum Beispiel ein gemeinsames Budget für die Euro-Staaten einführen, was bei den Grünen auf Zustimmung stößt und – so die Hoffnung in den Führungsgremien der Partei – auch einem Unionskandidaten vermittelbar wäre. Das ist wohl so, schließlich gelten sowohl Altmaier als auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen – die ebenfalls als mögliche Finanzministerin gehandelt wird – als ausgesprochen europafreundlich.

Christian Lindners Plädoyer für eine Ämtertrennung ist deshalb auch der Versuch, etwaige Absprachen unter den Partnern zu verhindern. Allen Beteiligten ist klar: Lindner hat als Vorsitzender der zweitstärksten Partei des Bündnisses bei der Besetzung des Ministeriums ein Vetorecht. Allerdings haben auch die Liberalen nicht allzu viele geeignete Kandidaten. Wolfgang Kubicki aus Schleswig-Holstein ist in der Partei ein Schwergewicht, hat als Anwalt aber Hanno Berger vertreten, einen ehemaligen Finanzbeamten, der in die umstrittenen Cum-Ex-Geschäfte und damit in einen der größten Steuerskandale der Nachkriegszeit verstrickt ist.

Lindner müsste es also wohl selbst machen, und an dieser Stelle kommt das Papier aus dem Finanzministerium ins Spiel. Es zeigt nämlich, dass in den kommenden vier Jahren insgesamt nur etwa 30 Milliarden Euro neu verteilt werden können – und dabei ist schon berücksichtigt, dass der Staat wegen der guten Konjunktur mehr Geld in der Kasse haben wird als bislang vermutet. Der Rest der Einnahmen ist bereits verplant.