Dienstagmorgen, die Politikredaktion der ZEIT sitzt beisammen und diskutiert über die Ausgabe, die Sie in den Händen halten. Was haben wir diesmal? Die Insekten sterben, das Ökosystem bricht zusammen und Europa auseinander, die Gefahr eines Atomkriegs wird akut, Rechtsradikale nehmen Platz im Bundestag, die Kurden sind wieder mal die Verlierer, Flüchtlinge arbeiten illegal. Na toll.

Haben wir nicht auch etwas Heiteres? Irgendwas?

Andererseits: Wäre so was denn überhaupt angemessen angesichts der trüben Weltlage?

Gute Laune muss sich nämlich rechtfertigen, was einem die Laune ganz schön verderben kann. Obwohl – wäre genau das nicht ein Thema?

Nun ist es ja so, dass in bedrohlichen Zeiten – und wann sind sie es nicht – fest entschlossener Frohsinn kursiert. Heute singt man "Get lucky" oder einfach nur "Happy", es herrscht eiseskalte Luschtigkeit in Unterhaltungsshows, Comedyserien sind beliebter als Problemfilme, Frustrierte decken sich mit Büchern über "positives Denken" ein, und auf meiner Twitter-Timeline posten Nuklearexperten Katzenbilder.

Frohsinn ist ein Fluchtauto. Einer der größten literarischen Erfolge im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts, damals ging ebenfalls die Angst vor der Modernisierung um, "Sorgen & Nöte 1.0" sozusagen, hieß Leberecht Hühnchen; es handelte sich um eine Folge von Romanen, die das Kleinfamilienglück der Spießer priesen, abseits vom Lärm der Welt. Pure Regression.

Kürzlich fuhr ich mit der Rheinfähre von Rüdesheim nach Bingen, Nebel lag über dem Fluss, und in der Ferne sah ich fahles Gelb leuchten, das war die Morgensonne. Schöner Anblick. Und unheimlich. Denn woran dachte ich? Daran, dass eine entfernte Atomexplosion genau so aussehen könnte. Im Ernst! Und dann fragte ich mich: Was ist das für eine Welt?

Sie ist, wie sie immer war. Eine Welt wie die des Dreißigjährigen Krieges, die der Schelm Simplicius Simplicissimus durchwanderte, oder wie die des Ersten Weltkriegs, in der der "brave Soldat Schwejk" gehorsam seinen Widerstandsdienst ableistete. Das Leben ist eben keineswegs nur dort zum Lachen, wo das Böse abwesend ist, ganz im Gegenteil: Das Böse selbst ist absurd und allemal ein bitteres Auflachen wert.

Zum Lachen, weil absurd, ist zumal die menschliche Existenz selbst. Im Jahr 1931, mitten in finsterer stalinistischer Zeit, erschien ein zum Bersten komischer Roman der sowjetischen Satiriker Ilja Ilf und Jewgeni Petrow mit dem Titel Das goldene Kalb, in dem es an einer Stelle heißt: "Das Schicksal spielt mit dem Menschen, und der Mensch spielt Trompete."

Wer sagt, dass das tragische Bewusstsein nichts zu lachen hat?

Außerdem werden Pessimisten nie enttäuscht, was ihnen doch ein Grund zur Freude sein sollte. Einer der besten Gründe, allen Widrigkeiten zum Trotz gut gelaunt zu bleiben, liegt übrigens darin, dass stets genügend Leute existieren, denen man just dadurch ihre Laune verdirbt.

Gute Laune kann subversiv sein. Sie kann die Wichtigkeit jener Hochgestellten relativieren, die wähnen, alle anderen müssten sie großartig finden. Besonders in Diktaturen hat der Witz Konjunktur. Viel ist über Charlie Chaplins Hitler geschrieben worden, der zugleich abgrundtief böse und lächerlich war. Ein Comic des Brachialhumoristen Brösel wiederum zeigte Hitler, wie er, in einem Auto stehend, eine Parade abfährt. Bildtext: "Der Führer war ein armes Schwein, er hatte keinen Führerschein." Es hat schon seinen guten Grund, dass Satiriker stets zu den ersten Opfern repressiver Regimes gehören.

Nun ist sicherlich ein Idiot, wer stets nur gut aufgelegt ist. Ein komisches Paradies kann ich mir erst recht nicht vorstellen. Allüberall lächelnde Seelenwesen, das wäre bestimmt kein Spaß. Gelacht wird wohl eher in der Hölle. Wegen der Leute. Allerdings weiß man darüber nichts.

Was man weiß, ist dies: Das Leben ist kurz. Niemand wird auf seinem Sterbebett klagen: "Ach, hätte ich doch mehr schlechte Laune gehabt."