"Mädchen gesucht nach England. Reise wird bezahlt." Mina Oppliger sieht das Zeitungsinserat im Mai 1939 im Wirtshaus Pöstli in Willisau. Sie überlegt nicht lange: "Das war eine so arme Zeit damals. Es gab keine Arbeit, und niemand hatte Geld." Sie meldet sich, und wenige Wochen später beginnt sie in Stamford Hill im Norden von London in einer Familie zu arbeiten. Aber bereits nach wenigen Monaten muss sie wieder zurück, der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen. "Es reut mich bis heute, dass ich dort gehen musste."

Mina Oppliger, verheiratete Rui, erzählt ihre Geschichte im Alterszentrum in Laufen, wo sie seit einigen Jahren lebt. Sie ist 98 Jahre alt und eine der letzten Zeitzeuginnen, die von der großen Repatriierung im Oktober 1939, der wohl größten in der Geschichte der Schweiz, berichten kann, als über 900 Schweizerinnen aus Großbritannien nach Hause zurückgeholt wurden.

Am Abend bevor Mina Oppliger das Inserat sieht, verlässt sie Hals über Kopf den Bauernhof in der Nähe von Beromünster, auf dem sie bisher gearbeitet hat. Der Bauer hat den Verdingbuben einmal mehr mit dem Ledergurt geschlagen, und als sich die junge Frau für den Knaben wehrt, packt sie der Bauer und schleudert sie durch die Küche. Sie schlägt mit dem Kopf auf dem Kochherd auf – und beschließt wegzugehen.

Drei Jahre hat sie als Magd auf dem Hof gedient, nach den Kindern geschaut, den Haushalt gemacht, die Schweine versorgt. Eigentlich wäre sie gerne Schneiderin geworden, aber das Lehrgeld war zu hoch gewesen, 57 Franken im Monat, das konnten die Eltern nicht aufbringen.

Wie Mina Oppliger machen sich in den dreißiger Jahren viele junge Schweizerinnen nach England auf, weil sie während der Wirtschaftskrise zu Hause keine oder nur schlecht bezahlte Arbeit finden. "Ich als Luzerner Hinterwäldlerin! Für mich war das so ein Ereignis, als ich in dieses London kam. Diese riesigen Reklamen, wie das geleuchtet hat!" In Stamford Hill arbeitet sie bei einer jüdisch-orthodoxen Familie. Morgens holt sie die Milch ins Haus, die der Milchmann deponiert hat, bringt den Hausleuten Tee und die Times ans Bett, macht Frühstück, putzt und – jeden Tag übt die Arbeitgeberin eine Stunde Englisch mit ihr, und jeden Tag hat sie ein paar Stunden frei. "Eine so schöne Stelle hatte ich nachher nie mehr."

933 Schweizer werden evakuiert, ihre Habe müssen sie zurücklassen

Als am 1. September 1939 mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg beginnt, leben Hunderte von jungen Schweizerinnen in England. Viele von ihnen wollen zurück und melden sich auf der Schweizer Botschaft. Aber Reisen war schwierig geworden, der Ärmelkanal vielerorts vermint, die Fahrt durch Frankreich gefährlich. Auf der Botschaft werden Listen mit Namen angelegt: Emma K., Yorkshire, Marie G., London, Martha E., Bristol, und so weiter, und die Behörden beginnen, einen Kollektivtransport vorzubereiten.

Dokumente im Schweizerischen Bundesarchiv zeigen, wie aufwendig die Organisation war. Um England zu verlassen, braucht es ein kollektives Ausreisevisum, für die Fahrt durch Frankreich ein Durchreisevisum. Die Botschaftsangestellten verhandeln mit den französischen Bahnen über Extrazüge, ebenso mit den SBB. Aus Sicherheitsgründen benötigen sie die Zustimmung der deutschen Reichsregierung. Die englischen Zensurbehörden wiederum verfügen detaillierte Gepäckvorschriften: Printed matters, also Drucksachen, auch Briefe und Fotografien, müssen die Frauen in England lassen. Eine Vorsichtsmaßnahme, mit der man verhindern will, dass geheime Informationen ins Ausland gelangen. Einige Schweizerinnen deponieren ihre persönlichen Habseligkeiten in einer Lagerhalle in London. Doch wird diese im Mai 1940 bei deutschen Luftangriffen zerstört; die Frauen verlieren alles.

Mina Rui-Oppliger erinnert sich, wie sie am 23. Oktober 1939 abends von einem Polizisten und einem Pfadfinder im Haus abgeholt und zum Bahnhof Waterloo gebracht wird. Erst wenige Stunden zuvor habe sie erfahren, dass ein Schiff in Southampton abfahren werde und sie für den Transport vorgesehen sei. "Es war Nacht, als wir ankamen. Wegen der Verdunkelung zeigte nur ein kleines Licht den Weg zum Schiff."

Am 23., 24. und 27. Oktober nahmen drei Schiffe mit insgesamt 933 Passagieren Kurs in Richtung Frankreich. "Es stürmte heftig in jener Nacht. Vier Suchboote begleiteten unser Schiff, wir mussten jedes Mal anhalten, wenn wieder eine Mine vermutete wurde. Normalerweise machte man diese Strecke in sechs Stunden, wir aber brauchten neun Stunden für die Überfahrt."

Mina Rui-Oppliger erzählt von den wenigen Männern, die mit an Bord waren. Sie hatten die Rücktransporte für dienstpflichtige Schweizer verpasst. "Die Männer hatten Orangen ausgehöhlt und mit Geldnoten gefüllt. Es war streng verboten, Geld über die Grenze zu bringen, und alles wurde kontrolliert. Aber diese Noten fanden sie nicht."