Bsssss. Bss. Bs. Tief drin wusste man es schon seit Jahren. Die Wahrheit der Windschutzscheiben im Sommer verriet es: Die Insekten sterben. Und die unangetastet im Wind baumelnden Meisenringe ergänzten zur Winterzeit: Nun also auch die Vögel.

Doch seit einer Woche ist es gewissermaßen amtlich. Die Wissenschaft bestätigt, was alle ahnten: 76 Prozent weniger Insekten als 1989 leben an den Messorten der Insektenzählung – und die befinden sich in Naturschutzgebieten. Kaum auszudenken, wie es in den geschundenen Teilen Deutschlands aussieht. Jeder weiß auch, was das bedeutet, dafür haben die Menschen immerhin noch genug Erfahrung mit Natur, mit Garten und Landwirtschaft gesammelt oder zumindest ein bisschen was im Biologie-Unterricht gelernt: Vor aller Augen vollzieht sich hierzulande eine ökologische Katastrophe.

Es wird zurzeit ja wieder gern über Heimat geredet, reden wir also drüber: Wenn dieser Wahnsinn so weitergeht, dann werden wir das heimische Ökosystem in wenigen Jahren nicht mehr wiedererkennen. Und das schöne Volkslied Alle Vögel sind schon da wird mehr und mehr zur Elegie. "Amsel, Drossel, Fink und Star ..." – Papa, was ist ein Star?

Das Unheimliche ist in Wahrheit ja nie das Tier, nicht einmal das sterbende, das Unheimliche ist immer der Mensch. Auch jetzt wieder. Nicht das Verstummen der Insekten, sondern das Schweigen der Menschen muss einen erschrecken. Denn was ist passiert, seit die Botschaft von den 76 Prozent in der Welt ist? Ein kurzes Zittern der Öffentlichkeit, wenige wispernde Stimmen aus der Politik – das war’s.

Vor sechseinhalb Jahren hat die Havarie eines japanischen Atomkraftwerks in Deutschland eine Energiewende ausgelöst. Heute zieht der Insektozid mitten unter uns keineswegs eine Agrarwende nach sich oder ein Ende der Flächenversiegelung, sondern so ungefähr: gar nichts. Die gerade entstehende Jamaika-Koalition beschäftigt sich mit Steuerfragen, mit Glasfaserkabeln und all diesen zweifellos wichtigen Dingen. Die neue Opposition beschäftigt sich mit sich selbst, was auch immer ein spannendes Thema ist. Doch eine Dringlichkeitssitzung zur galoppierenden deutschen Ökokatastrophe findet nicht statt.

Das alles wirft Fragen auf, weniger zum Gesundheitszustand der Natur als zum Gesundheitszustand von Politik und Öffentlichkeit. Sind die überhaupt noch in der Lage, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden? Ist die Politik für fernsehuntaugliche Katastrophen noch empfänglich? Kann etwas ins Zentrum der Aufmerksamkeit vordringen, das nicht explodiert oder havariert oder schreit oder weint oder vermittels zweier Jahrzehnte unaufhörlich tagender internationaler Konferenzen in die Köpfe gehämmert wurde, wie das beim Klimawandel immerhin der Fall ist?

Warum also versagt die Politik vor dem Phänomen des verstummenden Frühlings?

Tatsächlich enthüllt das Insektensterben ein dramatisches Demokratieproblem, insbesondere ein deutsches. Denn dieses Land hat sich aus sehr guten historischen Gründen angewöhnt, bestimmte Tonlagen in der Politik systematisch zu marginalisieren, um nicht zu sagen, unschädlich zu machen: Alles, was zu laut ist, zu extrem, zu radikal oder zu groß, alles, was sich nach Missionarismus anhört, nach Chiliasmus oder nach Volkserziehung, wird für eine Weile als unterhaltsam akzeptiert, aber sofort niedergemacht und ausgegrenzt, wenn es Ernst, also echte Politik zu werden droht. Nichts gilt in Deutschland so eisern wie das Gebot der mittleren Vernunft. (Und nie galt es so sehr wie in der Ära Merkel.) Und was soll man sagen?! – Bislang hat diese Demokratie mit ihrem Immunsystem gegen alles Ideologische ziemlich gut funktioniert.

Was aber, wenn die mittlere Vernunft einen extremen Wahnsinn verhüllt? Wenn das Schlimme nicht schrill ist? Das ist offenkundig zurzeit der Fall, jedenfalls wenn es um die Ökologie geht. Der Insektozid ist unter anderem die Folge ganz gewöhnlichen Essverhaltens. So viel Fleisch, wie die Deutschen pro Jahr konsumieren, ist eben nur industriell herzustellen, mit Gülleflut, Massenproduktion von Futter und den entsprechenden Folgen für die Sechsbeinigen unter uns. Die sich gerade vollziehende Ökokatastrophe ist zudem die Nebenwirkung "vernünftiger", ganz gewiss in sachlichem Ton erzielter Kompromisse zwischen den Interessen der Natur und denen der Agrarindustrie. Niemandes Adern sind da geschwollen, keiner hat da geschrien, nicht der Prozess war radikal – nur das Ergebnis.

Für Langzeitstudien ist es bereits zu spät

Es kommt aber noch schlimmer. Denn die Demokratie der mittleren Vernunft ist nicht nur blind für die oft extremen Folgen ihres eigenen so gemessen erscheinenden Tuns, sie bestraft zugleich reflexhaft jene, die proportional auf die realen ökologischen Gefahren hinweisen oder versuchen, ihnen entgegenzuwirken. Darum nennt man solche Menschen auch Ökofundamentalisten. Diese Veganer und Baum-Umarmer, diese Vogelliebhaber und Müslifresser, diese Tierschützer und militanten Radfahrer – ja, das sind auch seltsame Leute, sie mobilisieren in sich oft viel Selbstgerechtigkeit, generieren moralische Überlegenheit, erlauben sich Wut und Arroganz. Wie das bei Avantgarden und sonstigen Minderheiten halt so ist. Sie verhalten sich gesellschaftlich unerwünscht oder jedenfalls verdächtig, sie tun aber – auf der anderen Seite – zumeist auch etwas, das, gemessen an den ökologischen Erfordernissen, weit rationaler ist als das Verhalten der in ihrer eigenen Scheinvernunft ersaufenden Mehrheit.

Was also, wenn das Gefährliche und Extreme diesmal nicht an der schrillen Tonlage zu erkennen ist? Womit man bei den Grünen wäre, die 35 Jahre nach ihrer Gründung für diesen Widerspruch zwischen Tonalität und Realität eine klare Antwort gefunden haben: Die Partei, die sich am intensivsten und am detailliertesten mit dem ganz normalen ökologischen Irrsinn unserer Lebensweise beschäftigt, ist heute am meisten darum bemüht, sich bei keinerlei Missionarsarbeit, Hysterie oder Kassandraruferei erwischen zu lassen. Die Grünen sind die Vernünftigsten von allen.

Ganz von allein kam das freilich nicht, denn bei der Erziehung der Grünen durch die Öffentlichkeit war durchaus schwarze Pädagogik im Spiel. Als beispielsweise die Grünen im Jahre 1998 vorschlugen, den Benzinpreis schrittweise auf fünf D-Mark zu erhöhen, um die unsichtbaren Folgekosten des Verkehrs für Mensch und Umwelt im Preis abzubilden, da ging ein Sturm der Entrüstung los, der die Partei um ein Haar an der Fünfprozenthürde hätte scheitern lassen. Und als im vorvergangenen Wahlkampf Renate Künast einen Veggie-Day ins Spiel brachte, wurde sofort der Artikel 20 des Grundgesetzes aktiviert, um der grünen Erziehungsdiktatur entgegenzuwirken. Nun, der Vorschlag mit dem Veggie-Day zielte darauf ab, den für Mensch, Vogel und Insekt höchst ungesunden Fleischkonsum von sechzig Kilo pro Kopf und Jahr ein wenig abzusenken. Die damalige wütende Kampagne gegen den Veggie-Day hat die bevorstehende grüne Ökodiktatur zwar verhindert, allerdings liegt der Fleischkonsum auch heute noch bei denselben sechzig Kilo pro Kopf und Jahr. Nur der Export von Schweinefleisch hat sich noch gesteigert.

Womit wir wieder bei den Insekten sind.

Und bei Winfried Kretschmann. Keiner verkörpert den Widerspruch zwischen vernünftiger Ökologiepolitik und dem eisernen Gebot der mittleren Vernunft besser und tragischer als er. Kretschmann ist ein geläuterter Kommunist, weswegen er aus tiefster Seele alles Missionarische ablehnt und ebenso die heimliche linke Skepsis gegen die Mehrheit. Zugleich ist er auch ein echter Ökologe, ihm ist nicht erst letzte Woche aufgefallen, dass mit den Insekten etwas gewaltig schiefläuft. Wütend wird er aber (öffentlich) nicht etwa gegen die Autoindustrie oder gegen die Agrarlobby – wütend wird er gegen Ökoradikale in der eigenen Partei. Diese Wut ist, soweit wir sehen, kein Ausdruck von Arroganz oder Eitelkeit. Was ihn zerreißt, ist einfach der Widerstreit zwischen Demokratie und Ökologie.

Nun haben sich die Grünen derart zähmen lassen, dass sie nie wieder so radikal klingen wollen, wie es die ökologischen Probleme erfordern. Mit dieser Domestizierung der Partei hat sich die Gesellschaft eines wichtigen ökologischen Sensoriums beraubt. Denn sollten die Grünen nun einmal die Stimme erheben und so Großes fordern und solche Ungeduld zeigen, wie es die Sache selbst nötig macht, dann riefe die Mehrheitsgesellschaft mitsamt ihren Medien gleich: Moralismus, Hysterie, Erziehungsdiktatur ... – und schon kann es weitergehen wie immer: Wo waren wir stehen geblieben? Ach so, ja, kalte Progression, da muss dringend was passieren.

Und die Insekten? Das muss alles erst mal in einer Langzeitstudie ganz genau untersucht werden. Hier liegt schon das nächste Demokratieproblem: Denn das Tempo der ökologischen Zerstörung, die Dringlichkeit von Gegenmaßnahmen nimmt beständig zu, weswegen es nun oft leider zu spät ist für die Langzeitstudien. Die Sache mit den Insekten wird erst dann bis ins kleinste Detail geklärt sein, wenn es möglicherweise (fast) keine Insekten mehr gibt. Ökologische Politik muss darum immer mehr zu einer Art Generalprophylaxe auf empirisch wackliger Grundlage greifen. Auch das wirkt irrational oder zumindest ineffektiv, verstößt also gegen die Intuition der mittleren Vernunft. Obwohl es ja gerade diese mittlere Vernunft war, die einen solchen Zeitdruck erst entstehen ließ. Im Übrigen – ist es nicht der Normalfall des Politischen, Entscheidungen auf dürrer Datenlage im Ungefähren zu treffen?

Schließlich, die Sache mit der Größe. In den USA, auch in Frankreich hat die Politik keinerlei Scheu vor großen Worten oder großen Taten. Im Zweifel wird man dort kleine Reformen in große Worte hüllen. Bei uns, in der Republik Angela Merkels, ist es genau umgekehrt. Selbst historische Taten werden von kargen Worten begleitet. Nur, wenn eben große Taten vonnöten sind, um schlimme Folgen zu verhindern – wie kann dann in einer vom Sound dieser Kanzlerin geprägten Öffentlichkeit und einem vom Föderalismus geprägten System darüber angemessen gesprochen werden?

Nur das Riesige ist groß genug

Unglücklicherweise zeigen sich die demokratischen Dilemmata der mittleren Vernunft, der kleinen Schritte, des maßvollen Kompromisses heute nicht nur bei der Ökologie. Auch das globale Bevölkerungswachstum, die Exponentialitätsmaschine Internet, der Klimawandel natürlich, die explodierenden Ansprüche der Menschen aus den früheren Demutszonen der Erde – alles führt in dasselbe Problem: dass nämlich sehr oft nur noch das Radikale das Realistische, nur das Rasche besonnen und nur das Riesige groß genug ist.

Zurzeit gibt es in Deutschland eine einzige Partei, deren Radikalität proportional zur Realität ist – und das ist die AfD. Das macht einen erheblichen Teil ihres Erfolgs aus. Leider haben die Lösungen der AfD wiederum sehr wenig mit der Realität zu tun, sie würden im Zweifel alles schlimmer machen. Auch das mit den guten deutschen Insekten.

Zum Schluss die gute Nachricht: Vieles, was getan werden müsste, ist gar nicht so radikal, es kommt uns nur so vor, weil wir im Nebel der Verwöhntheit und der Vernünftigkeiten einhertrotten. Halb so viel Fleisch, beispielsweise ist gar nicht radikal, sondern gesund (Extrem sind sechzig Kilo Fleisch, nicht dreißig – fragen Sie Ihren Hausarzt.) Auch was Jamaika zu tun hätte, um das Insektensterben zu bremsen, ist eher schlicht: Die neue Koalition müsste sich dafür einsetzen, dass die Agrarsubventionen der EU künftig an strengere Umweltauflagen gebunden werden. Da geht es um 55 Milliarden Euro für die nächsten fünf Jahre. Außerdem müssten die sogenannten Neonicotinoide verboten werden, das sind Insektizide, die Bienen und andere Insekten orientierungslos machen und damit töten. Und natürlich muss das Glyphosat weg, ein Pestizid, das die ökologische Vielfalt im Boden schädigt und im Verdacht steht, Krebs zu erregen. Gewiss, davon würde das Fleisch teurer – aber das Obst bliebe erschwinglich.

Bs. Bss. Bsssss.

Mitarbeit: Petra Pinzler

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