Das strategische Meisterstück des Iran: Die Schwächen der anderen ausnutzen

Denn diese Region, die ein Staat werden will, befindet sich seit Jahren in der Hand weniger miteinander zerstrittener politischer Dynastien mit eigenen Peschmerga-Verbänden. Die Barzanis waren bislang die mächtigste, sie kontrollieren nicht nur ganze Wirtschaftszweige, sondern durch ihre "Demokratische Partei Kurdistans" (KDP) auch die politischen Institutionen in Erbil. Den Osten der Region dominieren vor allem die Gefolg- und Verwandtschaft des kürzlich verstorbenen Konkurrenten Jalal Talabani und seine "Patriotische Union Kurdistan" (PUK). Letztere pflegen seit Langem gute Beziehungen zu Teheran – schon allein, weil sie eine Grenze mit dem Iran teilen.

Suleimani hat einen Teil der PUK-Führung überzeugt, Kirkuk und andere Gebiete kampflos zu räumen. Es kommt immer noch zu Scharmüteln, es hat Tote und vereinzelt Vertreibungen von Kurden gegeben. Aber der befürchtete große Krieg zwischen den Peschmerga und den teils iranisch finanzierten Streitkräften des Iraks ist (noch) nicht ausgebrochen.

Auch der Iran ist am Zugang zu Kirkuks Ölfeldern interessiert. Doch das war nicht das Hauptmotiv für Suleimanis Intervention. Der Sturz Saddams, die desaströse amerikanische Okkupation, die Arabellionen von 2011, der Krieg in Syrien, die politische Abkehr der USA aus der Region und der Aufstieg des IS haben ideale Voraussetzungen für Irans politische und militärische Ausdehnung bis an das Mittelmeer geschaffen. Forderungen von Minderheiten nach Sezession oder Autonomie sind gefährlich für dieses Vorhaben. Nicht nur, weil der Iran selbst eine kurdische Minderheit hat. Sondern auch, weil Teheran für seinen Aufstieg zur Regionalmacht auf loyale Zentralregierungen in der Nachbarschaft baut: Assad in Damaskus, eine schiitische, proiranische Führung in Bagdad.

Bislang funktioniert dieses Kalkül. Die USA verschärfen zwar ihre Drohgebärden rund um das Nuklearabkommen. Aber es ist nicht ersichtlich, dass Washington irgendeinen Plan zur Eindämmung des Irans im Mittleren Osten hat. Für den Fall, dass Donald Trump die Eskalation weiter vorantreibt, hat Teheran militärische Angriffe auf US-Soldaten im Irak und in Syrien angedeutet. Nach Einschätzung des amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) gab es bereits eine Warnung: ein Angriff Anfang Oktober auf US-Militärs in der irakischen Provinz Salahuddin, bei dem ein Soldat ums Leben kam. Die verwendete Munition, so das ISW, hatte einen "eindeutigen iranischen Fingerabdruck". Offenbar sollte das bemerkt werden.

Qassem Suleimanis nächsten geostrategischen Schachzüge könnten sich bald gegen die syrischen Kurden richten. Die kämpfen an der Seite der USA gegen den IS und sind mit dem Selbstbewusstsein aus ihren Territorialgewinnen sowohl dem Assad-Regime wie auch Teheran ein Dorn im Auge.

Iraks Kurden stehen derweil immer noch unter Schock. Die internen Spaltungen sind wieder offensichtlich, die Wirtschaft kurz vor dem Kollaps, die vor Kurzem noch gefeierten Peschmerga zutiefst gedemütigt.

Immerhin sprechen immer mehr Kurden nun auch eine bittere Wahrheit aus: dass die Region trotz jahrelanger der Autonomie und des Ölreichtums von Korruption und Schulden zerfressen ist – und als unabhängiger Staat gar nicht überlebensfähig wäre.

Die einzige Hoffnung der irakischen Kurden liegt nun ausgerechnet beim irakischen Premierminister Haider al-Abadi in Bagdad. Der ist nicht zuletzt dank der Hilfe Irans wieder Herr über Kirkuk. Aber weder will er zulassen, dass Teheran den Irak als Kampfzone gegen die USA nutzt. Noch will Abadi die Kurden demütigen oder ihre Autonomie aufheben. Er sieht sie als irakische Bürger an – und muss ihnen jetzt beweisen, dass sie in den Grenzen des Irak besser aufgehoben sind als in einem eigenen Staat: durch den Stopp aller Militäraktionen, durch Verhandlungen und Zugeständnisse. Da allerdings könnte ihm der Westen helfen. Weniger in Gestalt der USA, als der Europas.