DIE ZEIT: Sie sollen die Regierung dabei beraten, gute Umweltpolitik zu machen. Nehmen die Politiker Ihren Rat auch an?

Maria Krautzberger: Das Umweltministerium nutzt unsere Expertise, wenn es neue Gesetze oder Verordnungen entwirft.

ZEIT: Tatsächlich? Sie fordern doch seit Jahren mehr Anstrengung im Klimaschutz – ohne große Wirkung.

Krautzberger: Das Thema spielt in der Politik seit der Klimakonferenz in Paris – auf der sich die Regierungen geeinigt haben, den Anstieg der Temperaturen zu begrenzen – leider nicht mehr die zentrale Rolle, die es haben müsste.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Krautzberger: Die Erwärmung der Atmosphäre und die Folgen haben offensichtlich keinen Neuigkeitswert mehr. Also berichten die Medien weniger darüber. Deshalb fehlt der nötige Druck auf die Politik, mutig zu handeln. Und dann wirkt auch unser Rat nicht. Unser Einfluss funktioniert oft nur indirekt, über die Öffentlichkeit.

ZEIT: Das heißt, die Medien sind einflussreicher in der Klimapolitik als das Umweltbundesamt?

Krautzberger: Die Politiker nehmen ein Problem jedenfalls sehr viel ernster, wenn es in den Medien eine Rolle spielt. Speziell beim Klimawandel haben wir das Problem, dass wir nicht immer wieder mit Neuigkeiten aufwarten können. Viele Veränderungen sind schleichend und damit für die Medien tendenziell langweilig.

ZEIT: Das heißt, wir Medien versagen?

Krautzberger: Ich würde mir wünschen, dass Sie nicht nur berichten, wenn in der Schweiz die Gletscher schmelzen oder Dörfer unter Steinlawinen begraben werden. Oder wenn in Bayern ein Starkregen fällt und man den Zusammenhang mit den Klimaveränderungen nicht einmal wissenschaftlich belegen kann. Sie könnten Ihren Lesern beispielsweise den Zusammenhang zwischen Klimawandel und ihrem persönlichen Verhalten klarer machen. Man kann nicht mit Billigfliegern durch die Welt reisen – und glauben, das habe keine Auswirkungen auf das Klima.

ZEIT: Wenn die Folgen der Klimaveränderungen so dramatisch sind, müsste das Umweltbundesamt nicht einfach lauter warnen?

Krautzberger: Selbst dann: Es gibt eben immer andere Themen, mit denen wir um die Aufmerksamkeit konkurrieren. Wir werden das aber vor der nächsten Klimakonferenz tun, die ja in ein paar Tagen in Bonn startet.

ZEIT: Welche Umweltthemen bewegen denn die Öffentlichkeit mehr als der Klimawandel – und dann auch die Politik?

Krautzberger: Wir untersuchen einmal im Jahr das Umweltbewusstsein der Deutschen. Danach sehen die Befragten derzeit das mit Abstand größte Problem beim Plastik im Meer.

ZEIT: Ein größeres Problem als der Klimawandel?

Krautzberger: Zumindest scheinen die Menschen das aus den Medien so wahrzunehmen! Auch das liegt an der Berichterstattung. An den vielen Filmen auf YouTube, von Vögeln, die sterben, weil sie Plastik fressen. Ich will das Problem nicht kleinreden. Aber die Erderwärmung ist für die Zukunft auf diesem Planeten ungleich gefährlicher.

ZEIT: Gibt es ein Muster, nach dem Menschen auf Umweltprobleme reagieren?

Krautzberger: Aufmerksamkeit finden alle Umweltprobleme, die man sieht und hört oder die sich auf die Gesundheit auswirken. Oder auf die Geldbörse. Als wir kürzlich davor warnten, dass das Trinkwasser teurer werden könnte, wenn man das Nitratproblem nicht in den Griff bekommt, hat das für einen Aufschrei gesorgt.

ZEIT: Wie hängen da Umweltverschmutzung und Geldbörse zusammen?

Krautzberger: Die Landwirte bringen häufig zu viel Gülle auf ihre Felder, daher steigt der Nitratgehalt im Grundwasser. Nitrat wiederum ist schädlich für die Gesundheit, also müssen die Wasserversorger es aus dem Trinkwasser raushalten. Also könnten die Kosten für Trinkwasser steigen. In hoch belasteten Gebieten könnte eine vierköpfige Familie pro Jahr bis zu 134 Euro mehr zahlen müssen, wenn nichts passiert. Der Bauernverband hat heftig gegen diese Rechnung protestiert.