Einst arbeitete Matthias Jung aktiv daran, die Linken von der Macht fernzuhalten. Ende der siebziger Jahre, als Asta-Vorsitzender und Mitglied der konservativen Hochschulgruppe "Demokraten ’70" bekämpfte er die Rivalen vom Marxistischen Studentenbund. "In einer Zeit", sagt Jung, "als man sich in der Politik noch richtig gefetzt hat."

Heute ist Jung so etwas wie der Graf Zahl der Politszene. Als Chef der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, die unter anderem das ZDF-Politbarometer erstellt, verkörpert er den nüchtern-distanzierten Demoskopen. Plötzlich aber spielt er eine spannende Rolle mitten im Richtungsstreit der Union.

Die AfD als Chance für die Union heißt ein Aufsatz, den Jung 2015 in der CSU-nahen Zeitschrift Politische Studien veröffentlichte. Darin schreibt er, das Aufkommen der AfD biete eine doppelte Chance für CDU/CSU. "Zum einen wird ihre Fokussierung auf die politische Mitte glaubwürdiger, wenn rechtspopulistische Positionen außerhalb der Union ihre Heimat finden. Und zum anderen wird es schwerer für Rot-(Rot-)Grün, zu parlamentarischen Mehrheiten zu kommen." Im Klartext: Eine neue Kraft rechts der Union sei nicht so schlimm, weil dadurch eine linke Regierung kaum möglich werde.

Seit kürzlich bei Anne Will prominent von dem Aufsatz die Rede war, gibt es Fragen nach Jungs Einfluss. Geht die Strategie der Union im Wahlkampf auf seine Empfehlung zurück? Für Jung ist das eine heikle Frage. Nicht nur, weil sie seine Unabhängigkeit als Forscher berührt. "Es heißt sogar, ich sei mit schuld am hohen Wahlergebnis der AfD. Das ist reine Verschwörungstheorie!", sagt er im persönlichen Gespräch in Mannheim. Aber welchen Einfluss hatte er auf die Kanzlerin und ihre Haltung zur AfD?

Jung begleitet Merkel schon lange politisch. 1991 lernte er die damalige Frauenministerin im Rahmen einer Studie kennen. Seit 2000 liefert er der CDU-Chefin immer wieder demoskopische Argumente für die Neuausrichtung ihrer Partei. Jungs Mantra: Der Union sterben ihre traditionellen Wähler weg – etwa eine Million alle vier Jahre. Neue Wähler finde sie nur in der politischen Mitte. Auf die letzten Anhänger eines klaren Rechtskurses brauche die Partei keine Rücksicht nehmen. Die wählten ohnehin die AfD und seien kaum zurückzugewinnen.

Betrachtet man Jungs Analysen vergangener Jahre, wirken sie wie ein Rezeptbuch. Er sei nicht Merkels Einflüsterer, wehrt sich der Wahlforscher. "Ich bin bestenfalls ab und an ihr Sparringspartner." Die Grenzen zwischen Analyst und Berater sind allerdings fließend. "Aus einer Lageanalyse ergibt sich ja meist fast zwangsläufig eine Strategie", sagt Jung.

War die Kanzlerin mit ihrem Kurs erfolgreich? Durchaus, so Jung. Im Vergleich zu 2009 habe sie nur 0,9 Punkte verloren – und eine linke Mehrheit verhindert. Bereits 2009 fanden einige in der Union, rund 33 Prozent seien kein gutes Ergebnis, die Partei bräuchte darum ein schärferes Profil. Es gab eine CDU-Vorstandsklausur, in der Jung die Wahl auswertete. Teilnehmern erschien das wie ein hermeneutischer Zirkel: Trotz der Verluste bewertete Jung schon damals Merkels Mitte-Kurs als richtig – zu dem er vorher geraten hatte.

Privat beschäftigt sich Matthias Jung seit Langem mit Militärsoziologie. In der frühen Neuzeit etwa sei die Strategie der Heerführer gewesen, den Zusammenprall mit dem Gegner zu vermeiden, erzählt er. Das erinnert an Merkels Wahlkampf.