DIE ZEIT: Herr Ricard, Sie haben ein monumentales Buch namens Allumfassende Nächstenliebe geschrieben. Viele Seiten verwenden Sie darauf, zu belegen, dass selbstloser Altruismus existiert. Warum diese Mühe?

Matthieu Ricard: Man könnte Altruismus nicht kultivieren, wenn alles Handeln nur zweckgerichtet wäre. Doch genau diese Kultivierung braucht die Menschheit. Sie muss weitsichtiger werden. Es bedarf der Weitsicht und des Mitgefühls, um nicht den unmittelbar verlockenden und harten Profit zu wählen. Wenn wir uns nicht nur aufs nächste Jahr fixieren, sondern die Entwicklung der Menschheit seit zwei Jahrhunderten anschauen, müssen eigentlich alle sagen: Mehr Hilfsbereitschaft und Kooperation wären von immensem Nutzen.

ZEIT: Doch viele wehren sich gegen die These, dass wahrer Altruismus existiert.

Ricard: Ja, ich hatte unterschätzt, wie viele Denkrichtungen dem widersprechen: diverse Schulen der Philosophie, viele Psychologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch klassische Ökonomen. Sie glauben fest daran, dass man bei jeder Handlung ein selbstsüchtiges Motiv entdeckt. Aus deren Sicht sind Menschen einfach so.

ZEIT: Sie fühlten sich herausgefordert?

Ricard: Es hat mich gestört, weil es den Versuch sinnlos macht, Mitgefühl zu lehren – er wäre dann gleich dem Versuch, ein Stück Kreide zu waschen, damit Gold dabei herauskommt. Es bleibt nichts übrig.

ZEIT: Aber auch in der Sicht Ihrer intellektuellen Kontrahenten können Menschen sich so verhalten, dass andere etwas davon haben. Nur eben nicht aus selbstlosen Motiven. Was missfällt Ihnen daran?

Ricard: Es gibt nichts am Selbstinteresse per se auszusetzen. Aber als erstes oder gar alleiniges Motiv schließt es aus, dass Menschen altruistischer werden können. Ich fordere ja nicht, dass wir alle immer altruistisch sind. Ich möchte nur zeigen, dass solches Verhalten ein Teil der menschlichen Natur ist. Man muss es unterscheiden vom Verhalten, das altruistisch aussieht, aber einem anderen Ziel folgt. Schön und gut, wenn wir in der Gesellschaft ein Wie-du-mir-so-ich-Dir haben, bei dem man anderen hilft, solange sie uns helfen. Warum nicht? Doch so etwas fällt in sich zusammen, wenn der Mensch keinen Nutzen für sich mehr darin sieht. Nur wahrer Altruismus bleibt bestehen, wenn es dafür nichts mehr gibt.

ZEIT: Man darf also nichts zurückbekommen?

Ricard: Natürlich können Sie auch etwas zurückbekommen. Es kann nur nicht das entscheidende Motiv des Handelnden sein. Altruismus erfordert aber auch kein Opfer. Man muss nicht leiden, um altruistisch zu sein. Das wäre ja eine dumme Idee. Aber wenn man dafür tatsächlich einmal leiden muss, dann wägt auch eine altruistische Person ab, ob altruistisches Handeln nicht relativ nutzlos ist. Ich nehme das Beispiel, in kaltes Wasser zu springen, um den Ring eines Millionärs zu ertauchen. Aber wenn man für einen guten Zweck etwas vom eigenen Wohlbefinden opfert, weil dabei für andere so viel mehr Glück oder weniger Leid steht, ja dann macht es auch Freude. Es gibt dann kein Opfer mehr. Die meisten Menschen, sie so handeln, fühlen sich hinterher sogar besonders wohl.

ZEIT: Normalerweise ist unser Verhalten von gemischten Motiven getragen, oder?

Ricard: Natürlich. Aber die Mischung können wir ändern. Manche glauben, dass sie gar nicht das Potenzial für altruistisches Handeln haben. Und psychologische Studien zeigen: Wenn man das meint, dann verhält man sich auch so. Viele Denker haben die westliche Zivilisation in diese Richtung beeinflusst, obwohl nicht eine Studie die Idee stützt, dass Menschen generell selbstsüchtig sind. Machen wir Schluss mit dem Irrglauben!