Der Titel der Ausstellung Max Beckmann – Welttheater ist ein Pleonasmus. Denn nicht nur die zentralen Werke Beckmanns, die großen Triptychen, sind dramatisch konzipierte Bildinszenierungen, Theater zwischen Antike und Gegenwart, Alltag und Bühne, Oben und Unten. Auch sonst spielen Akrobaten und Schausteller, Clowns und Magier, Darsteller und Selbstdarsteller (zu denen auch der Künstler selber gehört) die Hauptrollen im Werk von Max Beckmann. Manchmal sind sie mit Kostümen ausgestattet, vor allem aber mit Requisiten, von der Krone bis zum Korsett, von der Tröte bis zum Schwert.

Wenn die Bremer Ausstellung dennoch ihre sehr eigene Qualität hat, dann weil sie einerseits und nicht zuletzt dank der eigenen Bestände des Hauses eine kleine Retrospektive ist, andererseits aber Beckmanns theatralische Sendung bis in die bildnerische Erzählung der Grafikmappen wie Die Hölle, Stadtnacht, Der Jahrmarkt und Berliner Reise verfolgt. Und mit wenigen kleinen Skulpturen, die sonst selten oder gar nicht zu sehen sind, noch einen besonderen Akzent setzt. Da dehnt und streckt sich die Tänzerin in Bronze am Boden so weit im Spagat, wie es die 24 Zentimeter Lebenslänge erlauben. Und das männliche Pendant biegt sich in der Brücke nach hinten, bis die Hände am Boden sind. Der Mann im Dunkeln geht mit pathetisch erhobenen Händen und zur Seite gewendetem Kopf ins Nirgendwo. Fremde zwischen den großen Bildern. Und doch auch Verwandte der dort agierenden Personen.

Dass die Welt eine Bühne ist, hat Shakespeares Hamlet verkündet. Max Beckmanns Affinität zum Theater, Zirkus und Varieté ist eine lebenslange Geschichte, die entscheidend von der Erfahrung des Krieges und dann von der Flucht vor den Nazis nach Amsterdam sowie der Emigration nach Amerika geprägt war. Das letzte Werk, das er vollendete, war das Triptychon Argonauten. Die letzte Tagebucheintragung vom 26. Dezember 1950 betrifft dieses Werk und das Bild Theatergarderobe. Einen Tag später machte Beckmann sich auf den Weg zu der Ausstellung American Painting Today im New Yorker Metropolitan Museum, in der sein neues Selbstporträt gezeigt wurde, das mit der knallblauen Jacke. An der Ecke Central Park West und 69th Street fiel er um, und das war kein Theater – er war sofort tot. Die Argonauten sind in Bremen zu sehen, ebenso wie die Schauspieler, zwei Triptychen, die allein eine Ausstellung tragen könnten.

Stephan Lackner, Bewunderer, Sammler und Freund Beckmanns, schrieb 1938 einen Essay mit dem Titel Das Welttheater des Malers Max Beckmann. Das war eine so zutreffende wie auch prophetische Feststellung, denn damals gab es erst zwei der neun Triptychen, deren Struktur bildprägender war als irgendeine stilistische Entwicklung. Mit den Triptychen, die zwischen 1932 und 1950 entstanden, nahm Beckmann die Form des Drei-Flügel-Altars der alten Meister auf, die ihm besonders durch Dürer und Grünewald vertraut war und die er – angeregt durch die Experimente des deutschen Theaters der zwanziger Jahre – für seine eigenen Absichten nutzbar machte. In Berlin sah er Aufführungen auf Piscators neuer Simultanbühne. Mit Heinrich George, einem der bedeutendsten Schauspieler dieser Zeit, war Beckmann befreundet. Das Bild von George und seiner Familie, dazu das Bildnis des zartgliedrigen Schauspielers Zeretelli zeigen Protagonisten dieser Welt.

Beckmann, der sich im Selbstporträt von 1907 als junger Dandy im dunklen Anzug und mit einer lässig in der Hand gehaltenen Zigarette vorgestellt hatte, war 1918 schwer verwundet aus dem Krieg zurückgekommen. Danach fing er ein völlig neues Leben an, ging als Künstler auf Distanz zur realen Welt. Der Zirkus und das Theater wurden zu seinem Thema, dem der Zeit adäquaten Auftrittsort, er selber zum Zirkusdirektor und Artisten. Mit dem Selbstbildnis Der Ausrufer leitete er 1921 das Mappenwerk Jahrmarkt ein. Er steht vor dem Schild "Circus Beckmann", hat eine Zigarette zwischen den Zähnen, eine Glocke in der linken Hand und weist mit dem Zeigefinger der rechten energisch auf irgendetwas hin. Im selben Jahr hat er sich auf dem Selbstbildnis als Clown in einen Schaukelstuhl gesetzt. Auf seinem Schoß liegen eine kleine Trompete und eine Maske, in der linken Hand hält er eine Narrenpritsche, den rechten Arm streckt er leicht verdreht dem Betrachter zu. Der Schauspieler behält sich alles vor.

Und der Regisseur auch. Auf dem mittleren Bild des ersten Triptychons Abfahrt / Departure (1937) setzt Beckmann der zentralen Figur die Königskrone auf. Der König bleibt ein König, auch wenn er auf seinem Boot das Land verlassen wird. Als Curt Valentin, der Freund und Kunsthändler in New York, ihn im Auftrag von Interessenten nach der Bedeutung des Werkes fragte, antwortete Beckmann: "Stellen Sie das Bild weg ... Es kann nur zu Menschen sprechen, die bewusst oder unbewusst den gleichen metaphysischen Code in sich tragen ... Abfahrt, ja, Abfahrt vom trügerischen Schein des Lebens."

Auf seinem letzten Werk Argonauten (1949), das die Reise des Odysseus und seiner Gefährten zur Rückeroberung des Goldenen Vlieses zum hintergründigen Anlass hat, steht auf dem linken Flügel ein Mann mit einer Palette unter dem Arm vor einer Leinwand. Vor ihm sitzt eine barbusige Frau mit starken Schenkeln und einem spitzen Schwert, das auf den Mann gerichtet ist. Die Vorstellung geht weiter.

"Ein lächerlicher alter Clown bin ich und nichts anderes ... Schluss der Vorstellung sehr bald – a Dio". Max Beckmann schrieb das am 18. April 1946 in Amsterdam in sein Tagebuch.

Bis zum 4. Februar 2018 in Bremen, danach im Museum Barberini Potsdam (vom 24. Februar bis zum 10. Juni). Der hervorragende Katalog ist im Prestel Verlag erschienen und kostet im Museum 29,– €