Es ist nicht so, dass alles von allein gehen würde, nur weil man designierter Ministerpräsident ist. Deshalb sitzt Michael Kretschmer am Montagmorgen in einer Dresdner Bäckereifiliale und bekommt keinen Kaffee. Die Bedienung ignoriert ihn. Erst beim dritten Versuch hat er Glück.

Kretschmer, 42, wird in Sachsen bislang eher selten im Café erkannt. Aber: Das dürfte sich bald ändern. Er, der 2002 in den Bundestag einzog, dort zuletzt Vizechef der CDU-Fraktion war, 2017 aber sein Direktmandat an die AfD verlor – soll jetzt Stanislaw Tillich als CDU-Regierungschef nachfolgen.

Man muss Kretschmer um die Arbeit, die da auf ihn zukommt, nicht beneiden. Plötzlich soll er das Labor leiten, in dem erprobt wird, wie man in Deutschland die AfD besiegt. Und zwar dort, wo sie am stärksten ist: In Sachsen landete die AfD bei der Bundestagswahl bekanntlich vor der CDU – was zu Tillichs Rücktritt führte. Nun liegt es an Kretschmer: Er war in den vergangenen Jahren als Sachsens CDU-Generalsekretär der loyale Mitstreiter an Tillichs Seite. Nun soll er verhindern, dass die AfD 2019 die Landtagswahl gewinnt. Er hat eine Chance. Diese.

Michael Kretschmer ist der Erste aus der Gruppe talentierter junger Konservativer in der Bundes-CDU um den Finanz-Staatssekretär Jens Spahn, der jetzt in Verantwortung als Regierungschef kommen soll. Und er ist in der Vergangenheit mit dezidiert konservativen Positionen aufgefallen: Ungarns Grenzzaun fand er schon immer gut, das Adoptionsrecht für Homosexuelle lehnte er einst mit dem Satz ab: "Ich finde, es reicht auch mal." In der ersten Pressekonferenz, jetzt nach seiner Nominierung, versprach Kretschmer, künftig für "deutsche Werte" einzustehen und für einen "starken Staat". Die Frage drängt sich also auf: Will Kretschmer die Sachsen-CDU retten, indem er sie weiter nach rechts führt?

Kretschmer, im Bäckereicafé, weiß sofort, dass das eine gefährliche Frage ist. Und er sagt, was auch Jens Spahn immer sagt, wenn er gefragt wird, ob er für einen Rechtsruck steht: "Nein. Ich bin außerdem der Meinung, jede Rechts-links-Zuschreibung ist ungeeignet für die Lösung unserer Probleme. Man muss eine anständige Politik machen, zu seinen Haltungen stehen." Kretschmer, rotes Haar, noch immer sehr jugendliches Gesicht, kann gut reden, er streitet gerne, er stellt sich auch hitzigen Debatten – das allein unterscheidet ihn schon von Stanislaw Tillich, dessen Politikstil auf Konfliktvermeidung basierte. Kretschmer war immer dafür, mit Populisten direkt ins Duell zu gehen. Schon 2015 sagte er, dass es ein Fehler der sächsischen Union gewesen sei, nicht von Anfang an mit den Wohlmeinenden unter den Pegidisten das Gespräch gesucht zu haben. Gerade deshalb trifft es ihn besonders, in seinem ostsächsischen Wahlkreis gegen einen unbekannten Malermeister von der AfD das Direktmandat verloren zu haben.

Dieses Ereignis, der Tag der Bundestagswahl, war die größte Niederlage seiner bisherigen Karriere. Dabei war sie gar nicht nur sein persönliches Verschulden. In Görlitz hätte die CDU diesmal aufstellen können, wen sie will – die AfD hätte wohl so oder so gewonnen. Zu groß war die Wut der Bürger.

Tief getroffen hat Michael Kretschmer das Erlebnis trotzdem. Und es hat ihn nachdenklich gemacht. Noch in der Wahlnacht sagte er: Vielleicht sei es so, dass die Demokratie das jetzt einfach einmal brauche – eine AfD im Parlament. Kretschmers Vorstellung von einer korrekten Politik entspricht es, dass alle sich vertreten fühlen. Und wenn das bedeutet, dass die AfD im Bundestag sitzt: Dann ist es eben so.

Ist vielleicht gerade so einer der Richtige, um jetzt herauszufinden, wie die CDU die AfD in Schach halten kann? Einer, der schon weiß, wie es sich anfühlt, wenn sich die Wut der Bürger gegen einen wendet?