Manchmal kann man sie sehen, kurz und flüchtig, im Vorbeigehen auf den Fluren teurer Hotels, oder in Treppenhäusern, beim Tragen schwerer Geräte. Man kann sie sehen in den Bullaugen der Küchentüren nobler Restaurants oder in angesagten Clubs, wenn sie im Morgengrauen das getrocknete Bier vom Boden schrubben. Man kann sie sehen auf Baustellen, an Tankstellen, in Lagerhallen.

Meistens sieht man sie nicht.

Menschen wie Samuel O. Wie Amadou M. und Mohammed T. (alle Namen geändert). Geflohen aus Nigeria, dem Senegal, Syrien. Gestrandet in Berlin. Und hier: Schwarzarbeiter. Drei von Ungezählten, offizielle Statistiken über sie gibt es nicht. Nur die Furcht, dass da draußen, seit dem Sommer 2015, seit über 1,3 Millionen Menschen ins Land kamen, Abertausende von Ausgebeuteten in die Nischen des deutschen Arbeitsmarktes eintauchen – und dort im Schatten aller Rechte schuften.

Es sind Geschichten ohne Schlagzeilen, vornehm übergangen auf Wahlkampfbühnen und in Koalitionsverhandlungen. Dabei frohlockten Deutschlands Industrie- und Politikgrößen, als sie vor zwei Jahren all die Menschen aus Trümmerländern ins Land der Träume ziehen sahen. Dieter Zetsche, Chef von Daimler, entdeckte in ihnen "eine Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder". Arbeitsministerin Andrea Nahles kündigte ein Programm an, das 100.000 Ein-Euro-Jobs für Zuwanderer mit offenem Asylverfahren schaffen sollte. Im April dieses Jahres erklärte es die Opposition für gescheitert, Medien sprachen vom "großen Job-Flop".

Die wenigsten sprechen bereits gut genug Deutsch, um sich im deutschen Arbeitsalltag einzufinden, und so hatte im zweiten Halbjahr 2016 nur jeder Zehnte derer, die 2015 gekommen waren, einen Job, eine Ausbildung oder ein bezahltes Praktikum. Die Bundesagentur für Arbeit schreibt in einem Bericht, für fast zwei Drittel der arbeitslosen Geflüchteten kämen allein Helfertätigkeiten infrage.

Und dort, im Trupp der Aushilfen, setzt man selten auf Verträge. Was Fluch und Segen sein kann.

Ohne Sprache

Er sitzt in seiner Einzimmerwohnung und sucht nach einem Dokument vom Jobcenter, kramt in einer Mappe, da ist es ja, "Vorläufige Bewilligung von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes". Monatlicher Gesamtbetrag 540 Euro, abzüglich Wohnungskosten (411 Euro) und Leistungen zur Eingliederung nach dem SGB II (40,40 Euro). Zahlung von 88,60 Euro an Mohammed T.

"Ich muss schon meinen Eltern, die noch in Syrien sind, jeden Monat Geld schicken, mal 200 Euro, mal 400", sagt Mohammed T., 26 Jahre alt. Also müsse er zusätzliches Geld herbeischaffen, und eine Arbeitserlaubnis gestattet es ihm auch ganz offiziell. "Aber", er zieht ein weiteres Dokument aus der Mappe: Sprachzertifikat, Niveau A2, Anfänger, "egal bei wem ich nach Jobs frage, alle wollen mindestens B1-Niveau."

Bei der Suche nach Arbeit waren bislang nur jenen seine Deutschkenntnisse egal, die sich auch nicht für Mindestlohn oder Unfallschutz interessierten. Ein libanesisches Lokal bot ihm eine Stelle als Putzmann an, sechsmal die Woche kommst du, putzt, von zwei Uhr nachts bis acht Uhr morgens, dafür kriegst du 500 Euro im Monat. Da lehnte er noch ab.

Aber als ihm ein Kioskbesitzer fünf Euro die Stunde versprach, schlug er ein. Ein Jahr lang verkaufen, Boden wischen, Regale einräumen. In Syrien riefen die Eltern nach mehr Geld.

Ihr Leid nahm zu im Bürgerkriegsland, und mit dem Leid die Lebensmittelpreise, und mit den Preisen die Überweisungen nach Hause. Die Wirtschaftswoche meldete unter Berufung auf Daten der Bundesbank, dass allein im vergangenen Jahr die Geldtransfers nach Syrien von 18 auf 67 Millionen Euro gestiegen sind.

Im Mai begann Mohammed T. schwarz als Küchenhilfe in einem Fischrestaurant. Allerdings, sagt er, werde man als Flüchtling anders behandelt als die restlichen Angestellten, schlechter, müsse die schwersten Tätigkeiten verrichten. Jeden Abend schluckt er darum Tramadol Librapharm 50 mg, ein Schmerzmittel. Die Flucht und die Arbeit, der Kopf und der Rücken.

Einmal kam der Zoll im Lokal vorbei, Abteilung "Finanzkontrolle Schwarzarbeit". Vor Kurzem haben die Fahnder ihre Ausbeute der ersten Jahreshälfte vorgelegt, 27 323 überprüfte Arbeitgeber, 2.433 Ermittlungsverfahren wegen nicht gezahlter Mindestlöhne. Als sie diesen Sommer Mohammed T. entdeckten, beschwichtigte der Chef die Fahnder. Man habe keine Papiere, weil das erst der dritte Probetag des Jungen sei. Die Prüfer gingen ohne Beanstandung.