DIE ZEIT: In Ihrem Stück Lenin lassen Sie den Revolutionär Trotzki Folgendes sagen: "Die Zukünftigen werden mit Amüsement, aber auch mit Verachtung auf uns zurückblicken." Wie werden denn die Menschen in 30 Jahren auf uns zurückblicken? Anders gesagt: Wie denken Sie sich die Weltgemeinschaft in 30 Jahren?

Milo Rau: Entweder wir haben in 30 Jahren einen internationalen Wirtschaftsgerichtshof und ein Weltparlament und eine Demokratisierung des globalisierten Kapitalismus – oder eben nicht. Entweder haben die Leute, die heute nicht mitreden können, bis dahin eine Lobby, oder sie haben keine. Entweder wir retten die Welt oder nicht.

ZEIT: Glauben Sie, man kann sie retten? Indem man die Zukunft spielerisch vorwegnimmt?

Rau: Ja, ich glaube, dass Zukunft im Spiel sichtbar und formbar wird. Wir wollen das Wissen und die Erfahrungen, die wir haben, in Institutionen gießen, etwa indem wir jetzt in Berlin spielerisch ein Weltparlament gründen. An die großen Entwürfe, die alles auf einen Schlag lösen, glaube ich nicht mehr. Man muss jene Möglichkeiten, die man für richtig erachtet, institutionalisieren und Netzwerke bauen. Was etwa die Klimakatastrophe angeht, die ist bewiesen, man muss nicht mehr über sie sprechen. Man muss was gegen sie tun.

ZEIT: Aber dieser geduldige Aufbau von Netzwerken wird doch torpediert durch Gestalten wie den amerikanischen Präsidenten, der schlicht nicht an Klimawandel glaubt. Wie integrieren Sie den menschlichen Irrsinn in Ihren Plan?

Rau: Man muss diesen Irrsinn bändigen und neutralisieren. Das ist unser größtes strukturelles Problem: Nationen machen Globalpolitik. Nationen, die von Präsidenten regiert werden. Nationen waren ein Funktionsprinzip des 18. und 19. Jahrhunderts, heute sind sie ein Hindernis. Über Klimawandel spricht man seit 20 Jahren, aber die Entscheidungsgewalt liegt nicht bei den Betroffenen, sondern bei irgendwelchen nationalen Gremien. Und da herrscht überall große Koalition: Die Leute wollen, dass der bestehende Zustand noch mindestens zehn Jahre weitergeht. Sie haben Angst vor dem Chaos, vor der Gewalt. Aber der Stillstand ist ein gewalttätiger. Auch jetzt, bei uns.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Rau: In meinem Stück sagt Lenin am Schluss: "Wir sind von Sklaven zu Sklavenhaltern geworden. Unsere Freiheit gilt für den Rest der Welt nicht." Und so ist es heute auch bei uns. Deshalb glaube ich, dass langfristig zwei Möglichkeiten bestehen: Entweder es wird bei uns irgendwann zu einer Phase großer Gewalt kommen, einem Re-Import der Gewalttätigkeit, die wir gegen Teile der Welt außerhalb Europas anwenden.

ZEIT: Oder aber ...

Rau: Oder aber wir überwinden die nationale Phase und schaffen den Weg zu einer Regional- und Weltpolitik. Man kann die Bourgeoisie nicht in einer nationalen Bewegung besiegen, denn der Nationalstaat ist eine Erfindung dieser Herrschaftsform. Meine linken Freunde in der Schweiz sprechen über das Grundeinkommen, also die Idee, dass die Gewinner der Geburtslotterie im eigenen Land auch noch ständige Geldausschüttungen bekommen sollen. Aber der Zufall der Geburt in den Adelsstand darf nicht bedeuten, dass man automatisch reich ist.

ZEIT: Adelsstand?

Rau: Natürlich kommt eine Geburt in Europa einer hochherrschaftlichen Geburt gleich. Wir Europäer leben im Adelsstand. Ein Milo Rau im Kongo, ein Mann mit meinem Geburtsdatum, wäre entweder schon tot oder lebte an der Armutsgrenze oder wäre geflohen. Das sind die drei Möglichkeiten, die ein Milo Rau hat, den die Geburtslotterie im Kongo zur Welt kommen lässt. Und der Milo Rau aus der Schweiz macht zweifelhafte Trauerspiele an der Berliner Schaubühne. Der Zufall bestimmt alles. Das ist ein Skandal, den darf man nicht hinnehmen. Entweder es gibt ein gutes Leben für alle, oder es gibt gar kein gutes Leben.

ZEIT: Der Reichtum weniger Menschen wird aber immer absurder. Nehmen wir nur die von Bernie Sanders so gern erwähnten Gebrüder Koch. Deren Geldmacht wächst ins Unermessliche. Wie können Sie, Herr Rau, bei alldem daran glauben, eine gerechtere Verteilung sei möglich?

Rau: Es gibt dieses berühmte Zitat von Gramsci: Pessimismus der Vernunft, Optimismus des Willens. Das hat gar nichts mit Naivität zu tun. Man muss nur wissen, wie man organisiert. Die Idee der Solidarität macht mir einfach Spaß. Sie ist auch eine Möglichkeit, Wissen zu generieren. Sie ist fast schon ein Alibi, Dinge zu erfahren und zu erleben.