Wer heute in den Hamburger Stadtteil Finkenwerder kommt, sieht die Montagehallen von Airbus – und reihenweise Apfelbäume. Die Elbhalbinsel, rund 19 Quadratkilometer groß, ist nicht nur einer der weltweit größten Standorte des Flugzeugbauers, sondern auch ein bedeutendes Obstanbaugebiet, das sich trotz der Hightech-Fabriken seinen dörflichen Charakter bewahrt hat.

Wer damals, in den zwanziger Jahren, nach Finkenwerder kam, der betrat eine andere Welt. Das vom breiten Strom der Elbe umschlossene Stück Land war noch eine richtige Insel und nur durch eine Fähre mit dem Festland verbunden.

Das nahe gelegene Hamburg, die Großstadt mit ihren mondänen Restaurants, Musikhallen und Cafés, schien so fern wie der Mond. Die Bewohner lebten in ihrem eigenen Mikrokosmos, sie waren Bauern und Fischer, schweigsame, hart arbeitende Menschen, an Entbehrungen gewöhnt.

In diese abgeschiedene Welt wird Paul, die Hauptfigur in Agnes Krups Debütroman Mit der Flut, hineingeboren. Er ist der jüngste von drei Söhnen einer Obstbauernfamilie. Doch anders als sein Bruder Johann, der sich mit der Situation arrangiert und Lehrer im Ort wird, flieht Paul aus der Enge seiner Heimat. Im Jahr 1923, mit gerade einmal 15 Jahren, geht er als blinder Passagier an Bord des Überseedampfers Hansa, seine Eltern sind ahnungslos. Das Ziel seiner Sehnsucht: New York.

In der Neuen Welt angekommen, folgt die Ernüchterung. Niemand hat auf den bettelarmen Jungen aus Europa gewartet. Doch er versteht es, sich durchzuwursteln, eine Eigenschaft, die ihm in seinem verschlungenen Leben noch oft zugutekommen wird.

Paul findet Quartier bei einer geschäftstüchtigen irischen Immigrantin, die im Obergeschoss ihres Hauses in Brooklyn wilde und geheime Partys veranstaltet. Er hat Arbeit als Tischler, wird Mitglied im Turnverein und hat diverse Freundinnen. Kurz: Er baut sich, wie Tausende andere Einwanderer auch, eine bescheidene Existenz in Amerika auf.

Damit könnte diese Geschichte zu Ende sein. Wären da nicht zwei Dinge: Pauls Liebe zur sizilianischen Immigrantin Antonina. Und sein Wunsch, Arzt zu werden. Weil er sich das Studium in den USA nicht leisten kann, lockt seine Mutter ihn zurück nach Deutschland. Ein Land, das von den Nazis regiert wird. Paul studiert, wird Mitglied der SA, wird im Krieg eingezogen, entzieht sich ihm durch eine List, hungert, friert – und überlebt. Während all dieser Jahre wartet Antonina stoisch auf ihren Geliebten, schickt Carepakete an seine Familie.

Das klingt wie eine ausgedachte Schmonzette, beruht aber auf einer wahren Geschichte. Agnes Krup, die selbst auf Finkenwerder geboren ist und seit vielen Jahren in New York lebt, wo sie als Lektorin und Literatur-Agentin tätig ist, hat in dem Buch ihre Familiengeschichte verarbeitet. Genauer gesagt: die ihres in die USA ausgewanderten Großonkels. Nach dem Tod von dessen Witwe bekam Agnes Krup eine Tasche voller alter Briefe, Fotos und Zeitungsausschnitte. Der Roman, erzählte die Autorin in einem Interview, habe sich anschließend quasi von allein geschrieben. Wobei es sich nicht um ein rein dokumentarisches Werk handelt, sondern um ein Zwitterwesen. Der Grundstock der Handlung ist real, die Details sind fiktiv.

Die Stärke des Buchs ist zugleich seine Schwäche: In epischer Länge, auf mehr als 500 Seiten, erzählt Krup nicht nur von der großen Familie Pauls, sondern auch von der nicht minder großen Familie Antoninas. Von angeheirateten Partnern, Kindern, Kindeskindern, Onkeln, Tanten, Nachbarn, Freunden.

Als Zeitdokument bietet dieses Wimmelpanorama einen spannenden Einblick in vergangene Lebensweisen, als literarisches Werk aber fehlt es dem Buch an Stringenz. Wobei die Autorin nicht den Fehler macht, die Akteure zu Helden zu verklären. Im Gegenteil, Paul ist ein Egoist und geht grundsätzlich den Weg des geringsten Widerstands. Antonina ist zwar eine starke Frau, aber doch sehr oberflächlich. Die spätere Ehe der beiden ist, so viel sei verraten, nicht nur Freude.

Warum man das Buch trotz allem gerne liest? Weil es davon erzählt, wie wichtig es ist, das Tor zur Welt niemals zuzuschlagen. Dass Menschen, egal, woher sie kommen und wo sie einst zu Hause waren, gemeinsam etwas schaffen können. Weil Begriffe wie Heimat, Kultur, Tradition und Liebe so lange bloß abstrakte Worte sind, bis Menschen sie leben und ihre Geschichten erzählt werden.

Agnes Krup: Mit der Flut. Piper, München 2017; 544 S., 22,– €