Es geht in diesem Text um einen nordkoreanischen Reisbauern, einen syrischen Jungen am Strand von Bodrum, um Flaschen sammelnde Rentner in der oberhessischen Provinz, um die AfD, Finis Germania, Donald Trump, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Martin Hohmann, den deutschen Wald, Jesus Christus und Margot Käßmann sowieso. Kurz gesagt: Es geht um alles, um den Nächsten. Ihn soll man lieben wie sich selbst. Denn ohne Liebe zum Nächsten und zu Gott, lehrt Jesus Christus, ist alles nichts. Doch wer ist dieser ominöse Nächste? Und wie liebt man ihn richtig?

Wer an dieser Stelle denkt: Fragen wie diese stehen unter Gefühligkeitsverdacht und sollten Margot Käßmanns Bild-Kolumne vorbehalten bleiben, irrt nicht nur gewaltig. Der übersieht auch, dass um mehr gerungen wird derzeit als um Integrationsgesetz und Obergrenze oder ob die Politik den Osten übersehen hat angesichts der Not der Welt. Der moralische Boden wankt, auf dem die Bundesrepublik fast 70 Jahre blühte. Denn mehr als ums Detail wird heute ums Menschenbild gestritten. Und gestritten wird überall, im Großen wie Kleinen, im Osten wie Westen, in Metropolen wie in der Provinz.

Auch hier ist der Streit zu finden: in Neuhof bei Fulda. Vor einigen Wochen ließ sich dort Martin Hohmann vor der Dorfkirche fotografieren fürs AfD-Plakat. Nichts an Hohmann ist besonders. Dass er 2004 wegen Antisemitismus der CDU verwiesen wurde, hat Deutschland längst vergessen. Besonders ist nur, womit er im Bundestagswahlkampf zitiert wurde am Laternenpfahl: "Meine Nächsten", stand da, "sind nicht die jungen Männer aus Afrika. Meine Nächsten sind die Rentner, die Flaschen aus Mülleimern sammeln müssen." Das Bistum Fulda reagierte gereizt: "Wer Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder Nationalität nicht als Nächste ansieht", heißt es in einem Statement, "stellt sich in Widerspruch zur Heiligen Schrift."

Ein gewohntes Muster: Kirchenvertreter sprechen der AfD das Christsein ab. Die AfD beschuldigt die Kirchen im Gegenzug, den Konservativismus an den Zeitgeist verraten zu haben. Die einen beharren darauf, dass man den Nächsten lieben muss, egal woher er kommt. Die anderen kontern: Alles schön und gut, aber wer afrikanischen Männern blind vertraut, ist, erstens, naiv und wird, zweitens, noch sein blaues Wunder erleben. So schauen beide wütend einander an und wundern sich, wie es bloß so weit kommen konnte.

Dabei übersehen sie: So aus dem Nichts über Deutschland hereingebrochen die Wut auf den Nächsten auch erscheint, sie ist es nicht. Jahrzehnte zuvor bahnten bereits kluge Köpfe ihr den Weg. Kurz: Der Streit hat einen langen Bart, zwei, um genau zu sein. Zum einen ist da Friedrich Nietzsches Oliba. Genau wie viele Neokonservative, die heute Gutmenschen beschimpfen, war für Nietzsche Nächstenliebe Schwäche. Sie zähme den Menschen und hindere ihn, unbarmherzig, grausam und großartig zu sein. Das kommt an bei allen, die sich in der ersten allgemeinen Flüchtlingsverunsicherung des Jahrtausends nach alter Großartigkeit sehnen.

Wie Pilze schießen neuerdings Nietzscheaner aus dem deutschen Waldboden. Sie fordern wie der Historiker Rolf Peter Sieferle, Autor des posthum erschienenen Traktats "Finis Germania", ein neues "Pathos der realistischen Härte" und das "Ende überkommener moralischer Bedenken". Sie operieren wie der AfD-Politiker Björn Höcke Christen- und Judentum als "Antagonismen" rhetorisch aus dem Volkskörper. Sie geben wie der Verleger Götz Kubitschek medienwirksam den Ostjunker und feiern das "Prinzip der Strenge", der "Hierarchie", der "klaren Ordnung".

Mit der Kirche und ihrer vermeintlichen Sklavenmoral haben die Nietzscheaner nichts am Filzhut. Anders als Martin Hohmann würden sie demgemäß nicht mal wegen der konservativen Kulisse vorm Gotteshaus posieren. Der Nächste ist für sie sekundär, egal ob in Syrien, Afrika oder Oberhessen. Ihr Menschenbild kennt keine Menschen, nur Titanen. Deshalb verzweifeln sie bisweilen an der Welt und der eigenen, allzu menschlichen Angst vor ihr. Angst beißt sich halt mit dem Selbstbild des furchtlosen Heroen. Da verliert man leicht wie Nietzsche den Verstand oder nimmt sich wie Sieferle das Leben, sobald man merkt, es reicht nicht zum Titanen.

Aber nicht nur sie, auch die Anhänger des anderen Denkerbarts werfen auf die Nächstenliebe mit ollen Kamellen aus der Kulturkritik-Kiste. Gemeint sind die Freudianer, wesensverwandt mit den Titanen, aber nicht ganz so tragisch. Ihre Haltung zum Nächsten lautet wie folgt: "Was? Den soll ich lieben? Ich habe doch schon genug damit zu tun, meine(n) Frau/Dackel/FC Bayern zu lieben. Überall Moral! Da fühle ich mich unbehaglich. Muss ich wirklich ein schlechtes Gewissen haben, weil mir Afrika am Südpol vorbeigeht? Eure Nächstenliebe überfordert mich. Fordert sie nicht von mir. Das macht mich nur wütender. Und ich bin doch schon wütend." Bei Freud klingt das natürlich weniger waschlappig: "Das Gebot 'Liebe deinen Nächsten wie dich selbst'", heißt es im "Unbehagen in der Kultur", "ist die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und ein ausgezeichnetes Beispiel für das unpsychologische Vorgehen des Kultur-Über-Ichs. Das Gebot ist undurchführbar; eine so große Inflation der Liebe kann nur deren Wert herabsetzen, nicht die Not beseitigen."