Die Zeit drängt, noch zwölfeinhalb Minuten bis zum Termin. Also schon mal an der S-Bahn-Tür in Startposition gehen, Knopf drücken, sobald er grün ist, an der Station als Erste aus der Bahn springen, die Treppen hinuntersprinten, in der Kurve fast einen alten Herrn umrennen, einem Kinderwagen ausweichen, einen Hechtsprung über einen aus dem Nichts auftauchenden Hund, die Rolltreppe hinunter zur U-Bahn, und – auf der Anzeigetafel lesen, dass die Bahn neun Minuten Verspätung hat.

Hätte man das nur früher gewusst! Man hätte eine andere Route wählen oder sich zumindest den Morgensport und das verschwitzte T-Shirt sparen können. Warum also wird man zwar in der U-Bahn über Probleme bei anderen U-Bahn-Linien informiert und in der S-Bahn über Verzögerungen bei anderen S-Bahn-Linien – aber nicht im einen Verkehrsmittel über Probleme des anderen? Reden die Unternehmen des HVV etwa nicht miteinander, kennt man bei der Hamburger Hochbahn nicht die Telefonnummer der S-Bahn Hamburg und umgekehrt?

Doch, sie reden miteinander – sogar über genau dieses Thema.

Derzeit laufen Gespräche über eine Weiterentwicklung, heißt es bei HVV und Hochbahn. Der Eindruck, dass Fahrgäste überhaupt nicht verkehrsmittelübergreifend informiert würden, sei aber ohnehin falsch, sagt der Sprecher der Hochbahn. Bei geplanten oder lang anhaltenden Beeinträchtigungen bei der S-Bahn gebe es sehr wohl auch in der U-Bahn Durchsagen, erklärt er. Bei ungeplanten Unterbrechungen komme es auf die konkrete Situation an. Man müsse aber immer abwägen, "ob und wie viele großflächige Durchsagen gemacht werden, die nur für einen eher geringen Teil unserer Fahrgäste relevant sind".

Denn, klar, auch diese Situation kennt man als regelmäßiger S- oder U-Bahn-Fahrer: Da sitzt man nach einem langen anstrengenden Arbeitstag in der Bahn, zieht sein Buch aus der Tasche, liest drei Sätze und wird rüde von einer Durchsage unterbrochen.

Verzögerungen bei einer Linie, die man noch nie genutzt hat.

An einer Station, deren Namen man zum ersten Mal hört.

Und sie geht weiter, diese Durchsage.

Immer weiter.

Und weiter.

Und dann noch auf Englisch.

Minuten später, wenn man sich schon entnervt nach dem Lautsprecher umgesehen hat, um sein Buch dagegenzupfeffern und so für Ruhe zu sorgen, ist die Durchsage endlich zu Ende.

Man senkt den Blick, liest vier Sätze.

Der Lautsprecher krächzt. Und die Durchsage beginnt von Neuem. Es sind ja inzwischen weitere Fahrgäste hinzugekommen, die informiert werden müssen.

Unfreiwilliger Morgensport für die einen versus akustische Belästigung für die anderen: In einer dystopischen nahen Zukunft wird sich dieses Problem bestimmt lösen lassen. Dann werden die Verkehrsunternehmen ein genaues Bewegungsprofil jedes Passagiers abgespeichert haben und Störungsmeldungen über eigene Implantate in den Schädelknochen nur an die Betroffenen ausspielen. Bis dahin gilt für die Verkehrsunternehmen: Wie man’s macht, ist’s falsch.