Es gibt was zu feiern – Seite 1

In diesem Jahr haben wir beide in unseren Kirchen und auch persönlich gespürt: Ja, es gibt eine Ökumene der Herzen. Und mit diesem Rückenwind der Ökumene verpflichten wir uns, gemeinsam weiterzugehen. In Wittenberg beschließen wir das Reformationsjahr 2017 am kommenden Dienstag, der zugleich ein bundesweiter Feiertag ist. Hinter uns liegt eine Zeit intensiver ökumenischer Begegnung. Wir sind gemeinsam zu einem Weg aufgebrochen, der nicht gänzlich neu war, aber auf dem sich doch neue und ermutigende Perspektiven zeigen. Wir haben auch theologisch weitergedacht. Wir haben Gottesdienste gefeiert, die zu Herzen gegangen sind. Unser Ziel war und ist, über eine noch intensivere Gemeinschaft unserer Konfessionen zu reden. Und das ist auch Grund für einen Fest- und Feiertag.

Die beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands haben 2016 die Weichen dafür gestellt, das Gedenken an 500 Jahre Reformation nicht als Abgrenzung, sondern als Ausgangspunkt für weitere Schritte auf dem Weg zur sichtbaren Einheit zu nehmen. Unser Antrieb ist nicht die narzisstische Sorge um den Bestand der Kirchen. Was uns antreibt, ist die große Freude am Christsein: Wir glauben, dass Gott existiert und dass wir ihm begegnen können in Jesus Christus. An seiner Botschaft und an seinem Leben richten wir Christen unser Tun und Handeln aus. Ohne diese Botschaft, ohne das Evangelium, wäre unser Land ärmer um eine lebensentscheidende Hoffnung.

Davon sind wir überzeugt, und darin liegt der Auftrag der Christen für unsere Gesellschaft und zum Wohl der Menschen. Gerade heute können und müssen wir einen Horizont zeigen und bezeugen, der über uns Menschen hinausweist, den Horizont der größeren Welt Gottes. Und genau deshalb haben wir den Schritt gewagt, das Reformationsjahr als Christusfest zu feiern. Das hat sich als richtig und als zukunftsweisend erwiesen.

2017 ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern setzt einen Doppelpunkt in der Ökumene, mit dem große Erwartungen verbunden sind: Gerade die 25.000 christlichen Gemeinden in Deutschland hoffen angesichts ihrer alltäglichen Praxis der Zusammenarbeit im ökumenischen Miteinander auf weitere Schritte für eine gemeinsame Zukunft. Wir sind Papst Franziskus dankbar, dass er in diesem Jubiläums- und Gedenkjahr beeindruckende Denkanstöße gegeben hat: Wir erinnern an seinen Besuch beim Lutherischen Weltbund in Lund, an die Begegnungen in der evangelischen Christuskirche in Rom und sein Zusammentreffen mit Mitgliedern des Rates der EKD im Februar dieses Jahres. Die dabei an uns gerichteten Worte von Papst Franziskus sind Mahnung und Auftrag zugleich: "Die weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik bleiben Herausforderungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit, nach der sich unsere Gläubigen sehnen. Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns."

In Deutschland und Rom, an den Orten, wo die Trennung begann, entsteht eine neue Dynamik der Annäherung. Wir werden uns in diesem Herbst mit einem gemeinsamen Bericht über den Stand des ökumenischen Weges und die weiteren Schritte in Deutschland an Papst Franziskus wenden und hoffen auf seine anhaltende Ermutigung unserer ökumenischen Bemühungen.

Bei aller Wertschätzung der theologischen Fortschritte der letzten Jahrzehnte ist die Erfahrung der spirituellen Dimension der Ökumene ein bleibendes Merkmal dieses Jahres. Die geistliche Verbundenheit wurde besonders gestärkt während unserer Pilgerreise ins Heilige Land, ebenso durch die ökumenischen Gottesdienste in Hildesheim, Trier und Bochum.

Christen glauben, dass das Kreuz als Zeichen des Todes und der Ohnmacht zugleich das Zeichen des Sieges über den Tod ist und damit Zeichen des Lebens. Wir entdecken gerade im Kreuz einen Gott, der der Menschheit und der Schöpfung in Liebe verbunden ist. In Christus ist Gott Mensch geworden. Wer also auf das Kreuz schaut, ist darum auch mit allen Menschen verbunden, vor allem mit denen, die leiden. Wir glauben, dass Gott keine Trauer missachtet, keine Ungerechtigkeit, keine Gewalt. Niemand ist ihm gleichgültig. Im Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim sind wir im Zeichen des Kreuzes, das Himmel und Erde, Gott und Menschen verbindet, Selbstverpflichtungen eingegangen, die zur Stärkung der Ökumene in unserem Land beitragen sollen. Es geht dabei um konkrete Schritte, die das Gebet, die Lehre und das Handeln ökumenisch voranbringen. Wir arbeiten an ihrer Realisierung, um das Verbindende zu stärken.

Zweifellos gibt es nach wie vor Schmerzhaftes und Trennendes, und keiner kann ein Datum festlegen, an dem das Trennende endgültig überwunden sein wird. In den offenen theologischen Fragen müssen sich beide Kirchen besinnen und noch stärker – nicht nur und zuerst – Erwartungen an den Partner formulieren, sondern auch die eigenen Probleme und Zumutungen für den Partner reflektieren. Das ist ein langer Prozess, aber wir wollen uns dem ehrlich, respektvoll und offen stellen. Es ist klar, dass die Theologie für die Ökumene eine zentrale Rolle spielt. Neben oder besser noch mit der Theologie muss uns vor allem die Menschennähe als dogmatisch begründete Größe im ökumenischen Prozess leiten.

Das ökumenische Miteinander stärken

Wir verpflichten uns, insbesondere der Frage nach der sogenannten "sichtbaren Einheit" nachzugehen und zu klären, was sie bedeutet. Wir müssen auch weiter über strittige Themen reden: das Kirchenverständnis, den Zusammenhang zwischen Kirche, Eucharistie und Amt, das Papstamt. Dabei geht es nicht um eine vorschnelle Einheitlichkeit, sondern um die Frage, ob und was bei diesen Themen kirchentrennend ist und was sich gegenseitig verstehen lässt auf der Basis von Grundeinsichten und Gemeinsamkeiten, namentlich der Taufe als dem "sakramentalen Band der Einheit". Es wird wichtig sein, zu klären, wie tragfähig das Konzept der Einheit in versöhnter Verschiedenheit auch für das katholisch-evangelische Verhältnis ist. Versöhnte Verschiedenheit darf kein floskelhafter Dispens von theologischer Forschung und Debatte sein.

Ökumene zeigt sich auch jetzt schon im gottesdienstlichen Leben: Es ist wichtig, dass wir in Fürbitte und Gebet der jeweils anderen Kirche gedenken. Bei liturgischen Gesängen, Schriftlesungen und vielen ökumenischen Gottesdiensten haben wir gute und gern genutzte Formen etabliert. Wir wollen das ökumenische Miteinander auch im gottesdienstlichen Leben unserer Gemeinden verstärken, etwa wenn wir in unseren Gebeten den ökumenischen Partner immer mit im Blick haben. Ökumenische Gottesdienste sind keine Fremdkörper, sondern bereichernde Zeichen und ein Zeugnis in der Welt von heute. In der Liturgie geben wir der Hoffnung Raum, dass Gott die Menschen liebt.

Auf dem weiteren Weg wird der Dritte Ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt eine Etappe sein. Wir definieren keine Zielvorgaben, die bis dahin einem Wettbewerb gleich erreicht sein müssten. Aber wir formulieren unsere feste Hoffnung, dass das ökumenische Zusammenwirken in der Konsequenz von 2017 noch mehr zur praktischen und geistlichen Wirklichkeit wird.

Gemeinsam wollen wir in der Gesellschaft Zeugnis für den Glauben an Gott ablegen und auch so handeln. Das ist unser gemeinsamer Auftrag, der in Christus gründet! In der Flüchtlingsarbeit, im weltkirchlichen Engagement und im Einsatz gegen soziale Not arbeiten wir Hand in Hand. Wir können die Welt nicht perfekt machen, aber wir dürfen nicht aufgeben, sie verbessern zu wollen. Jeder Einsatz für eine Welt, der den Frieden und die Solidarität stärkt, ist bedeutsam. Keiner sage uns, es sei sinnlos, sich zu engagieren! Jede Tat der Liebe ist ein sichtbares Zeichen des neuen Himmels und der neuen Erde.

Inmitten einer säkularisierten und weltanschaulich pluralen Gesellschaft, in der viele Mitmenschen nicht mehr zwischen "katholisch" oder "evangelisch" unterscheiden, müssen wir gemeinsam auftreten und ökumenisch selbstkritisch festhalten: Das Glaubensleben in unseren Kirchen und unsere Kommunikation in die Gesellschaft hinein lassen die Botschaft des Evangeliums nicht immer schon kraftvoll genug ausstrahlen.

Oft sprechen wir eine Sprache, die nicht verstanden wird. Es ist ein gefährlich schmaler Grat zwischen guter Traditionspflege und selbstverliebter Binnenreferenzialität. Daran müssen wir weiterarbeiten, um konkret, sichtbar, nachvollziehbar als "die" Kirche mit einer Stimme in der Gesellschaft hörbar zu sein. Das gilt auch für unsere gesellschaftliche Verantwortung: Es braucht die christliche Stimme in ethischen Diskursen der Gegenwart. Wir wissen – neben den vielen Gemeinsamkeiten – auch um die Differenzen, die es dabei zwischen uns in den vergangenen Monaten bei einzelnen Themen gegeben hat. Wir werden mit diesen Differenzen in wechselseitigem Respekt umgehen und an der Formulierung gemeinsamer Impulse weiterarbeiten, gerade auch als Verantwortliche in unseren Kirchen.

Uns beide verbindet persönlich eine Freundschaft, die sich durch unseren gemeinsamen Weg verstärkt hat. Das wird uns zuweilen sogar vorgeworfen, als ob wir damit die strittigen Punkte der Ökumene einfach nur beruhigen wollten. Aber gerade das ist nicht der Fall.

Freundschaft ist Ausdruck wechselseitigen Respekts in einer Balance von Nähe und Distanz, die von gegenseitigem Wohlwollen getragen ist und nach Eintracht strebt. Diese Freundschaft gründet für uns in der Liebe Gottes zu den Menschen. Aus einer so verstandenen ökumenischen Freundschaft heraus können wir uns dann auch etwas trauen und zu-trauen! Ohne Freundschaft gibt es kein Verstehen! In dem Land, wo vor 500 Jahren die Trennung begann, setzen wir auf eine Dynamik der Freundschaft. 2017 soll als das Jahr der Ökumene in die Geschichte eingehen. Und wir wollen klarmachen, dass die Christen in Deutschland nicht mehr zu trennen sind – das ist unsere große Hoffnung!