Seltsame Wesen bevölkern die Bühne. Sind es Menschen, sind es Tiere? Tragödie heißt wörtlich Bocksgesang, und wir befinden uns in der tragischsten, der fürchterlichsten aller Tragödien, in der Orestie des Aischylos. Es könnte also sein, dass wir Ziegen vor uns haben, denn die Schauspieler und die Mitglieder des Chores sind fast alle weiß vermummt, gekleidet in weiße Felle und weiße Pudelmützen. Aber alle haben sie rote Gläser vor den Augen und spitze Nasen mit langen Tasthaaren. Und sie tragen lange Schwänze. Es sind doch wohl Mäuse. Oder Ratten? Rattenhaftes Verhalten unter Menschen ist in diesem Trauerspiel die Regel.

Der Abend im Thalia Theater ist ein Triumph der Regie (Ersan Mondtag) und der Kunst des Bühnenbildes (Paula Wellmann). Das erste Bild zeigt uns das Halbrund eines Renaissance-Palastes, in dessen Fensterbögen antike Statuen stehen, und davor ein kreisrundes Podium, auf dem die Wiedergänger wie erstarrt verweilen, Spottgestalten der Heroen. Allmählich fangen sie an, sich zu bewegen und zu reden, und wir erfahren, dass Troja gefallen ist, dass der Sieger Agamemnon nach Hause zu seiner Gattin Klytaimnestra zurückkehrt. Mit einer Axt wird sie ihn erschlagen, als Rache dafür, dass er die Tochter Iphigenie geopfert hat.

Der Chor ist bei Aischylos immer auch ein kommentierender, handelnder Akteur. Hier erscheint er mal als Bund der Rachegeister, dann wieder als Bürgerversammlung oder als Mob hämischer Spießer. Ihre Sprechgesänge zu der suggestiven Musik von Max Andrzejewski haben etwas Bedrohliches. Im Hintergrund tönen leise Akkorde, Nebel wallt über die Szene.

Gegen diese Düsternis setzt Ersan Mondtag scharfe Kontraste. Die Bühne dreht sich, was eben noch ein Palast war, zeigt auf der Rückseite Plattenbauten mit Wellblechbalkonen und Satellitenschüsseln. Aus den Gespenstern sind Kleinbürger geworden, die am Fenster zum Hof auf den erhofften Skandal lauern.

Einen anderen Kontrast bildet Kassandra. Ihr Fluch ist, dass sie die Zukunft voraussieht – zum Beispiel den Mord, den Orest an seiner Mutter und ihrem Liebhaber begehen wird, um den Mord am Vater zu rächen –, dass aber niemand auf ihre Prophezeiungen hört. Hier ist Kassandra ein Baby, das erbärmlich schreit. Der Chor übersetzt das Geplärre in klare Sätze, fügt aber zu jedem Satz höhnisch hinzu: "Sagt sie ..., sagt sie ..." Man glaubt ihr nicht.

So gelingt es der Regie, die Balance zu halten, die Balance zwischen dem Tragischen und dem Komischen, dem Erhabenen und dem Grotesken. Es gelingt leider nicht immer. Nach der Pause droht der Abend in den Klamauk abzurutschen. Elektra, gespielt von einem Mann (Björn Meyer), ist kaum mehr als eine Clownsfigur. Die alte Journalistenregel Kill your darlings!, lass die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist, sollte auch im Theater gelten. Schön aber, dass diese Orestie an keiner Stelle naturalistisch wird. Die Leiche des Agamemnon (André Szymanski) hängt über der Brüstung, doch sieht man kein Blut. Und Orest (Sebastian Zimmler) ist alles andere als ein Draufgänger, er muss sich zum Mord erst selbst überreden. Versuchsweise flüstert er "Rache", und der Chor unterstützt ihn, bis alle "Rache! Rache!" schreien und er zur Tat schreitet.

Die historische Leistung der Orestie, entstanden 458 vor Christus, besteht darin, dass sie den Übergang von der Blutrache zum Rechtsstaat vorführt. Im dritten Teil wird Orest des Muttermordes angeklagt, ein Gremium von Richtern stimmt ab, und Athenes Votum gibt den Ausschlag: Freispruch. Das Prinzip der Vergeltung hört endlich auf. Ersan Mondtag dreht den Vorgang ins Humoristische. Athene wird im Getümmel auf den Richterstuhl geschubst. Hier hockt sie nun und legt die Hände wie Merkel zur Raute zusammen. Dass sie entscheiden soll, passt ihr sichtlich nicht in den Kram. Doch wat mutt, dat mutt.

Dreieinviertel Stunden sind eine Spur zu lang. Und doch ist der Abend grandios. Viele Szenen und Bilder wird man nicht vergessen. Die Leistungen des Ensembles einschließlich der Chorleitung (Uschi Krosch) und der technischen Kräfte ist imponierend.

"Orestie", Thalia Theater: 29. 10., 17 Uhr, 11. 11., 14 Uhr, 13. 11., 20 Uhr