Eine kürzlich erschienene Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hat der Diskussion um die soziale Segregation neuen Zündstoff gegeben. Die Wissenschaftler des WZB haben die Daten zur sogenannten Lernmittelbefreiung untersucht. Statistisch gesehen gilt sie als Indikator für Armut. Elternhäuser, die lernmittelbefreit sind, müssen nicht selbst für Unterrichtsmaterialien wie Bücher und Arbeitshefte aufkommen. Was die Studie nun zeigt: In Berlin sind 28 Prozent der Kinder an öffentlichen Grundschulen lernmittelbefreit; an den privaten Grundschulen sind es lediglich acht Prozent.

Da liegt die Vermutung nahe, dass sich nur Eltern höherer Einkommensgruppen eine Privatschule leisten können. Dabei heißt es im Grundgesetz, dass eine Privatschule nur dann genehmigt werden darf, wenn "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird". Sonst müsste man auch von staatlicher Elitenförderung sprechen. Schließlich zahlen die Länder, nach einer Übergangszeit von ein bis zwei Jahren, 70 bis 90 Prozent der Kosten für einen Privatschüler. Der Rest wird durch die Schulgebühren finanziert.

Robert Renner vom Verband Deutscher Privatschulen sagt, es sei ein Irrglaube, dass Privatschulen nur etwas für Reiche sind. Im Durchschnitt liege das monatliche Schulgeld an allgemeinbildenden Privatschulen bei 150 Euro. Zudem gebe es Stipendien, Geschwisterrabatte und vielerorts einkommensgestaffelte Beiträge.

Bildungsforscherin Rita Nikolai hält solche Bemühungen um eine sozial gemischtere Schülerschaft für unzureichend. Die Politikwissenschaftlerin ist keineswegs eine Gegnerin von freien Schulen. "Sie sind wichtig, sie bringen Dynamik und Wettbewerb ins System", sagt sie, fordert zugleich aber auch, dass sie stärker reguliert und kontrolliert werden.

Gemeinsam mit dem Juristen Michael Wrase hat Rita Nikolai vor wenigen Wochen in einem Policy-Paper für die Heinrich-Böll-Stiftung Handlungsempfehlungen erarbeitet, damit sich die Ungleichheit zwischen öffentlichem und privatem Bildungssektor nicht weiter verschärft. Die beiden schlagen die Deckelung des Schulgeldes sowie dessen einkommensabhängige Staffelung vor. Ferner sollten Privatschulen staatliche Ausgleichszahlungen erhalten, wenn ihnen Schulgeldeinnahmen fehlen, womit es für die Privaten deutlich rentabler würde, Kinder aus einkommensschwachen Familien aufzunehmen.

Für einen Schritt in die richtige Richtung hält Nikolai das neue Privatschulgesetz, das gerade in Baden-Württemberg verabschiedet wurde. Dort dürfen freie Schulen jetzt nur noch maximal fünf Prozent des Haushaltsnettoeinkommens einer Familie als Schulgeld fordern. Im Gegenzug investiert das Land 65 Millionen Euro mehr pro Jahr in die Privatschulen.

Wenn nicht mehr der Geldbeutel entscheidet, wer eine Privatschule besucht, wird die Qualität des Unterrichts wieder wichtiger. Dann wird die Frage "Sind Privatschulen besser?" noch einmal ganz neu gestellt.