Protestanten haben keine Begabung zum Feiern. Das alte Vorurteil, ihr Glaube sei verkopft, ihre Liturgie glanzlos und ihre Kirche kühl, wurde nicht von den Katholiken allein erfunden. Der Protestantismus selbst hat es stark gemacht, indem er sich als die frömmere, klügere Konfession erfand. Und ausgerechnet ein Pfarrerssohn aus Mitteldeutschland, Friedrich Nietzsche, verhöhnte den Glauben seines Vaters als "energischen Protest zurückgebliebener Geister". Für Nietzsche war die hässliche Reformation der Gegensatz zur strahlenden Renaissance. Verächtlich schrieb er über Luther: "Dieser Mönch" sei "mit allen rachsüchtigen Instinkten eines verunglückten Priesters im Leibe" nach Rom gereist, um es zu verdunkeln. Er habe das sieche Christentum neu belebt und das Papsttum zur Notwehr aufgestachelt, statt ihm den Garaus zu machen. Wenn jemand Grund habe, Lutherfeste zu feiern, dann die Katholiken.

Was hätte Nietzsche wohl dazu gesagt, dass die Deutschen beider Konfessionen nächste Woche gemeinsam den Reformationstag begehen? Zum ersten Mal seit 500 Jahren, seit dem Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg, hat die ganze Nation deshalb einen Tag frei. Katholiken wie Protestanten, Juden wie Muslime, Atheisten natürlich auch. Warum? Was gibt’s da zu feiern?

Zum Beispiel den Mut zum Widerspruch, die Freiheit im Glauben, die Trennung von Kirche und Staat, die Pluralität innerhalb einer Religion und die Entdeckung eines gnädigen Gottes, der die Menschen nicht straft, sondern liebt. Leider ist unklar, wie viele Deutsche sich für diesen Gott noch interessieren. Neulich wurde die Schreckenszahl gemeldet: Neun von zehn Kirchenmitgliedern gehen sonntags nicht zur Kirche. Nur noch 3,6 Prozent der Protestanten und 10,2 Prozent der Katholiken feiern regelmäßig. Man könnte sagen, die Zahlen beweisen, was man schon zu Luthers Zeiten im Vatikan dachte: Deutschland sei ein Land von Ketzern und notorischen Zweiflern. Der Norden habe einfach keinen Sinn fürs Vollkommene. Also: für Gott.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah das anders. Der Philosoph, ebenfalls aus evangelischem Hause, pries an der Reformation, dass sie den "Geist Gottes" im Herzen der Menschen beheimatet habe. Während der Katholizismus die Gläubigen von Gott entfremdete, hätten die Protestanten zu ihm ein unmittelbares Verhältnis gefunden. Ihr Glaube sei nicht mehr vernunftwidrig, sondern ein "Zu-sich-selbst-Kommen des Geistes". Hegel lobte den protestantischen Eigensinn, "nichts in der Gesinnung anerkennen zu wollen, was nicht durch den Gedanken gerechtfertigt ist". Kein Wunder, dass Rom damit Probleme hatte.

Darf man Luther heute noch feiern? Die Deutschen bejahen das, indem sie bislang eine Million Luther-Playmobilfiguren und 500.000 neu aufgelegte Luther-Bibeln kauften. Doch den meisten Theologen fiel es schwer, ein paar bleibende Lehren Luthers uneingeschränkt zu preisen: dass auch Religion die Wahrheit nicht dekretieren kann, sondern um sie streiten muss; dass Freiheit immer verantwortete Freiheit ist; dass selbst Kirchentradition nichts Starres ist. Gern hätte man noch klarer gehört, was die Deutschen dem Reformator verdanken. Und was sie erst durch die Glaubenskriege gelernt haben: dass religiöse Toleranz nie einseitig ist und dass zur Versöhnung unterschiedlicher Wahrheitsansprüche die Vermutung gehört, der andere könnte auch recht haben.

War der Reformator in früheren Jubeljahren (1617, 1817, 1917) zum nationalen Säulenheiligen verklärt worden, wollte man jetzt jedes nationale Missverständnis vermeiden. Und so fielen die Lutherfans und die Lutherskeptiker einander ständig ins Wort. Das konnte aber auch amüsant sein, so in der renovierten Schlosskirche, wo der Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm scherzte: Dass Luther seine Thesen hier an die Kirchentür genagelt habe, sei historisch leider höchst zweifelhaft. Worauf der katholische Ministerpräsident Reiner Haseloff, gebürtiger Wittenberger, empört widersprach: Nein, das mit den Hammerschlägen der Reformation sei genau so gewesen!

Also was feiern wir? Hegel zufolge dies: dass die Kirche als Mittler zwischen Mensch und Gott, zwischen dem Ich und dem Absoluten wegfällt. Dadurch wird nicht nur das römische Lehramt überflüssig, es entsteht eine neue Dialektik des Selberglaubens und Selberdenkens. Es entstehen Freiheit und Individualität. Das erlösungsbedürftige Mängelwesen Mensch, indem es sich mit dem Vollkommenen auseinandersetzt, erkennt sich selbst. Und von da ist es nicht mehr weit zu einer aufgeklärten Metaphysik, die am Ende ohne Gott auskommt.