Frage: Herr Nassehi, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat in seiner Rücktrittserklärung etwas überraschend über seinen katholischen Glauben gesprochen, der ihm Halt gebe, und mit der ungewohnten Formel "Gott schütze Sachsen" geendet. Hat Sie das gewundert?

Armin Nassehi: Es hat mich überrascht, ja. Die Wortwahl ist für einen deutschen Politiker doch sehr ungewöhnlich. Meine erste Assoziation war natürlich, dass es amerikanischen politischen Statements ähnelt. Da endet ja fast jede Rede mit "God bless America". Das ist eine Form, die wir in Deutschland normalerweise nicht kennen. Man könnte jetzt sagen, gut, Herr Tillich ist ein religiöser Mensch, man kann es also als persönliches Statement werten. Aber Äußerungen von Politikern werden immer doppelt gelesen, das heißt, man vermutet auch hinter Persönlichem eine politische Bedeutung.

Frage: Haben Sie eine Idee, warum er das gemacht hat? War es politisches Kalkül?

Nassehi: Es könnte der Versuch gewesen sein, sich als Konservativer auszudrücken. Tillich ist jemand, dem die CDU nicht konservativ genug ist und der glaubt, dass die liberale Merkel-Linie für die hohen Verluste bei der Bundestagswahl verantwortlich ist. Da zeigt einer, der sich auf sein Christsein bezieht, natürlich, wo der Wertekern der CDU liegt. Konservativer zu werden ist für die Union im Moment ja gar nicht so einfach, weil es dann so wirkt, als laufe sie der AfD hinterher, die ja den Eindruck erwecken will, sie sei konservativ, dabei haben deren rechte Positionen keinen genuin konservativen, sondern eher einen kulturrevolutionären Kern.

Frage: Das könnte ja ein Argument für die CDU sein, sich wieder häufiger auf Gott zu berufen. Tillich als Trendsetter. Ausgeschlossen?

Nassehi: Ich glaube nicht daran, weil wir uns vom amerikanischen System deutlich unterscheiden. So ein offenes Bekenntnis zum Glauben hat sich in Deutschland niemals etabliert, und in Ostdeutschland schon gar nicht, wo der Glaube viele abschreckt. Anders als in den USA verbindet man ein religiöses Statement vor allem mit einer besonderen Nähe zu kirchlichen Autoritäten, was dann politisch ganz anders gedeutet werden muss. In Amerika mit seiner ganz anderen Form von Kirchlichkeit bezeugen solche Standardfloskeln eher ein persönliches Verhältnis zum Glauben.

Frage: Warum befremdet es uns, wenn deutsche Politiker sich so dezidiert auf Gott beziehen?

Nassehi: Wir sind daran schlicht nicht gewöhnt. Vielleicht funktioniert es bei Tillich, weil er ja in Ostdeutschland als sorbischer Katholik in einer mehrfachen Diaspora-Stellung ist. Das macht es in diesem Fall sagbarer. Aber selbst in der Debatte über die Leitkultur geht es meist nicht um ihren christlich-abendländischen Charakter, sondern um die Treue zur Verfassung. Und denken Sie an Diskussionen über Kirchenglocken, die nachts als Lärmbelästigung empfunden werden, oder die Kontroversen über Kreuze in Klassenzimmern. Diese Debatten gehen auch in unserer Gesellschaft nicht eindeutig aus. Wir haben uns so weit säkularisiert, dass es politisch kaum möglich wäre, auf religiösen Bekenntnissen einen Kulturkampf aufzubauen. Das schafft selbst die CSU nicht. Der größte Feind der AfD-Sympathisanten sind ja nach den Zuwanderern gleich die Kirchen – mit ihrer flüchtlingsfreundlichen Haltung.

Frage: Immerhin: Bei der Vereidigung der Großen Koalition 2013 in Berlin sprachen alle Minister die Eidesformel mit religiösem Zusatz: "So wahr mir Gott helfe". Das zeigt doch, dass religiöse Haltung in der Politik nicht unwichtig geworden ist.

Nassehi: Nein. Es ist für mich eher ein Teil des Trends zur authentischen Rede ohne weitere Konsequenzen. Etwas anderes wäre es etwa, sich in einer Regierungserklärung auf den Glauben zu beziehen. Dann verbindet man plötzlich sein politisches Programm mit einer religiösen Haltung. Das funktioniert in Deutschland nur sehr begrenzt.

Frage: Es fällt trotzdem auf, dass eine komplette Bundesregierung aus Christen besteht, die sich offen dazu bekennen, ist der Glaube nicht doch politischer?

Nassehi: Es stimmt, Religion ist weniger Privatsache als früher. Durch die Flüchtlingsdebatte, die Macht des politischen Islams, die AfD- und Pegida-Strategie gegen eine angebliche Islamisierung reden wir heute ständig über Religion. Aber es ist eben nur eine diffuse Debatte: Wer über den Islam redet, spricht vordergründig auch über seine eigene Religiosität. Das Ganze hat aber keine wirklich inhaltliche Dimension.