Michael Allmaier ist Redakteur der ZEIT und schreibt jede Woche über ein Restaurant der Stadt. © Kathrin Spirk für DIE ZEIT

Armes Wiener Schnitzel, du stehst unter Leistungsdruck. Keiner, so scheint es, begnügt sich mehr mit einem, das gut schmeckt. Stets raunen die Informierten vom besten Schnitzel der Stadt, des Landes oder was immer noch. Da möchte Hamburg natürlich nicht nachstehen. Seit Neuestem gibt es hier das angeblich beste Wiener Schnitzel der Welt – mit Ausnahme von Wien. Man bekommt es nahe der Reeperbahn, im Hinterhaus von Schmidts Tivoli. Gassenhaur heißt das Lokal; der omnipräsente Corny Littmann ist Teilhaber.

"Servus, Digga", steht an der Treppe, die ins Obergeschoss führt. Der Gast soll gleich merken, dass er nicht in eine weitere dieser Flachland-Almhütten läuft. Austro-Kitsch wird hier nur ironisch praktiziert. Etwa dann, wenn der aus Tirol stammende Wirt Christoph Wilson von seiner Kollegin als "der Franzl" vorgestellt wird und daraufhin so herumpoltert, wie es im Heimatfilm nur der grantige Fiakerfahrer durfte.

Ansonsten hat das Restaurant viel von dem, was man eine Straße weiter wohl respektvoll Klasse nennen würde: guten Wein, charmanten Service, im Gründerzeitbau eine bunt gewürfelte Einrichtung zwischen Bauhaus und Beisl, nicht zu vergessen ein wenig Hafenstraßenfolklore. Nur der Achtziger-Jahre-Kuschelrock passt nicht recht ins Ambiente.

Julie Rampa, die Sissi im Serviceteam, ist sehr präsent – wenn sie da ist. So viele Stammgäste, die eine Umarmung verdienen, da bleibt schon mal die eine oder andere Bestellung auf der Strecke. Zurückgesetzt fühlt man sich darum nicht. Wo sonst wird man schon beim ersten Besuch als "Schnubbelhäschen" begrüßt? Und wenn dann der Teller den Tisch erreicht, zählt sie nicht schnöde Ingredienzen auf, sondern belässt es bei einem "Tadaaa!".

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Wiener Schnitzel ist wirklich prima, auch ohne Superlative. Saftiges Fleisch vom Kalbsrücken, so fest, wie es sein muss, mit einer dünnen, aber körnigen goldgelben Panade, die sich ein wenig wölbt. Dazu ein Salat aus ungeschälten Gurken mit dem etwas süßlichen Dressing, das man in Österreich schätzt. Und warmer Kartoffelsalat. Preiselbeeren, Sardellen und andere Schnitzelverfremdungen bekommt man nur auf Wunsch.

Sehr achtbar schmeckt auch der Tagesfisch, einziger Posten in der Speisekartenrubrik "Flosserl". Heute ist es ein Zander mit Krensauce und Alibisalat. Bis auf die angebrannten Speckwürfel an den Bratkartoffeln gibt es nichts zu meckern.

An den Vor- und Nachspeisen leider umso mehr. Die Tafelspitzbrühe mit wenigen Frittaten wurde so stark eingekocht, dass daneben selbst ein Beef Tea wässrig erschiene. Ja, ja, bestätigt Julie Rampa, die Österreicher würzten sehr kräftig. Und schaut dabei so mütterlich, dass man ihr beinahe glaubt. Kaum besser gefallen die Marillenknödel aus unreifer Aprikose und klebrigem Teig.

Drüben im Tivoli ist offenbar Pause. Corny Littmann schaut herein. Mit müden Augen scannt er die Gäste: Kenn ich die, muss ich die grüßen? Komplimente für das Essen lässt er souverän abperlen. Er selber koche ja überhaupt nicht; Fertiggerichte seien sein Ding. Schnubbelhäschen hoppelt heim, etwas scheu, aber doch gespannt, ob beim nächsten Mal alles empfehlenswert ist. Und wie die Begrüßung ausfallen wird.