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Dieser Tage ist es bei konservativen Politikern in der Türkei "in", Schnurrbart zu tragen. Wie in der regierungsnahen Presse "durchgesickert", nahm die Epidemie ihren Ausgang im vergangenen Jahr. Der Geheimdienst-Staatssekretär bat den Staatspräsidenten bei der wöchentlichen Unterredung um Erlaubnis, sich einen Bart stehen zu lassen. "Vollbart ist unangebracht, Schnurrbart geht", lautete die Antwort. Den hinzukommenden Kabinettschef fragte Erdoğan sogleich: "Warum tragen Sie keinen Schnurrbart?" – "Wie Sie wünschen", konnte der Beamte nur sagen. Den nächsten Termin hatte der ebenfalls bartlose Vize-Premier. Auch er verließ das Gespräch mit der Auflage, sich einen Oberlippenbart stehen zu lassen. Im Zuge der durch einen Scherz ausgelösten Kampagne ließen sich Hunderte Männer ein Bärtchen wachsen. Ein Abgeordneter, ein Verfassungsrechtler, erklärte stolz, Erdoğan habe ihn in Bartsachen als "Trendsetter" bezeichnet. Bald darauf empfahl Erdoğan auch loyalen Journalisten Bartwuchs. Einer glaubte, sich herausreden zu können: "Bei mir sieht das wie Katzenschnurrhaare aus", doch Erdoğan gab zurück, "Katzenschnurrhaare sind sehr hübsch".

Bärte gelten im Islam als natürliche Veranlagung. Es ist geboten, den Schnurrbart so zu kürzen, dass "das Oberlippenrot sichtbar" ist. Ein aktueller Blick in Erdoğans Regierung zeigt jede Menge von roten Lippen unter Schnurrbärten.

In den Kommunen setzt sich die Mode ebenfalls durch. Dahinter steckt der Stimmenverlust der Regierungspartei in den Großstädten. Beim jüngsten Referendum verlor Erdoğan erstmalig die Bastionen Ankara und Istanbul. Jetzt, vor den Präsidentschaftswahlen 2019, will er die Bürgermeister der betroffenen Städte auswechseln. Da er aber selbst jahrelang die These vertrat, wer durch Wahlen gekommen sei, gehe auch durch Wahlen, ist es nicht einfach, gewählte Bürgermeister abzusetzen. Der Bürgermeister von Istanbul trat vergangenen Monat voller Vorwürfe zurück. Doch Melih Gökçek, seit 1994 Bürgermeister von Ankara, der sich ebenfalls mit Schnurrbart bei Erdoğan anbiedert, sowie zwei weitere Bürgermeister weigern sich. Trotz wochenlangen Drucks vom Palast blieb sein Rücktritt aus. "Es wird getan, was nötig ist", verkündete Erdoğan. Unverzüglich setzte eine Kampagne gegen den AKP-Bürgermeister ein. Der neue Kandidat zwirbelt unterdessen seinen frisch sprießenden Schnurrbart und wartet auf seinen Einsatz.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe