Zu den liebsten Horrorvisionen, die den Kulturkonservativen nachts wach halten, gehört die zwanghafte Überregulierung der Sexualität. Was Sex angeht, würden wir "denselben Einschränkungen wie im späten 19. Jahrhundert" gehorchen, klagt beispielsweise der Philosoph Robert Pfaller. Bloß dass "wir uns alles selbst verbieten, anstatt es von anderen Leuten verboten zu bekommen". Auch Slavoj Žižek vermisst inzwischen "Zweideutigkeit, Kontrollverlust, körperliche Intensität" – das alles sei "in der abgedämpften Welt der Political Correctness nicht mehr vorgesehen". Bereits jetzt, mahnen die Pfallers und Žižeks streng, würden an amerikanischen Universitäten Studentinnen und Studenten dazu angehalten, vor dem Sex kurze "Verträge" zu unterzeichnen, in denen sie ihre Zustimmung erklären, aneinander sexuelle Handlungen auszuführen. Auch existiert bereits eine Smartphone-App, mit deren Hilfe beide Vertragspartner die Beischlafabsicht mündlich bestätigen können. Ausgeschlossen werden soll damit, dass einer der beiden, schlafend oder sturzbetrunken, gar nicht mehr in der Verfassung dafür ist, seine Einwilligung zu geben.

"Sollte der Vertrag vielleicht noch viel detaillierter sein, sodass das prinzipielle Einverständnis spezifiziert wird: ein Ja zu vaginalem, aber nicht analem Geschlechtsverkehr, ein Ja zu Fellatio, aber nicht zum Schlucken des Spermas, ein Ja zu leichtem Spanking, aber nicht zu harten Schlägen et cetera?"
Slavoj Žižek

Vertraglich regeln lassen sich aber auch weitere Details, die vom Gesetzgeber bisher nicht berücksichtigt werden, darauf weist Slavoj Žižek in einem Beitrag zu diesem Thema hin: "Sollte der Vertrag vielleicht noch viel detaillierter sein, sodass das prinzipielle Einverständnis spezifiziert wird: ein Ja zu vaginalem, aber nicht analem Geschlechtsverkehr, ein Ja zu Fellatio, aber nicht zum Schlucken des Spermas, ein Ja zu leichtem Spanking, aber nicht zu harten Schlägen et cetera?" Die Idee einer vertraglich regulierten Sexualität geht als Gespenst um bei jenen, die unsere Freiheiten, gerade die sexuellen, von politisch korrekten Feministinnen und ihrem Tugendwahn bedroht sehen.

Wie aber lässt sich dafür sorgen, dass die sexuellen Übergriffe und Erniedrigungen, von denen Frauen seit vergangener Woche unter dem Hashtag #MeToo berichten, aufhören? Spätestens jetzt dürfte klar sein, dass wir eher zu wenige als zu viele Regeln haben, die über die Schicklichkeit sexueller Avancen bestimmen. Es liegen konstruktive Vorschläge auf dem Tisch, wie solche Übergriffe einzudämmen wären – man sollte sie nicht weiter als Albernheiten abtun, als allzu amerikanischen Neopuritanismus, als lächerliche Verreglementierung der Intimsphäre.

Wie soll er denn, fragt dieser Mann gern, in Zukunft noch mit einer Frau flirten, wenn alles verboten ist?

Bürokratische Formeln, juristische Genauigkeiten, technisch streng gezogene Grenzen: Aber zielen solche Maßnahmen denn nicht darauf ab, zusammen mit sexuellen Übergriffigkeiten gleich die ganze Erotik, das facettenreiche Spiel der Verführung auszumerzen? Das ist die Frage des Mannes, der sich am Status quo festklammert. Wie soll er denn, fragt dieser Mann gern, in Zukunft noch mit einer Frau flirten, wenn alles verboten ist? Dabei wäre die eigentliche Frage: Wie konnte er bisher überhaupt mit einer Frau flirten? Immerhin stellt er als Mann eine der großen statistischen Bedrohungen dar, auf die eine Frau treffen kann. Nie kann sie sich sicher sein, welche Grenzübertretung ihm demnächst als "Flirtversuch" erscheint. Wird er versuchen, sie zu küssen? Wird er ihr Briefe schicken? Viele Briefe? Wird er seinen Namen mit brennendem Benzin in ihren Vorgarten schreiben?

Die Idee, sexuelle Begegnungen über ausgeklügelte vertragliche Vereinbarungen zu klären, kann nur einer Gesellschaft albern vorkommen, die der Angst der Frauen mitleidlos gegenübersteht – oder der, ihrem verkümmerten Möglichkeitssinn nicht mehr trauend, jede Zukunft nur noch zur Dystopie gerinnt. Genaue Regeln für sexuelles Begehren sind nicht der Anfang der totalitären Gesellschaft. Im Gegenteil: Sie sind ein Schutzmechanismus gegen sie. Wer sexuelle Freiheit bewahren will, der sollte gerade hoffen, dass in Zukunft vertragliche Vereinbarungen prägen, was wir im Bett (im Auto, auf dem Küchentisch) tun.

Denn was wäre die Alternative? Familienministerin Katarina Barley forderte härtere Gesetze: "Was körperliche Übergriffe angeht, wie Hand aufs Knie legen, sollten wir juristisch schärfer werden." Darüber ließe sich natürlich diskutieren, allerdings ist das Spektrum der Übergriffe breit, von denen unter dem Hashtag #MeToo zu lesen war: Es umfasst beispielsweise auch rein verbale Übertritte. Sollte bei jeder Liebeserklärung, die ein Mann einer Frau beim geschäftlichen Business-Lunch unterbreitet, der Leviathan einschreiten? Strafrechtliche Bestimmungen können den besonderen Fall, gerade wenn es um so eine ultraprivate Angelegenheit wie Sex geht, selten angemessen erfassen. Das Strafrecht erlaubt dann entweder zu viel oder, wenn es als Reaktion immer weiter verschärft wird, irgendwann zu wenig.

Privatrechtliche Verträge hingegen sind individuelle Vereinbarungen, sie sind pluralistisch. Ihre Regeln schaffen, was uns bisher fehlt: Sicherheit und Transparenz. Das aber auf der liberalen Grundlage von Vertragsfreiheit und Privatautonomie. Warum also das Vertragsrecht nicht so erweitern, dass es auch auf sexuelle Annäherung anzuwenden wäre? Oder auf das, was Männer dafür halten?