Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Braver alter Mann", spricht sie mich von hinten an. In der Bäckerschlange am Sonntagmorgen begegne ich einer Schulkameradin, der ich hier nicht ausweichen kann, was ich andernorts gern getan hätte. Sie war FDJ-Agitatorin und hebt auch gleich zu agitieren an: "Du stehst brav in der Schlange, mein Mann liegt noch im Bett. Wem gehört der Sonntag: euch oder uns?"

Um sie nicht herauszufordern, sage ich gar nichts. Sie aber holt indessen tief Luft: "Um den Anteil von Frauen endlich signifikant zu erhöhen, gibt es jetzt ein Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe an Führungspositionen, das FüPoG. Mit der freiwilligen Frauenquote in deutschen Vorstandsetagen hat es trotz diverser Selbstverpflichtungen nicht geklappt, und die Vorstände verteidigten sich: Nicht die Quote, sondern die Qualifikation muss Kriterium des Aufstiegs sein. Doch der Maßstab dieser Qualifikation ist ein männlicher. Frauen haben andere Führungsqualitäten und andere Projekte als Männer. Nicht nur das soziale Klima, auch das Unternehmenskonzept würde sich mit einem höheren Frauenanteil ändern. Der Sozialismus war ein weibliches Projekt, von Männern geführt musste er pervertieren. Der Kapitalismus lebt von Männerprojekten und richtet die Welt zugrunde. In Frauenhand könnte er sich in eine lebenswerte Wirtschaftsordnung verwandeln ...

– "Welch Wort aus deinem Munde!", entfährt es mir. Und um nicht weiter zuhören zu müssen, pflichte ich ihr ausführlich bei: "Ein A-Kraftwerk steht technisch auf einer weit höheren Stufe als ein Windrad. Und eine Frau hat das Sinnvolle dem technisch Anspruchsvolleren vorgezogen und die deutsche Energiewende eingeleitet. Ein Dieselturbolader ist weit höher entwickelt als ein E-Motor. Dennoch ist das eine die Technik von gestern, das andere Technik von morgen, was zu begreifen Männern deutlich schwerer fällt als Frauen. Sich von technischer Innovation zu verabschieden und so eine hochgezwirbelte Tierfabrik wieder abzureißen, weil sie zwar perfekt funktioniert, aber eigentlich nix taugt, das tut Männern in der Seele weh, sie haben einfach Spaß daran, wenn etwas läuft wie am Schnürchen. Und im Fernsehen der jubelnde Kim und seine zappelnden Generäle beim Start ihrer todbringenden Rakete! Auf der ganzen Welt müssen die Frauen den Männern ihr Spielzeug aus der Hand nehmen, bevor die alles kaputt schmeißen. Unsere Zukunft ist ein Werk der Mäßigung, der Beschränkung, der Geduld, des Ausgleichs und Zufriedengebens. Nichts für Männer. Also: Frauen an die Macht! Aber was bleibt dann für uns zu tun?"

– "Keine Ahnung. Sonntags Brötchen holen. Und die Glocken läuten. Denn predigen werden wir."