Am Ende ist da ein Wort, unter dem man fast alles zusammenfassen kann. Ein großes, schweres Wort, es lautet: Einsamkeit. Einsamkeit kann eine Last sein für einen Politiker, der schon lange im Amt ist. Sie kann ihm alle Leidenschaft nehmen, jede Energie. Manchmal kann man in der größten Einsamkeit nur noch die eine politische Entscheidung treffen; die, mit der ein Politiker sich ein letztes Mal befreit. Stanislaw Tillich hat sie irgendwann in den vergangenen ein, zwei Wochen gefällt, vielleicht auf einem Spaziergang, vielleicht zu Hause, in seinem Wohnzimmer. Vielleicht allein, vielleicht allein mit seiner Frau. Die Entscheidung, mit der er am vorigen Mittwoch um 16 Uhr im Wappensaal der Dresdner Staatskanzlei alle überraschte.

Als er verkündete: Ich trete zurück.

Mit wem man jetzt auch spricht in Sachsens Union, über das Ende einer 27-jährigen Nachwende-Laufbahn als Politiker – es ist dieses Wort, das fast jeder verwendet: Einsam habe Tillich sich gefühlt seit dem Bundestagswahldebakel am 24. September 2017, bei dem die CDU in Sachsen nur an zweiter Stelle landete – von der AfD geschlagen. Tillich, hört man, habe sich von der eigenen Partei im Stich gelassen gefühlt, habe selbst zu zweifeln angefangen, ob er der historischen Aufgabe wohl noch gewachsen sein würde: zu verhindern, dass die AfD auch 2019, dann bei der Landtagswahl, stärkste Kraft in Sachsen wird. Deshalb habe er in seiner Abschiedsrede gesagt, dass ihm die Kraft fehle, die er brauche, um das Vertrauen in seine Politik wiederherzustellen. Man hat selten eine solche Rücktrittsrede gehört, in dieser Ehrlichkeit.

Tillich hat sich noch nicht im Detail zu seinem Rücktritt geäußert, zu den Gründen dafür, aber diejenigen, die ihn gut kennen, sagen: Eigentlich seien nur seine Frau und sein Generalsekretär Michael Kretschmer nah an ihm dran gewesen in der jüngeren Vergangenheit, in den entscheidenden Tagen und Stunden. Wenn überhaupt jemand nahe dran war. Stanislaw Tillich ist bekannt dafür, dass er seine Entscheidungen – einsam trifft.

Wie kam er zu der Einsicht, ein Abschied vom Amt sei das Beste für ihn, die Partei und das Land? Wann ist ihm klar geworden, wie sehr Sachsen und die CDU einen Neuanfang brauchen? Wann beschloss er, das Amt, wie er sagt, in "jüngere Hände" zu übergeben; an eben seinen Generalsekretär Kretschmer?

Die Chronik von seinem, Tillichs, Rücktritt muss spätestens am Montag nach der Bundestagswahl beginnen, am 25. September. Man kann die Stimmung, die an diesem Abend unter den Vorstandsmitgliedern der sächsischen Union herrscht, nur verstehen, wenn man sich in Erinnerung ruft, aus welchem Luxus diese Partei kommt. Denn einst gewann sie absolute Mehrheiten, schien so unbesiegbar wie allenfalls noch die CSU in Bayern. In den vergangenen Jahren aber zerbröselte diese Sicherheit. Spätestens seit Sachsen vom Kernland der CDU zum Kernland des Widerstands wurde: weil erst Pegida, dann die AfD dafür sorgten, dass jene wütenden Bürger, die bislang geschwiegen hatten – laut wurden.

Das Wahldebakel, der AfD-Erfolg zur Bundestagswahl, macht diese Entwicklung für Sachsens Union erstmals tabellarisch ablesbar, deshalb sind die Mitglieder des Landesvorstands verzweifelt, auch zornig, als sie an jenem Montagabend zusammentreffen. Unter ihnen, neben Tillich und Kretschmer, wichtige Menschen in Sachsens Union wie Fraktionschef Frank Kupfer oder Bundesinnenminister Thomas de Maizière, dessen Wahlkreis in Meißen liegt.

Stanislaw Tillich – so erzählen es später übereinstimmend mehrere, die dabei waren – tut an jenem Abend das, was man als gute Führungskraft in so einer Lage eben tut. Er tritt demütig auf, fordert ehrliches Feedback ein. Man möge ihm ungeschönt sagen, was schiefgelaufen sei.

So edel das ist, vielleicht liegt in diesen Stunden die Ursache für seinen späteren Rücktritt. Denn Tillichs Partei nimmt seinen Wunsch ernst. Sie überhäuft ihren Ministerpräsidenten mit Problemanalysen, auch mit persönlichen Angriffen, oft freundlich im Ton, aber sehr hart in der Sache. "Es kommt mir so vor", sagt ein hochrangiges Parteimitglied später, "als sei er unter der Last des selbst eingeforderten Feedbacks zusammengebrochen. Als habe er vorher keine Ahnung gehabt, dass die Meinung vieler so harsch ausfällt." Das hochrangige Parteimitglied fragt sich inzwischen, ob es nicht möglich gewesen wäre, Tillich in dieser Zeit noch vom Rücktritt abzuhalten. "Wenn nur einer von uns früher ihn beiseite genommen, ihm gesagt hätte: Es ist nicht allein deine Schuld! Wir stehen an deiner Seite! Vielleicht hätte ihm das geholfen." Christian Piwarz, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, wird später über diesen Tag nach der Wahl sagen: "Wir haben in den ersten Reaktionen zu viel Asche aufs Haupt gestreut." Offenbar vor allem: auf Tillichs Haupt.

Was Tillich zu spüren bekommt, das ist: Druck. Und zwar nicht vordergründig medialer Druck oder Druck der Opposition. Sondern Druck aus der eigenen Partei. "Du musst jetzt eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede halten", sagt ihm jemand in einer Wahlauswertungsrunde. Jetzt sei Krieg bis zur Landtagswahl, sagt ein anderer. Und: "Du musst jetzt führen." Du musst, du musst, du musst. Aber Tillich fängt wohl an zu grübeln: Kann ich das überhaupt?

Wer heute mit CDU-Leuten aus Sachsen spricht, erfährt, dass sie alle damals ein gutes Gefühl hatten: Tillich habe agil gewirkt. Habe Ja gesagt: Ja, wir packen das. Ja, ich mache das! Zumal Tillich intern dafür geachtet wird, Kritik einstecken zu können. Dünnhäutig sei er nie gewesen, erzählt etwa Steffen Flath, ehemals CDU-Fraktionschef in Sachsen. Aber vielleicht waren das auch Beschwörungen. Tillich sei keineswegs frei von Eitelkeiten, sagen Wegbegleiter. Er wolle geliebt werden, gelobt.

Elf Tage nach der Wahl, am 5. Oktober, wird Tillich eine Form der Kritik erreichen, die ihn kalt trifft. In der ZEIT erscheint ein Interview mit Kurt Biedenkopf, dem ersten Nachwende-Ministerpräsidenten Sachsens. "Ich sorge mich um mein Lebenswerk", sagt Biedenkopf in dem Gespräch, er macht Tillich für das sächsische Wahlergebnis verantwortlich. Ein Regierungschef dürfe nicht scheu sein, wenn es um Entscheidungen gehe, aber Tillich "hat das nie gelernt". Das Entscheiden. Wenn man heute darüber mit Arnold Vaatz spricht, einem langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten, dann sagt er: Das Erscheinen dieses Interviews war der Moment, in dem Tillichs Rücktritt unvermeidlich wurde. "Wenn er weitergemacht hätte, hätte immer einer kommen können, der sagt: 'Der hat es eben nicht gelernt.' Wie sollte Tillich mit solch einer Hypothek wieder zur Wahl antreten?"