Als Harry S., damals noch 27 Jahre alt, im Juli 2016 vor dem Staatschutzsenat des hanseatischen Oberlandesgerichtes stand, wirkte er wie ein geläuterter Mann. Der gebürtige Bremer trug jedes Mal ein gebügeltes Hemd, lächelte freundlich, beantwortete jede Frage mit Geduld. Er gab sich so kooperativ, dass sein Prozess nach wenigen Verhandlungstagen abgeschlossen war.

Erstmals stand mit ihm ein Syrien-Rückkehrer in Hamburg vor Gericht, noch dazu einer, der seine Zeit beim sogenannten Islamischen Staat (IS) aufrichtig bereute. Er kam mit drei Jahren Gefängnis wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung davon. "Sie sind heute kein Terrorist mehr", sagte der Richter. "Und Sie werden, da bin ich sicher, auch nie wieder einer werden."

Offenbar hat sich die Kammer von dem Auftreten des Mannes blenden lassen. Im Nachhinein kam heraus, dass der Angeklagte nicht die ganze Wahrheit gesagt hat; dass Harry S. wohl eine deutlich aktivere Rolle beim IS gespielt hat als bisher bekannt war. Dennoch hat das Oberlandesgericht einen neuen Prozess abgelehnt. Warum?

Im vergangenen Jahr hatte Harry S. während seines Prozesses gestanden, nach Syrien in ein Ausbildungscamp des IS gereist zu sein. Drei Monate war er im Sommer 2015 dort, um für die Terrororganisation zu kämpfen. Er ließ sich an Waffen ausbilden, spielte in einem Propaganda-Video mit. Im Juli 2015 kehrte er zurück – freiwillig. Und voller Reue. "Dass ich in Syrien war, war der größte Fehler meines Lebens", sagte er vor Gericht. Und: "Ich hoffe, dass ich irgendwann anderen Jugendlichen helfen kann, nicht diesen Weg zu gehen." Solche Worte wirken.

Doch kaum saß Harry S. im Gefängnis, tauchte plötzlich ein Video auf, das seine Zeit in Syrien in etwas anderem Licht erscheinen lässt. Der Film zeigt ihn in Palmyra bei einer Hinrichtung. Es war zwar bekannt, dass er bei der Erschießung von sechs IS-Gefangenen anwesend war. Das hatte er in seinem Prozess eingeräumt. Er hatte aber beteuert, nur eine Fahne getragen zu haben. Nun gab es plötzlich ein Video, das ihn in einer ganz anderen Rolle zeigen soll: in der eines IS-Kämpfers, der die Gefangenen zum Hinrichtungsplatz führt und den Todesschützen lautstark anfeuert, als der auf die wehrlosen Opfer anlegt.

Plötzlich stand der Bremer unter sechsfachem Mordverdacht. Die Bundesanwaltschaft schrieb eine neue Anklage, es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Harry S. in Hamburg erneut vor dem Staatsschutzsenat stehen würde. Daraus wurde überraschend erst mal nichts.

Das Oberlandesgericht begründet die Entscheidung mit dem Verbot der Doppelbestrafung. In Deutschland darf niemand für eine Tat mehrfach vor Gericht gestellt werden. Das steht sogar im Grundgesetz. Sobald ein Urteil rechtskräftig ist, also nicht mehr angefochten werden kann, gilt der Fall juristisch als abgeschlossen – auch und vor allem für den Täter. Er hat dann nicht mehr zu befürchten, wegen des gleichen Vorwurfs eine weitere Strafe zu bekommen.

Diesen Grundsatz sah das Oberlandesgericht durch einen Mordprozess gegen Harry S. verletzt. Auch wenn er im ersten Prozess nicht unter Mordverdacht stand: Dass er bei der Hinrichtung anwesend war, sei auch dort schon bekannt gewesen. Die Szene in Palmyra sei deshalb in das Urteil vom Juli 2016 eingeflossen, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. "Damals ging man davon aus, dass Harry S. nur passiv an der Hinrichtung beteiligt war", sagt Gerichtssprecher Kai Wantzen. "Doch selbst wenn die den Mordverdacht begründenden Umstände erst nachträglich bekannt geworden sind, steht die frühere Verurteilung des Angeschuldigten einer weiteren Bestrafung entgegen."

Ein mutmaßlich sechsfacher Mörder, der nicht vor Gericht gestellt werden darf – eine absurde Situation. Der heute 29-Jährige hatte wohl einfach Glück: Das Material, das ihn lebenslang ins Gefängnis hätte bringen können, ist zu spät aufgetaucht.

Einen letzten Versuch, den ehemaligen IS-Kämpfer doch noch wegen Mordes vor Gericht zu bringen, unternimmt nun die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe. Sie hat Beschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt. Der hat nun im Fall Harry S. das letzte Wort.