Der Name verspricht Großes: World Academy of Science, Engineering and Technology (Waset). Und groß ist auch das Angebot. Allein in diesem Jahr veranstaltet Waset über 400 wissenschaftliche Konferenzen, allein elf in Paris und fünf in Rom. Eigentlich sind es sogar noch viel mehr. Denn hinter jeder Konferenz verstecken sich unzählige Unterkonferenzen. So fanden am 21. und 22. Mai in Berlin nicht nur die ICFERM 2017 (International Conference on Forest Engineering, Resources and Management) und die ICCL 2017 (19th International Conference on Criminal Law) statt, sondern auch die ICBB 2017, die ICCASTA 2017, die ICSRMKM 2017 und die ICFOCSFP 2017. Alle zur gleichen Zeit, alle am selben Ort.

Kein Kongresszentrum der Welt könnte so viele Tagungen auf einmal beherbergen. In Berlin jedoch sollte laut der Waset-Website ein Hotel am Kurfürstendamm reichen. Ruft man dort an, heißt es: Niemand hat für die beiden Tage einen einzigen Raum reserviert, hier gab es keinen Kongress. Alles nur Schmu also? Nicht ganz.

Waset ist eine Art globale Resterampe wissenschaftlicher Erzeugnisse. Wer dahintersteckt, darüber gibt es nur Spekulationen. Sie zielen auf Cemal Ardil, einen ehemaligen Physiklehrer aus der Türkei. Er soll das weltumspannende Konferenzunternehmen gegründet haben. Die Website von Waset nennt allerdings nirgendwo eine Adresse. Interessenten können nur ein anonymes Formular ausfüllen oder eine SMS verschicken – mit der Vorwahl der Vereinigten Arabischen Emirate. Bis ins Jahr 2030 sind Konferenzen von Lissabon bis Sydney auf der Website aufgelistet, mit dem Veranstaltungsort, zu lesenden wissenschaftlichen Aufsätzen und Deadlines für die Bewerbung.

Waset richtet tatsächlich jedes Jahr unzählige Tagungen aus. Auch in Berlin kamen Ende Mai vermutlich ein Dutzend Forscher zusammen. Typischerweise läuft es so: Kurz vorher werden die Wissenschaftler statt ins Luxushotel doch in ein Billighotel bestellt. Dort findet anstelle der vielen angekündigten Fachkonferenzen eine Pseudotagung statt. Die Forscher hören sich Vorträge an, die sie nicht verstehen, da sie alle aus verschiedenen Disziplinen stammen.

Doch aufs Verstehen oder auf den wissenschaftlichen Austausch kommt es den Teilnehmern nicht an. Sinn einer Waset-Konferenz ist es, den Lebenslauf um eine Konferenz sowie um einen Beitrag in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu erweitern. Denn jeder Vortrag wird in einer Online-Publikation veröffentlicht, die ebenfalls von Waset herausgegeben wird. Über 40.000 Artikel sollen laut Website seit 1999 zusammengekommen sein.

Auf Austausch kommt es den Teilnehmern nicht an, ihnen geht es um den Lebenslauf

Anbieter wie Waset gehören zu einer Parallelwelt, in der dubiose Anbieter Wissenschaftlern weltweit ihre Produkte andienen. Sie stammen meist aus Asien oder Afrika. Von dort – aus Nigeria, Indien, Indonesien oder dem Iran – kommen auch viele ihrer Kunden. Aber amerikanische und deutsche Wissenschaftler begeben sich ebenfalls in das akademische Schattenreich.

Entstanden ist dieses Reich um die Jahrtausendwende, als immer mehr Verlage begannen, wissenschaftliche Artikel nicht mehr zu drucken, sondern nur noch online zu veröffentlichen. Mit dem Open-Access-Verfahren veränderte sich auch das Gebührenmodell der Branche. Traditionell finanzierten die Leser die gedruckten Zeitschriften über ihr Abonnement. Beim elektronischen Publizieren dagegen müssen die Autoren dafür zahlen, dass ihr Aufsatz veröffentlicht wird. Der ist dann kostenlos im Netz zu lesen.