Führende Repräsentanten der AfD versuchen sich normalerweise mit einer klaren, provokanten Sprache zu profilieren. Über die angeblichen Sprechblasen der anderen Politiker machen sie sich gerne lustig. Doch als Beatrix von Storch und Georg Pazderski die Berliner AfD Mitte September zu einem außerordentlichen Parteitag einluden, warfen sie sprachliche Nebelkerzen der besonders undurchschaubaren Art: Man habe sich einstimmig zu einer Vorverlegung des Parteitags entschlossen, informierte das Spitzenduo per Rundschreiben, um damit "die Diskussion über einige Aspekte des Landesparteitages im Januar 2016 abzuschließen". Damals waren von Storch und Pazderski zu Landeschefs gewählt worden.

Es wäre überhaupt nicht schwer gewesen, klar und deutlich zu formulieren, was Sache ist: Der Parteitag muss vorgezogen werden, weil bei der Vorstandswahl 2016 betrogen und manipuliert worden war. Deshalb müssen jetzt am Wochenende in der Zitadelle Spandau diese Wahlen wiederholt werden. Die Landeschefs sind durch manipulierte Abstimmungen ins Amt gekommen. All das haben nicht irgendwelche politischen Gegner festgestellt, sondern parteiinterne Schiedsgerichte. Das sind die gewissen "Aspekte", die man lieber still beerdigen würde.

Fast zwei Jahre lang hat die Parteispitze die Aufklärung des Wahlbetrugs systematisch verschleppt. Von Storch und Pazderski haben weniger Mut zur Wahrheit bewiesen, wie ihre Partei es Millionen Wählern im Wahlkampf versprochen hat, sondern vor allem Mut zur Täuschung. Die Manöver des Führungsduos werfen grundlegende Fragen auf, etwa jene, wie zeitgemäß Strafgesetzbuch und Wahlgesetz im Zeitalter des Populismus noch sind.

Wer nun denkt, dass in der AfD, die sich so gerne als Partei des harten Rechtsstaates präsentiert, Empörung herrscht über die Vorfälle, sieht sich getäuscht. Die meisten Berliner AfD-Funktionäre wollen von den Manipulationen bei der Wahl der Landeschefs vor zwei Jahren nichts mehr wissen. Und wer sich überhaupt je daran rieb, hat inzwischen resigniert. "Natürlich hat mich das gestört, aber was soll ich machen", sagt ein Mitglied der Berliner AfD-Fraktion. Zu fest sitzen von Storch und Pazderski mittlerweile im Sattel. Zu laut will man vor allem die Siege der Partei feiern.

Die Berliner AfD war für den pensionierten Oberst und die Anwältin mehr Sprungbrett als politische Heimat: Pazderski wohnte bis vor wenigen Jahren gar nicht in Berlin. In der Gründerzeit der Partei wurde er erst Landes-, dann Bundesgeschäftsführer der AfD, bis Parteigründer Bernd Lucke ihn schließlich feuerte. Angeblich, weil die Partei kein Geld mehr für den Posten hatte. Beatrix von Storch verabschiedete sich in der AfD-Anfangsphase rasch von der Berliner Landespolitik. 2013 wurde sie zwar Bezirkschefin in Berlin-Mitte. Doch ein Jahr später kandidierte sie für das Europaparlament und wechselte nach Brüssel. Ihren Posten in Berlin behielt sie trotzdem.

Dass die beiden Berliner AfD-Chefs wurden, hat mit dem Rechtsruck in der AfD zu tun, dem Kampf zwischen bürgerlich-gemäßigten und völkisch-nationalen Kräften. Die rechten Truppen um Alexander Gauland und Björn Höcke sägten Lucke auf dem Essener Parteitag im Sommer 2015 ab und machten Frauke Petry zur neuen AfD-Chefin. Auch von Storch und Pazderski wurden in den Bundesvorstand gewählt. Nach und nach umfasste der Machtkampf zwischen den Flügeln die einzelnen Landesverbände. "Berlin braucht sein Essen" ist damals das geflügelte Wort in der AfD.

Von Storch und Pazderski wollen den gemäßigten Landeschef Günter Brinker absetzen und finden stramme Gefolgsleute: rechte Ex-CDU-Leute aus Steglitz-Zehlendorf um den heutigen Landesvize Hans-Joachim Berg, dessen Bezirksverband mit Beginn der Flüchtlingskrise Flyer gegen die "Zuzüge von Nichtdeutschen" druckte, und den Höcke-Fan Andreas Wild, der später Schlagzeilen mit Auftritten bei Pegida und der Forderung machte, Flüchtlinge in Lagern aus "Bauholz und Nägeln" in "spärlich besiedelten Landstrichen" unterzubringen. Als stiller Helfer beim Machtwechsel ist auch der einstige Reinickendorfer AfD-Chef Bernd Gebert dabei. "Von Storch war es egal, mit wem sie an die Spitze kommt", sagt jemand aus der Berliner AfD-Spitze, "sie hatte nur ein Ziel: den Bundestag. Der Posten als Landeschefin war für sie nur ein Vehikel." Das Zweckbündnis zwischen von Storch und Pazderski sei nicht mehr als eine "Koexistenz". Deren rechten Unterstützern sei es darum gegangen, durch die Allianz an Posten und Mandate zu gelangen.

Die Mechanik der Machtübernahme überließ von Storch ihrem taktisch geschulten heutigen Co-Chef Pazderski. Der Oberst verfasste mit Gebert und anderen Unterstützern die Texte für Hunderte Exemplare einer Sonderausgabe der parteinahen Zeitung Polifakt. Mit Politik "im Schlafwagen" und "Abtauchen" werde man es nicht ins Abgeordnetenhaus schaffen, hieß es darin. Es brauche "einen motivierenden Vorstand, der sich selbst nicht zu schade ist, mit anzupacken", hetzte das Pamphlet gegen Amtsinhaber Brinker. Berg und Wild schickten es kurz vor dem Parteitag an alle Berliner AfD-Mitglieder und warben für die "personelle Neuaufstellung des Landesvorstandes": Mit Beatrix von Storch und Georg Pazderski habe man "ein veritables Personalangebot". Einen "fiesen Zermürbungsprozess" nennt ein Mitglied der Berliner AfD-Fraktion die Aktion heute.

Der Machtwechsel fand statt. Doch fast 30 Prozent stimmten am Ende auf dem Parteitag gegen von Storch und Pazderski oder enthielten sich. Und schnell tauchte die Frage auf, wie sehr dem Glück nachgeholfen worden war.