Das Naturschauspiel

An einem Tag im August fliegt Donald Trump in den Schnee, um Theater zu spielen. In Grönland steigt er in einen Hubschrauber und schwebt über die Gletscher. Die Fotografen machen Bilder: Trump im roten Anorak vor weißer Weite. Trump auf einem Felsen sitzend, mit nachdenklichem Gesicht, hinter ihm jahrtausendealtes Eis. Trump mit einem Chor aus Inuit-Kindern, die ihm ein Ständchen singen.

Dann, Teil zwei der Aufführung, spricht Trump besorgte Sätze in Mikrofone. Er sagt:

"Das muss man selbst gesehen haben."

"Wir müssen sichtbar machen, was in unserer Natur passiert."

"Ich glaube, dass vor uns für die Bekämpfung des Klimawandels entscheidende Jahre liegen."

Anschließend fliegt Trump nach Hause und macht weiter Politik, als wäre nichts gewesen. Er unterstützt die Kohleindustrie. Er hilft der Autoindustrie. Er fördert die Massentierhaltung.

Auf Klimakonferenzen und Wirtschaftsgipfeln aber spricht er weiterhin von den Gefahren der Erderwärmung. Und die Welt scheint nicht zu bemerken, dass das alles nur ein Schauspiel ist. Im Gegenteil, rund um den Globus gilt Trump als großer Umweltschützer. Die Leute nennen ihn den "Klimapräsidenten".

So wird das nichts

Umweltbundesamt; 2016 geschätzt; Stand 3/2017 © ZEIT-Grafik

Frage: Was an dieser Geschichte ist falsch?

Antwort: fast nichts.

Die Gletscher gibt es wirklich. Einer heißt auf Grönländisch Sermeq Kujalleq, südlicher Gletscher, von ihm brach vermutlich einst der Eisberg ab, mit dem die Titanic kollidierte. Jetzt schrumpft er. Innerhalb von zehn Jahren hat der Sermeq Kujalleq nach Berechnungen von Wissenschaftlern so viel Eis verloren, dass allein dadurch der Meeresspiegel im Durchschnitt um rund einen Millimeter anstieg, in Indien, in Brasilien, an der Nordseeküste.

An der Geschichte stimmt auch, dass eine der bedeutendsten Politiker-Persönlichkeiten der Welt über das schmelzende Grönlandeis lief und dort einen roten Anorak trug. Der Kinderchor hat tatsächlich gesungen. Die Fotografen haben Bilder geschossen. Auch die zitierten Sätze sind alle so gefallen.

Nur war es nicht der amerikanische Präsident Donald Trump, der sie ausgesprochen hat.

Es war die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Im August 2007 reiste sie nach Grönland. Sie ist es, die damals Theater spielte – und die ihre Aufführung bis heute fortsetzt.

In der kommenden Woche beginnt in Bonn die 23. Weltklimakonferenz. Dank ihrer Auftritte bei solchen Zusammenkünften gilt Angela Merkel als "Klimakanzlerin". Und die Erde hat eine Retterin dringend nötig. Vor wenigen Tagen wurde bekannt: Nie in den vergangenen 800.000 Jahren war die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre so hoch wie heute.

In Wirklichkeit aber, das wird dieser Artikel zu belegen versuchen, betreibt Angela Merkel eine klimafeindliche Politik.

Der Regenwald stirbt

Wenn es um den Klimaschutz geht, unterscheidet sich Angela Merkel nicht so sehr von Donald Trump. Oder eigentlich doch. Denn Trump ist wenigstens ehrlich. Bei ihm weiß jeder, dass ihm das Klima egal ist. Niemand glaubt, dass er sich für das einzige wahrhaft globale Problem unserer Zeit interessiert, keiner erwartet, dass er sich Gedanken macht über das Schicksal von Menschen am anderen Ende der Welt.

In der Dunkelheit der Insel Borneo, 12.000 Kilometer entfernt vom grönländischen Eis, flattern unscharfe Bilder über die Wand eines hölzernen Hauses. Ein dieselgetriebener Generator rattert, er erzeugt Strom für den Videoprojektor. Davor sitzen Männer und Frauen auf dem Boden, sie trinken süßen Tee, knabbern Erdnüsse und Kokoskekse – und schauen zu, wie ihre Welt vergeht.

Auf dem Video tauchen Bäume auf, die hochhaushoch in den Himmel wachsen, dicht stehen sie nebeneinander, Stamm an Stamm, bis ein Baum plötzlich in Bewegung gerät und fällt, und dann noch einer und noch einer. Übrig bleibt ein Stoppelfeld, bedeckt mit zerborstenem Holz.

Eine der Frauen auf dem Boden fängt an zu weinen.

Es sind die Bäume ihrer Heimat, die Bäume ihres Dorfes, die auf dem Video sterben. Das Dorf: Tumbang Mantuhe, eine Ansammlung von Hütten im indonesischen Teil der Insel Borneo, früher umgeben von Regenwald, heute umgeben von Palmen, die in riesigen Plantagen wachsen, betrieben von großen Unternehmen. An den Palmen reifen mehrmals im Jahr pflaumengroße Früchte heran, die ausgepresst und zu Öl verarbeitet werden. Palmöl.

Das Video hat eine indonesische Menschenrechtsorganisation produziert, sie heißt The Borneo Institute. Mit dem kurzen Film will sie auf das Schicksal der Kleinbauern aufmerksam machen, die in diesem Wald einmal ein Leben lebten, von dem heute nur noch die Ältesten erzählen können. Einer von ihnen ist der 71-jährige Pesi, Vater von zwölf Kindern und Großvater von sieben Enkeln.

Er hat sich zum Reden vor seine Hütte gesetzt, die wie alle Hütten hier auf Stelzen gebaut ist. Ein kleiner, aber noch immer kräftiger weißhaariger Mann, dessen ledernes Gesicht von Falten durchfurcht ist. Ein paar Hühner scharren in einer offenen Grube, in der die Familie ihren Müll verbrennt. Pesi, der wie viele Indonesier nur einen Namen hat, ist froh, dass er um diese Zeit zu Hause ist, denn am Abend, wenn es dunkel wird, erwachen die Geister der toten Vorfahren – und die Seelen der toten Bäume.

"Wir haben früher vom Wald gelebt", sagt Pesi, "wir haben Hirsche gejagt und Knollen und Früchte gesammelt." Auf kleinen Feldern zwischen den Bäumen zogen sie Reis. Das Land gehörte ihnen, jeder wusste das.

Aber kaum einer besaß ein offizielles Nutzungsrecht. Weshalb es für die Palmölproduzenten meist nicht schwierig war, sich selbst solche Bescheinigungen zu besorgen.

Heute ist Indonesien, vor Malaysia, der weltgrößte Produzent von Palmöl. Die Kleinbauern und ihre Familien schlagen sich irgendwie durch, manche arbeiten auf den Ölplantagen, die ihren Wald verdrängt haben.

Der Regenwald stirbt, die Lunge der Erde – dass das schlimm ist, wissen in Deutschland schon Schulkinder. In diesem Artikel aber soll es weniger um die Zerstörung des indonesischen Dschungels gehen als um das Versagen der deutschen Bundeskanzlerin.

Was also hat Angela Merkel mit den verschwundenen Bäumen von Borneo zu tun?

Biodiesel aus Palmöl heizt die Erde auf

Am 26. Oktober 2006, knapp zehn Monate vor Merkels Reise nach Grönland, verabschiedet der Deutsche Bundestag das sogenannte Biokraftstoffquotengesetz. Es verpflichtet die Mineralölwirtschaft, dem schmutzigen Dieseltreibstoff aus Erdöl bis zu zehn Prozent Diesel aus Pflanzenöl beizumischen, zum Beispiel aus Raps. Solcher Biodiesel, so das Kalkül, setzt nur so viel Kohlendioxid frei, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben.

Mit Biodiesel lässt sich klimafreundlicher Auto fahren. Eigentlich ein guter Gedanke.

Doch schon bald danach zeigt sich, dass die heimischen Rapsfelder nicht ausreichen, um genügend Biodiesel für die steigende Zahl an Autos mit Dieselmotor zu produzieren. Also müssen die Treibstoffhersteller anderswo nach Rohstoffen suchen. Sie finden: Palmöl.

Auch die Verbrennung von Treibstoff aus Palmöl ist klimaneutral. Aber nur auf den ersten Blick. Der Boden unter dem Regenwald speichert enorm viel Kohlenstoff. Werden die Bäume gefällt, die Stümpfe abgefackelt, die Böden aufgerissen, dann entweichen auf einen Schlag riesige Mengen an Treibhausgasen. Wissenschaftler haben ausgerechnet: Für jede in Deutschland durch den Biodiesel eingesparte Tonne Kohlendioxid werden in Indonesien bis zu 30 Tonnen freigesetzt.

Anders gesagt: Biodiesel aus Palmöl heizt die Erde auf. Er sorgt dafür, dass in Grönland die Gletscher schmelzen.

Früher waren es fast ausschließlich die Nahrungsmittel- und die Kosmetikindustrie, die Palmöl importierten. Dank des Biokraftstoffquotengesetzes aber werden inzwischen 40 Prozent des in Deutschland verwendeten Palmöls für die Herstellung von Biodiesel benutzt. Das Gesetz bescherte der indonesischen Palmölindustrie einen Nachfrageboom.

Nun war im Herbst 2006, als das Gesetz verabschiedet wurde, noch nicht unbedingt abzusehen, welche schädlichen Folgen es für den Regenwald haben würde. Etwa anderthalb Jahre später allerdings, sagen wir: am 30. Mai 2008, konnte jemand, der sich für dieses Thema interessierte, eigentlich nicht mehr ahnungslos sein.

In Genf hatte der UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler in einem flammenden Appell einen fünfjährigen Stopp der Biospritproduktion gefordert. Und in Berlin hatte der wissenschaftliche Beirat des Landwirtschaftsministeriums festgestellt: "Die Förderung des Einsatzes von Biokraftstoffen ist aus klimaschutzpolitischer Sicht keine sinnvolle Option."

An jenem 30. Mai 2008 findet auf dem Leipziger Messegelände das Weltverkehrsforum statt. Hauptrednerin der Konferenz ist die Bundeskanzlerin. Erst wenige Wochen zuvor hat Angela Merkel in einem Interview mit dem stern gesagt: "Wir dürfen die natürlichen Speicher für CO₂ nicht weiter zerstören, Wälder vor allem, auch Moore."

In Leipzig steht nun "The Challenge of Climate Change", die Herausforderung durch den Klimawandel, auf einem Schild am Stehpult. Merkel lobt die Veranstalter für die Wahl des Themas. Sie mahnt die Anwesenden, der Klimawandel sei "sowohl eine moralische als auch eine ökonomische Herausforderung". Gegen Ende wird Merkel konkret. Sie kommt auf die Biokraftstoffe zu sprechen. Diese seien "ein Aspekt einer Klimaschutzstrategie und einer nachhaltigen Entwicklung für das Transportsystem".

Was Angela Merkel damals nicht sagt, ist, dass der Biodiesel für die deutschen Bauern ein gutes Geschäft ist. Durch die hohe Beimischungsquote können sie dauerhaft ihre gesamten Ernten zu guten Preisen verkaufen. Was Angela Merkel auch nicht sagt: Für den Kleinbauern Pesi im Regenwald von Indonesien ist der Palmölboom eine Katastrophe.

Biodiesel – nach außen hin wirkt das wie ein guter Gedanke. Will man aber die Klimapolitik einer Regierung beurteilen, kommt es nicht auf die Wirkung nach außen an. Es geht um die Wirklichkeit.

Und die Wirklichkeit von Angela Merkels Klimapolitik kennen wenige in Deutschland so gut wie Dirk Günther.

Günther, 45, studierter Politikwissenschaftler mit Nickelbrille, ist Mitarbeiter des Umweltbundesamtes in Dessau, Abteilung I2, Klimaschutz und Energie, Fachgebiet Emissionssituation.

Das bedeutet: Er hat viel mit Daten zu tun, mit 20.000 verschiedenen Daten, um genau zu sein. Es sind Angaben zur Zahl der in Deutschland zugelassenen Nutzfahrzeuge und Personenkraftwagen verschiedener Gewichts- und Hubraumklassen, zu den hierzulande getankten Treibstoffen, zu den unterschiedlichen Flugzeugtypen, Schiffsmodellen und Kraftwerksarten, zur Menge der verbrannten Stein- und Braunkohle.

Schädliche Braunkohle

Die so ermittelten Werte werden jedes Jahr aufs Neue addiert, multipliziert, dividiert, bis am Ende die aktuellste Version dieser Grafik entsteht, die Dirk Günther jetzt in einem Besprechungszimmer des Umweltbundesamtes mit einem Mausklick auf den Bildschirm holt. Man sieht eine Reihe schmaler schwarzer Säulen, für jedes Jahr eine, sie zeigen die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland an, je höher die Säule, desto mehr Emissionen.

Im Jahr 2005, bei Angela Merkels Amtsantritt, lagen sie in Deutschland bei 992 Millionen Tonnen. Bis 2020 sollen sie auf rund 750 Millionen Tonnen sinken, dazu hat sich Deutschland gegenüber der Weltgemeinschaft verpflichtet. Wenn alle Länder ihre Klimaziele erfüllen, dann, so die Einschätzung der Wissenschaft, lässt sich die Erderwärmung vielleicht noch auf 1,5 bis 2 Grad beschränken. Das ist die Hoffnung, das Ziel.

Dirk Günthers Grafik reagiert nicht auf Absichtserklärungen und mahnende Worte. Sie spiegelt nicht das Wünschen und Wollen einer Regierungschefin, sondern ihre tatsächliche Politik.

Die Bilanz von zehn Jahren Merkel: Die Säulen sind kaum kleiner geworden. Die Emissionen liegen noch immer bei knapp über 900 Millionen Tonnen. In den vergangenen drei Jahren sind sie fast gar nicht mehr gesunken. "Wir liegen auf einem Plateau", sagt Dirk Günther.

Erst vor wenigen Wochen hat das Bundesumweltministerium einen Bericht veröffentlicht, wonach die Klimaziele praktisch nicht mehr zu erreichen sind. Deutschland hat zwar einen Teil seiner Kohlendioxid-Emissionen quasi nach Indonesien ausgelagert. Aber auch das hat nichts genützt: Die Klimapolitik der Regierung Merkel ist gescheitert. Sie hat dafür gesorgt, dass nicht nur in Indonesien zu viel Kohlendioxid in die Luft gelangt. Sondern auch bei uns, in Deutschland. Zum Beispiel in der Lausitz.

Die Lausitz liegt am Rand von Deutschland, kurz vor Polen, aufgeteilt zwischen Brandenburg und Sachsen. Sand, kaum Hügel, Straßen ohne Kurven, Kiefernwälder. Ein Landstrich, wie gemacht, um Weite zu bebildern.

Einst versanken hier ganze Wälder in riesigen Mooren. Millionen Jahre später hat das, was von den Stämmen und Ästen übrig blieb, einen anderen Namen: Braunkohle.

Wie gigantische Bretter ziehen sich die Flöze unterirdisch durch die Landschaft, bis zu 16 Meter dick sind sie an manchen Stellen. Sie sind der Grund, warum die Lausitz im 20. Jahrhundert zum Spielort sozialistischer Utopien wurde. Sie sind auch der Grund, warum Karsten Kolk so zufrieden mit seiner Arbeit ist.

Kolk holt die Braunkohle aus der Erde und verwandelt sie in Strom. Strom, der in Berlin Fabriken laufen lässt, in Dresden Herdplatten erhitzt und in Leipzig Aufzüge antreibt. Kolk sagt: "Wir sorgen dafür, dass im Osten das Licht brennt."

Karsten Kolk ist Bergbauingenieur. Geboren 1970 in der Lausitz, aufgewachsen in der Lausitz, in einem Bergbaudorf neben einem Tagebau. Ein Leben ohne die Braunkohle kam für ihn nie infrage. Als Treffpunkt für dieses Gespräch hat er einen See vorgeschlagen. Scheinbar ein Stück unberührte Natur. Aber auch der See war mal ein Tagebau – als er nichts mehr hergab, ließ man ihn mit Wasser volllaufen.

Karsten Kolk heißt eigentlich anders. Er hat sich vor dem Gespräch keine Erlaubnis seines Arbeitgebers geholt, wie es üblich wäre, deshalb will er anonym bleiben. Kolk ist Angestellter der LEAG, der Lausitz Energie Bergbau AG. Er ist dort im mittleren Management, mehr als hundert Mitarbeiter unterstehen ihm, aber Kolk sieht sich immer noch als Bergmann, so wie sein Vater Bergmann war, wie seine Onkel und viele seiner Freunde und Nachbarn Bergmänner sind.

Wenn das Wort "Bergmann" ausspricht, schwingt da viel mit: Familie, Heimat, Wohlstand.

Von allen fossilen Energieträgern ist die Braunkohle am schädlichsten für das Klima. Wird sie verbrannt, setzt sie mehr Kohlendioxid frei als Erdgas, mehr als Erdöl, mehr als Steinkohle. Halb Deutschland ist heute mit Windrädern vollgestellt, die Dächer ungezählter Einfamilienhäuser sind mit Solarzellen bedeckt. Aber gleichzeitig fördert Deutschland immer noch mehr Braunkohle als jedes andere Land der Welt. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass die Kohlendioxid-Emissionen unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel kaum gesunken sind.

Ein typisches Merkel-Ja zum Kohleausstieg

Im Frühjahr 2015 scheint die Bundesregierung das Problem endlich angehen zu wollen. Im Bundeswirtschaftsministerium entsteht ein Konzept mit dem Titel "Eckpunktepapier Strommarkt". Der Kerngedanke: Die Betreiber alter, besonders schmutziger Kohlekraftwerke sollen künftig eine Abgabe zahlen, die sich an der Höhe der Kohlendioxid-Emissionen bemisst. Als Reaktion, so die Hoffnung, werden die Energiekonzerne weniger Kohlestrom erzeugen. Es wäre der Einstieg in den Kohleausstieg. Deutschland könnte die Klimaziele dann vielleicht doch noch erreichen.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bespricht den Vorschlag mit der Kanzlerin. Angela Merkel signalisiert Zustimmung. Doch als das Konzept publik wird, bildet sich eine ungewöhnliche Koalition. Der Vorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen, wo das andere große deutsche Braunkohlerevier liegt, warnt vor dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze. Die Ministerpräsidenten von Brandenburg (SPD), Sachsen (CDU) und Sachsen-Anhalt (CDU) sprechen von einer "Strafabgabe für Kraftwerke". In der Lausitz versammeln sich die Betriebsräte des Energiekonzerns Vattenfall und halten Schilder hoch mit der Aufschrift "Nicht an unsere Kohle". In Berlin demonstrieren 15.000 Mitglieder der Bergbau-Gewerkschaft IG BCE, deren Vorsitzender seit fast 40 Jahren in der SPD ist, gegen den Kurs des damaligen SPD-Chefs Gabriel. Der energiepolitische Sprecher der CDU im Bundestag mahnt, eine Reduktion des Kohlestroms könne den Industriestandort Deutschland "massiv schwächen".

Noch aber gibt es Hoffnung für Gabriels Plan. Wenige Wochen später, im Juni 2015, empfängt Angela Merkel die Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen zum G7-Gipfel in Schloss Elmau in Oberbayern. Schon vorab hat sie von ihren Gästen ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz verlangt. Da wäre es ziemlich peinlich, wenn sich plötzlich die Nachricht verbreitete, ausgerechnet Merkel setze weiter auf die Braunkohle.

Kurz vor dem Gipfel sagt die Kanzlerin gegenüber der Presse: "Ich glaube, dass das Instrument der Abgabe eine Möglichkeit ist. Das wird zurzeit diskutiert." Es klingt wie ein vorsichtiges Ja zum Kohleausstieg. Wie ein typisches Merkel-Ja.

Der Gipfel von Elmau wird ein voller Erfolg. US-Präsident Barack Obama trinkt Weizenbier. In der Abschlusserklärung sprechen sich die Regierungschefs für den Schutz der Erdatmosphäre aus. Merkel gilt wieder als Klimakanzlerin.

Zu DDR-Zeiten überzog die Asche aus den Kraftwerken die ganze Region mit feinem Ruß. Trotzdem galt die Kohle als "schwarzes Gold". Die Lausitz war das Kraftwerk des ganzen Landes. 80.000 Menschen fanden hier Arbeit. Nach der Wende wurden Tausende entlassen. Manche gingen in den Westen. Andere fügten sich in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Heute hängen nur noch etwa 25.000 Jobs direkt oder indirekt an der Braunkohle. Aber es ist, als seien diejenigen, die davongekommen sind, heute stolzer auf ihren Beruf als je zuvor.

"Wir hatten seit 1979 keinen Stromausfall. Sie können hier bei minus 20 Grad in den Tagebau gehen: Wir sind da und arbeiten, wir sorgen dafür, dass diesem Land der Strom nicht ausgeht", sagt Karsten Kolk am Tagebausee in der Lausitz.

Wenige Woche nach dem Gipfel von Elmau hat Wirtschaftsminister Gabriel einen Termin bei der Kanzlerin. Der Streit um die geplante Kohleabgabe soll endlich beigelegt werden. Als Gabriel nach sechs Stunden wieder herauskommt, ist die Abgabe beerdigt. Gabriel hat verloren. Von diesem Tag an wird er sich nie wieder für den Kohleausstieg einsetzen.

Damit seine Niederlage nicht zu deutlich wird, muss ein Ersatzplan her: die sogenannte Klimareserve. Die Konzerne müssen einige wenige Kraftwerksteile stilllegen, sollen sie aber für eine etwaige Stromknappheit weiterhin bereithalten. Dafür bekommen sie eine Entschädigung von 1,6 Milliarden Euro. In der Lausitz wird weiter schmutzige Braunkohle verbrannt.

Karsten Kolk sagt: "Wenn der Kohleausstieg kommt, können Sie mein Dorf dichtmachen."

Wahrscheinlich stimmt das sogar. In mehr als 25 Jahren seit dem Mauerfall hat es keine Regierung geschafft, der Lausitz eine Zukunft jenseits der Braunkohle zu zeigen. Sodass sich die Menschen in der Region, unterstützt von Landespolitikern und Gewerkschaftern, umso verbissener an die Braunkohle klammern.

Frankreich, Italien, Großbritannien, Finnland, die Niederlande, all diese Länder haben beschlossen, in den nächsten Jahren aus der Kohle auszusteigen. Es gibt schon feste Termine. Auch Angela Merkel hat immer wieder vom Kohleausstieg gesprochen. In einer vorsichtigen Formulierung fand er sich sogar im CDU-Programm für die Bundestagswahl. Nur umsetzen will die Kanzlerin den Ausstieg bis jetzt nicht. Gedankt hat es ihr die Lausitz allerdings kaum. Ein Großteil der Menschen dort stimmte für die AfD, die Partei, in der viele den Klimawandel für eine Lüge halten.

Zehn Meter unter dem Kölner Dom steht ein Mann Mitte 60 mit Hut, pinkem Einstecktuch und Raucherstimme und stellt fest, dass er sein Maßband vergessen hat. Der Mann heißt Gerhard Trost-Heutmekers, und er ist hier, um eine Parklücke auszumessen, denn das, was sich da mitten in Köln unter dem Dom befindet, sind keine geheimnisvollen Katakomben, es ist ein Parkhaus, eines der beliebtesten der Stadt. Im Treppenhaus gibt ein Sichtfenster den Blick frei auf Mauerreste aus der Römerzeit, ein paar Meter weiter stehen die Autos. "Ganz schön dicke Schiffe", sagt Trost-Heutmekers.

Es ist noch nicht sehr lange her, da sahen die Autos auf den deutschen Straßen so aus, wie Autos eben jahrzehntelang ausgesehen hatten: eher schmal und eher niedrig. Wer in seinem Pkw an einem Lieferwagen vorbeifuhr, der musste, um dessen Fahrer zu sehen, nach oben schauen. War halt so, störte keinen. Warum auch?

Größere Parkplätze statt kleinerer Motoren

Dann, etwa Anfang des neuen Jahrtausends, kamen auf einmal Autos auf den Markt, für die man erst einen neuen Namen finden musste. Sport Utility Vehicle, kurz SUV, oder Geländelimousine oder auch Komfortgeländewagen. Es sind Autos, die in dicht besiedelten Städten wie Köln niemand braucht – und die sich gerade in solchen Städten besonders gut verkaufen. Autos, die sehr hoch und sehr breit sind.

Heute ist jedes vierte in Deutschland neu zugelassene Auto ein SUV, es gibt 101 verschiedene Modelle. Die Folge sind zwei Probleme. Erstens: zu enge Parkplätze.

Um dieses Problem kümmert sich Gerhard Trost-Heutmekers. Das ist sein Beruf. Trost-Heutmekers ist Geschäftsführer des Bundesverbands Parken, seit 25 Jahren schon, und im Moment ist er ziemlich guter Laune, trotz des vergessenen Maßbands. Bevor man aber erklären kann, woran das liegt, muss man auf das zweite Problem zu sprechen kommen. Dieses lautet: immer mehr Treibhausgase. Denn besonders hohe und besonders breite Autos sind auch besonders schwer und verbrauchen besonders viel Sprit.

Um die CO₂-Emissionen aus dem Straßenverkehr trotzdem zu reduzieren, einigt sich die Europäische Union im Frühsommer 2013 darauf, den Treibstoffverbrauch von Autos in Europa deutlich zu reduzieren. Auf nur noch 4,1 Liter Benzin und 3,6 Liter Diesel pro hundert Kilometer, ab dem Jahr 2020.

Nicht jedes Modell soll diese Vorgabe erfüllen. Wenn ein Konzern Autos baut, die mehr Sprit verbrennen, kann er dies ausgleichen durch Fahrzeuge, die weniger verbrauchen. Am Ende zählt der Durchschnitt aller Modelle, die das Unternehmen im Angebot hat. Zudem sind Sonderregeln für die Hersteller besonders schwerer Autos vorgesehen, man kann auch sagen, für deutsche Hersteller wie BMW und Daimler. Das hat die deutsche Bundesregierung in Brüssel durchgesetzt.

Trotzdem, die Regelung wäre ein Fortschritt, bei Verstößen müssten die Konzerne hohe Strafen zahlen. In den Vorgesprächen stimmen damals die Vertreter aller EU-Länder dem Beschluss zu, die offizielle Verabschiedung scheint nur noch eine Formalität zu sein.

"Warten ist keine Option" – das hat Angela Merkel noch kurz zuvor beim Petersberger Klimadialog gesagt, wo traditionell die Weltklimakonferenzen vorbereitet werden.

Doch noch vor der endgültigen Abstimmung bricht Deutschland sein Wort.

Kurz zuvor hat der damalige BMW-Chef Norbert Reithofer beim bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer interveniert, der sich wiederum an Angela Merkel wandte. Nun übernimmt die Kanzlerin, persönlich.

Diplomaten mehrerer Mitgliedsstaaten bestätigen der ZEIT, dass die Kanzlerin und ihre Mitarbeiter im Juni 2013 eine Vielzahl der 26 anderen Regierungschefs kontaktierten. Manche rief Merkel persönlich an. Der damalige britische Premier David Cameron, so berichtet ein Diplomat, stimmte Merkels Bitte um Vertagung der Auto-Entscheidung erst zu, als sie ihm Unterstützung beim umstrittenen sogenannten Britenrabatt zusicherte – also bei den reduzierten Beiträgen der Briten zur EU.

Neben Tauschgeschäften wie diesem sorgte Merkel für Druck auf Portugiesen und Osteuropäer. In persönlichen Gesprächen mit ausländischen Kollegen wiesen deutsche Regierungsvertreter darauf hin, dass Werke deutscher Autohersteller in deren Ländern stehen. So berichten es mehrere Quellen. "Portugal wurde mitten in einer tiefen Rezession von der Bundesregierung erpresst. Schließlich produzieren deutsche Autobauer wie VW dort", erinnert sich eine EU-Abgeordnete. Selbst die Niederlande – ansonsten Vorreiter beim Klimaschutz – knickten ein. BMW hatte dort gerade ein beinahe insolventes Werk gekauft.

Es war nicht das erste Mal, dass die EU einen niedrigeren Spritverbrauch verlangte, und nicht das erste Mal, dass Angela Merkel dagegen vorging. Schon im Herbst 2007 sollte eine ähnliche Initiative gestartet werden. Doch noch bevor ein offizieller Vorschlag der EU-Kommission in Umlauf kam, schrieb Merkel einen Brief an den damaligen Kommissionschef José Manuel Barroso. Der Anrede "Sehr geehrter Herr Präsident" fügte sie handschriftlich ein "Lieber José Manuel" hinzu. Merkel stellte klar: "Eine Benachteiligung einzelner Hersteller oder einzelner Fahrzeugsegmente darf es nicht geben." Es war ein Plädoyer für SUVs und große Limousinen, ein Plädoyer für die deutsche Autoindustrie, jene Branche, die in Deutschland fast 800.000 Menschen Arbeit gibt.

Als die EU-Abgasverordnung schließlich Anfang 2014 dann doch verabschiedet wird, ist sie um so viele Ausnahmen erweitert, dass die deutsche Autoindustrie weiter ihre großen und schweren Autos bauen kann. Bis heute musste kein deutscher Autokonzern eine Strafe zahlen, weil seine Fahrzeuge zu viel Kohlendioxid ausstoßen.

Die Autohersteller hatten Erfolg.

Genau wie Gerhard Trost-Heutmekers, der Parkplatz-Lobbyist im Kölner Parkhaus.

Trost-Heutmekers ist jetzt zu einer Reihe von Parklücken mit frisch gemalten gelben Markierungen gelaufen. In Ermangelung des Maßbandes misst er den Abstand zwischen den gelben Linien mit entschlossenen Schritten. "Eins, zwei, -einhalb – na, mindestens 2,45 Meter eben."

So breit muss seit diesem Jahr jede Parklücke in einem neu gebauten Parkhaus in Nordrhein-Westfalen mindestens sein, das steht in der Sonderbauverordnung. Anderswo sind es nur 2,30 Meter. Die 15 Zentimeter mehr machen den Autofahrern mit den großen Wagen das Einparken leichter. Durchgesetzt hat sie Trost-Heutmekers.

Für ihn ist das nur ein Anfang. In allen anderen Bundesländern gilt noch die alte Regelung. Aber wer weiß, wie lange noch.

Frankreich und Großbritannien wollen vom Jahr 2040 an keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr zulassen, Norwegen schon ab 2025. Die deutsche Antwort auf die gestiegene Zahl wuchtiger Autos scheint eine andere zu sein: größere Parkplätze statt kleinerer Motoren.

Im August 2014, rund ein Jahr nachdem Merkel die anderen EU-Länder unter Druck gesetzt hat, sagt sie in einem Interview mit der ARD: "Ich werde auch weiterhin dem Klimawandel und seiner Bekämpfung die allerhöchste Aufmerksamkeit widmen."

Nicht nur die Autos scheint sie dabei übersehen zu haben.

Milch aus Deutschland

Ein Supermarkt in einem wohlhabenden Viertel im Nordosten von Peking, früher Nachmittag. Mütter schieben Einkaufswagen mit ihren Kindern durch die Gänge, Hausmädchen suchen die Zutaten für das Abendessen zusammen, und am Milchregal lachen die Kühe.

Schwarz-weiße Kühe, braun-weiße Kühe, liegende Kühe, Kühe auf Weiden, Kühe vor Bergen, Kühe neben Milchgläsern, gedruckt auf weiße, grüne, gelbe, blaue Tetrapak-Tüten.

Auf den blauen steht, neben der Zeichnung eines Fachwerk-Bauernhofs mit Bäumen und Kuh, in lateinischen Buchstaben: Oldenburger. Schräg darunter: eine schwarz-rot-goldene Fahne. Milch aus Deutschland.

15 unterschiedliche Milchmarken hat der Supermarkt im Angebot. Sieben kommen aus der Bundesrepublik, aus China nur drei. "Von denen verkaufe ich nicht so viel", sagt Jenny Wang achselzuckend – dabei kostet die chinesische Milch nicht einmal halb so viel wie die deutsche.

Jenny Wang heißt eigentlich Wang Jianying, aber das können ihre ausländischen Kunden nicht so gut aussprechen. Sie ist Mitte 50, eine kleine, rundliche Frau mit weißem Blazer und Seidenschal, die vor 30 Jahren als Kind einer Bauernfamilie nach Peking kam, um hier ihr Glück zu versuchen. Mit den Ersparnissen ihrer Eltern eröffnete sie einen Marktstand, um Obst und Gemüse zu verkaufen, das war das Einzige, wovon sie etwas verstand. Sie lernte Englisch, arbeitete viel, nach sechs Jahren konnte sie sich einen kleinen Laden leisten, später einen größeren.

Heute gehören ihr sieben Supermärkte, und wenn man sie fragt, wie sie das alles fertiggebracht hat, sagt Jenny Wang, sie sei immer besonders gut darin gewesen, zu erspüren, was ihre Kunden wirklich wollen. Milch zum Beispiel. "Milch und alle Arten von Milchprodukten sind vor etwa zehn Jahren richtig populär geworden", sagt Jenny Wang.

Nach Angaben der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing konnte die deutsche Milchwirtschaft ihre Exporte nach China in den vergangenen Jahren verfünffachen.

So lassen sich hier im Nordosten von Peking zwei bemerkenswerte Geschichten erzählen. Die eine handelt vom Aufstieg der fleißigen Jenny Wang, die andere vom Erfolg der deutschen Milch.

Nur dass letztere Geschichte auch die Geschichte eines großen Misserfolgs ist. Das hat etwas damit zu tun, dass Kühe so viel rülpsen.

Wenn Kühe ihre Nahrung verdauen, stoßen sie Methan aus, das in ihren Mägen entsteht. Auch Methan ist ein Treibhausgas. Weil Kühe, genau wie Schweine, ziemlich viel Mist produzieren und weil die Bauern den Mist und die Gülle auf den ohnehin schon überdüngten Feldern verteilen, entsteht dort noch ein weiterer klimaschädlicher Stoff: Lachgas. Und weil es in Deutschland heute, anders als früher, sehr viele Kühe und Schweine gibt, ist die Landwirtschaft nach der Energiebranche und dem Straßenverkehr der dritte große Verursacher von klimaschädlichen Emissionen.

Es ist also ziemlich einfach: Je mehr Milch und Fleisch Deutschland produziert und ins Ausland verkauft, desto mehr Treibhausgase werden frei. Trotzdem setzt die Bundesregierung weiter auf die internationale Beliebtheit der deutschen Kuh. "Angesichts stagnierender Märkte im Inland benötigt die deutsche Agrar- und Ernährungswirtschaft weiteres Wachstum im weltweiten Export", heißt es auf der Internetseite des Landwirtschaftsministeriums.

Alle sieben Jahre treffen sich Vertreter der EU-Kommission, des EU-Parlaments und der EU-Landwirtschaftsminister, um über Geld zu reden. Genauer: über die Subventionen für Europas Bauern. Keine andere Branche erhält so viele Hilfen, 55 Milliarden Euro, es ist der größte Posten im Haushalt der EU.

Die letzte Zusammenkunft fand im Juni 2013 auf dem Kirchberg in Luxemburg statt. Auch damals ging es nicht etwa darum, die Zuschüsse für die Bauern zu kürzen. Der zuständige EU-Kommissar wollte lediglich dafür sorgen, dass die Subventionen an andere Kriterien geknüpft werden. Es sollten nicht mehr nur jene Bauern besonders viel Geld bekommen, die besonders viel Milch und Fleisch produzieren, sondern auch jene, die etwas für die Umwelt tun, indem sie zum Beispiel auf einem Teil ihrer Flächen keine Pestizide versprühen. Oder mehr Hecken pflanzen. Die Landwirtschaftsminister der EU-Länder aber lehnten ab. Genauer: Die deutsche Landwirtschaftsministerin lehnte ab.

Offiziell nahm Ilse Aigner (CSU) an den Verhandlungen gar nicht teil. Die Gespräche führte der irische Landwirtschaftsminister. "Aber immer wenn es schwierig wurde, ging der Ire raus und ein Stockwerk tiefer", erinnert sich ein Teilnehmer der Verhandlungen. "Dort saß Ilse Aigner. Und irgendwo war auch der deutsche Bauernpräsident."

Am Ende blieb von den Ideen des EU-Kommissars zwar das Wort greening übrig. Aber von dem Plan, die Landwirtschaft grüner zu machen, eher wenig.

Einige Monate zuvor, im Frühsommer 2013, war Angela Merkel zu Gast beim Deutschen Bauerntag gewesen, der vor allem die Interessen der landwirtschaftlichen Großbetriebe vertritt. In ihrer Rede sprach sie von Marktchancen und davon, dass sie mit dem chinesischen Ministerpräsidenten bei dessen Deutschlandbesuch über "eine noch engere agrarpolitische Zusammenarbeit gesprochen" habe.

Den Klimawandel erwähnte sie diesmal nicht.

Jeder Regierungschef kommt früher oder später in eine Situation, in der er entscheiden muss, was ihm wichtiger ist: der langfristige ökologische Nutzen oder der kurzfristige ökonomische Erfolg. Donald Trump hat sich für das Geld entschieden.

Und Angela Merkel?

12. Dezember 2015, eine Sternstunde der Diplomatie. Bei der Klimakonferenz von Paris einigen sich die Länder der Welt auf ein neues Abkommen. In ihrer Rede bei der Konferenz sagt Angela Merkel: "Es geht um die Grundlagen des Lebens der Generationen, die nach uns kommen. Wir wissen: Wir müssen heute handeln."

Drei Monate später sitzt Martin Weiß in seinem Zimmer im zweiten Stock eines Bürogebäudes in Berlin-Mitte mit Blick auf den Hinterhof. An der Wand hat er Zettel mit Sinnsprüchen aufgehängt. Einer lautet: "Die Basis jeder gesunden Organisation ist ein großer Papierkorb."

Klimaschutzplan statt Klimaschutzgesetz

Das Gebäude gehört zum Bundesumweltministerium, Martin Weiß leitet hier das Referat Kl I 1, in diesem Frühjahr 2016 ist es seine Aufgabe, einen ersten Entwurf des Klimaschutzplans zu erstellen. Der Plan soll festschreiben, wie Deutschland es schaffen will, das Abkommen von Paris umzusetzen. Es geht um die große Zukunft, die Jahre bis 2050. Bis dahin soll, ja muss der Kohlendioxid-Ausstoß in Deutschland im Vergleich zu heute um mehr als 70 Prozent sinken. Die Säulen in den Grafiken, die für Treibhausgase stehen, müssen nicht nur ein bisschen kleiner werden. Sie müssen richtig schrumpfen.

Wenn das klappen soll, muss sich die Landwirtschaft verändern, der Straßenverkehr, die Energieerzeugung.

Ursprünglich war von einem Klimaschutzgesetz die Rede. Das wäre verbindlicher gewesen. Vor allem die Wirtschaftspolitiker der Union waren dagegen, und Angela Merkel hat nicht darauf beharrt. Jetzt geht es also nur noch um einen Klimaschutzplan. Spätestens im November 2016, zur Weltklimakonferenz in Marrakesch, soll er fertig sein.

Gesetze und Pläne der Bundesregierung entstehen immer nach demselben Verfahren. Als Erstes bekommt ein Ministerium die Federführung, in diesem Fall das Umweltministerium. Deshalb tippt Martin Weiß jetzt Formulierungsvorschläge in den Computer. In den Monaten zuvor hat er mit vielen Leuten diskutiert. Kollegen kamen zu Wort, Verbandsvertreter, Umweltschützer, Wissenschaftler. Und in Bürgerversammlungen und Online-Foren auch normale Bürger.

Am Ende trägt Weiß 97 konkrete Empfehlungen zusammen. Der Strom darf nicht mehr aus der Kohle kommen, auf den Straßen müssen mehr Elektroautos fahren, der Fleischkonsum ist zu reduzieren. Nichts davon ist neu. Es ist das, was praktisch alle Fachleute seit Jahren fordern.

Der im Umweltministerium erstellte Entwurf des Klimaplans geht nun in die Ressortabstimmung, auch das ist so üblich. Alle anderen Ministerien bekommen den Text zugeschickt, sie können dann ihre Meinung äußern. Beim Klimaplan besteht diese darin, dass sie die Löschtaste drücken.

Im Wirtschaftsministerium wird der Kohleausstieg "deutlich vor 2050" gestrichen. Ebenso die Forderung, dass die Kraftwerke ihren Kohlendioxid-Ausstoß gegenüber 2014 halbieren sollen. Im Landwirtschaftsministerium verwandelt sich der Vorschlag, dass "in Regionen intensiver Tierhaltung keine Genehmigung für den Bau neuer Tierställe erfolgen soll", in den Satz: "Es besteht Forschungsbedarf zur Entwicklung einer klimafreundlichen Tierhaltung." Und das Verkehrsministerium ersetzt die Forderung, bis zum Jahr 2030 den "weit überwiegenden Teil der neu zugelassenen Pkw" elektrisch oder mit Ökokraftstoff zu betreiben, durch einen vagen Satz: "Bis 2030 strebt die Bundesregierung eine signifikante Absenkung der Emissionen von Pkw an." Verbrennungsmotoren wären weiterhin erlaubt. Was "signifikant" bedeutet, wird nicht erklärt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass es in den Ministerien zu einem Thema unterschiedliche Auffassungen gibt. In so einem Fall muss der Chef des Bundeskanzleramts ran, in den vergangenen vier Jahren war das der CDU-Politiker Peter Altmaier.

Im Sommer 2016 landet der zwischen den Ministerien so umstrittene Klimaschutzplan auf Altmaiers Schreibtisch. Ungefähr zur selben Zeit kommen im Kanzleramt Protestbriefe an. Vom Wirtschaftsflügel der CDU, von den Ministerpräsidenten, den Gewerkschaften, ihnen allen geht der Entwurf aus dem Umweltministerium viel zu weit.

Es wäre dies der Moment, in dem das Kanzleramt tatsächlich den Klimaschutz voranbringen könnte. Ein Moment für die Wirklichkeit statt für die Außenwirkung. Altmaier könnte sich auf die Seite des Umweltministeriums schlagen.

Stattdessen lässt er den Entwurf erst mal liegen. Den ganzen Sommer über. Der Beamte Martin Weiß erinnert sich gut an diese Wochen, in denen er alle paar Tage in den Zeitungen neue Kritik an seinem Plan lesen muss. In diesen Wochen bekommen Journalisten beispielsweise ein vierseitiges Papier des Kanzleramtes zugespielt. In dem steht, dass der Klimaschutzplan einfach zu ehrgeizig sei, Formulierungen wie "das Ziel einer weitgehenden Treibhausgasneutralität bis 2050" sollten "angepasst werden".

Dann ist es Anfang November 2016, nur noch wenige Tage bis zur Klimakonferenz von Marrakesch. Wenn Deutschland dort keinen Plan vorweisen kann, wäre das eine Riesenblamage. Für das Land. Und für Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), denn die stünde mit leeren Händen vor den Delegierten. Hendricks geht einen ungewöhnlichen Schritt, sie kritisiert die Kanzlerin öffentlich. Alle Vorschläge zur Einhaltung der Klimaziele habe sie mit dem Kanzleramt besprochen, sagt Hendricks. "Wenn die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin etwas wert ist, müsste der Vorschlag nahezu unverändert aus den Ressorts zurückkommen."

Erst jetzt schaltet sich Angela Merkel selbst in die Debatte ein. Sie setzt durch, dass alle Minister einer stark abgeschwächten Version zustimmen. Nach außen hin steht sie als die Retterin des Klimaplanes da. Tatsächlich hat ihr Kanzleramt dafür gesorgt, dass sich Deutschland kaum verändern muss.

Die Frau, die rund um die Welt als Kämpferin für das Klima gilt, ist eben eine gute Schauspielerin.

Mit ihren Reden, ihren Initiativen auf internationaler Bühne sorgt Angela Merkel bei vielen Deutschen für das wohlige Gefühl: Mit dieser Kanzlerin gehören wir zu den Umweltschützern, auch wenn wir ein großes Auto fahren und gerne in den Urlaub fliegen. So entlastet sie die Bürger von ihrem schlechten Gewissen – und sichert sich mit ihrer realen Politik die Unterstützung von Industrie, Gewerkschaften und Bauern.

Kommende Woche ist wieder Weltklimakonferenz. Angela Merkel wird in Bonn schöne Worte finden. Wieder ein großer Auftritt.