Die so ermittelten Werte werden jedes Jahr aufs Neue addiert, multipliziert, dividiert, bis am Ende die aktuellste Version dieser Grafik entsteht, die Dirk Günther jetzt in einem Besprechungszimmer des Umweltbundesamtes mit einem Mausklick auf den Bildschirm holt. Man sieht eine Reihe schmaler schwarzer Säulen, für jedes Jahr eine, sie zeigen die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland an, je höher die Säule, desto mehr Emissionen.

Im Jahr 2005, bei Angela Merkels Amtsantritt, lagen sie in Deutschland bei 992 Millionen Tonnen. Bis 2020 sollen sie auf rund 750 Millionen Tonnen sinken, dazu hat sich Deutschland gegenüber der Weltgemeinschaft verpflichtet. Wenn alle Länder ihre Klimaziele erfüllen, dann, so die Einschätzung der Wissenschaft, lässt sich die Erderwärmung vielleicht noch auf 1,5 bis 2 Grad beschränken. Das ist die Hoffnung, das Ziel.

Dirk Günthers Grafik reagiert nicht auf Absichtserklärungen und mahnende Worte. Sie spiegelt nicht das Wünschen und Wollen einer Regierungschefin, sondern ihre tatsächliche Politik.

Die Bilanz von zehn Jahren Merkel: Die Säulen sind kaum kleiner geworden. Die Emissionen liegen noch immer bei knapp über 900 Millionen Tonnen. In den vergangenen drei Jahren sind sie fast gar nicht mehr gesunken. "Wir liegen auf einem Plateau", sagt Dirk Günther.

Erst vor wenigen Wochen hat das Bundesumweltministerium einen Bericht veröffentlicht, wonach die Klimaziele praktisch nicht mehr zu erreichen sind. Deutschland hat zwar einen Teil seiner Kohlendioxid-Emissionen quasi nach Indonesien ausgelagert. Aber auch das hat nichts genützt: Die Klimapolitik der Regierung Merkel ist gescheitert. Sie hat dafür gesorgt, dass nicht nur in Indonesien zu viel Kohlendioxid in die Luft gelangt. Sondern auch bei uns, in Deutschland. Zum Beispiel in der Lausitz.

Die Lausitz liegt am Rand von Deutschland, kurz vor Polen, aufgeteilt zwischen Brandenburg und Sachsen. Sand, kaum Hügel, Straßen ohne Kurven, Kiefernwälder. Ein Landstrich, wie gemacht, um Weite zu bebildern.

Einst versanken hier ganze Wälder in riesigen Mooren. Millionen Jahre später hat das, was von den Stämmen und Ästen übrig blieb, einen anderen Namen: Braunkohle.

Wie gigantische Bretter ziehen sich die Flöze unterirdisch durch die Landschaft, bis zu 16 Meter dick sind sie an manchen Stellen. Sie sind der Grund, warum die Lausitz im 20. Jahrhundert zum Spielort sozialistischer Utopien wurde. Sie sind auch der Grund, warum Karsten Kolk so zufrieden mit seiner Arbeit ist.

Kolk holt die Braunkohle aus der Erde und verwandelt sie in Strom. Strom, der in Berlin Fabriken laufen lässt, in Dresden Herdplatten erhitzt und in Leipzig Aufzüge antreibt. Kolk sagt: "Wir sorgen dafür, dass im Osten das Licht brennt."

Karsten Kolk ist Bergbauingenieur. Geboren 1970 in der Lausitz, aufgewachsen in der Lausitz, in einem Bergbaudorf neben einem Tagebau. Ein Leben ohne die Braunkohle kam für ihn nie infrage. Als Treffpunkt für dieses Gespräch hat er einen See vorgeschlagen. Scheinbar ein Stück unberührte Natur. Aber auch der See war mal ein Tagebau – als er nichts mehr hergab, ließ man ihn mit Wasser volllaufen.

Karsten Kolk heißt eigentlich anders. Er hat sich vor dem Gespräch keine Erlaubnis seines Arbeitgebers geholt, wie es üblich wäre, deshalb will er anonym bleiben. Kolk ist Angestellter der LEAG, der Lausitz Energie Bergbau AG. Er ist dort im mittleren Management, mehr als hundert Mitarbeiter unterstehen ihm, aber Kolk sieht sich immer noch als Bergmann, so wie sein Vater Bergmann war, wie seine Onkel und viele seiner Freunde und Nachbarn Bergmänner sind.

Wenn das Wort "Bergmann" ausspricht, schwingt da viel mit: Familie, Heimat, Wohlstand.

Von allen fossilen Energieträgern ist die Braunkohle am schädlichsten für das Klima. Wird sie verbrannt, setzt sie mehr Kohlendioxid frei als Erdgas, mehr als Erdöl, mehr als Steinkohle. Halb Deutschland ist heute mit Windrädern vollgestellt, die Dächer ungezählter Einfamilienhäuser sind mit Solarzellen bedeckt. Aber gleichzeitig fördert Deutschland immer noch mehr Braunkohle als jedes andere Land der Welt. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass die Kohlendioxid-Emissionen unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel kaum gesunken sind.