Im Frühjahr 2015 scheint die Bundesregierung das Problem endlich angehen zu wollen. Im Bundeswirtschaftsministerium entsteht ein Konzept mit dem Titel "Eckpunktepapier Strommarkt". Der Kerngedanke: Die Betreiber alter, besonders schmutziger Kohlekraftwerke sollen künftig eine Abgabe zahlen, die sich an der Höhe der Kohlendioxid-Emissionen bemisst. Als Reaktion, so die Hoffnung, werden die Energiekonzerne weniger Kohlestrom erzeugen. Es wäre der Einstieg in den Kohleausstieg. Deutschland könnte die Klimaziele dann vielleicht doch noch erreichen.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) bespricht den Vorschlag mit der Kanzlerin. Angela Merkel signalisiert Zustimmung. Doch als das Konzept publik wird, bildet sich eine ungewöhnliche Koalition. Der Vorsitzende der CDU in Nordrhein-Westfalen, wo das andere große deutsche Braunkohlerevier liegt, warnt vor dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze. Die Ministerpräsidenten von Brandenburg (SPD), Sachsen (CDU) und Sachsen-Anhalt (CDU) sprechen von einer "Strafabgabe für Kraftwerke". In der Lausitz versammeln sich die Betriebsräte des Energiekonzerns Vattenfall und halten Schilder hoch mit der Aufschrift "Nicht an unsere Kohle". In Berlin demonstrieren 15.000 Mitglieder der Bergbau-Gewerkschaft IG BCE, deren Vorsitzender seit fast 40 Jahren in der SPD ist, gegen den Kurs des damaligen SPD-Chefs Gabriel. Der energiepolitische Sprecher der CDU im Bundestag mahnt, eine Reduktion des Kohlestroms könne den Industriestandort Deutschland "massiv schwächen".

Noch aber gibt es Hoffnung für Gabriels Plan. Wenige Wochen später, im Juni 2015, empfängt Angela Merkel die Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen zum G7-Gipfel in Schloss Elmau in Oberbayern. Schon vorab hat sie von ihren Gästen ein klares Bekenntnis zum Klimaschutz verlangt. Da wäre es ziemlich peinlich, wenn sich plötzlich die Nachricht verbreitete, ausgerechnet Merkel setze weiter auf die Braunkohle.

Kurz vor dem Gipfel sagt die Kanzlerin gegenüber der Presse: "Ich glaube, dass das Instrument der Abgabe eine Möglichkeit ist. Das wird zurzeit diskutiert." Es klingt wie ein vorsichtiges Ja zum Kohleausstieg. Wie ein typisches Merkel-Ja.

Der Gipfel von Elmau wird ein voller Erfolg. US-Präsident Barack Obama trinkt Weizenbier. In der Abschlusserklärung sprechen sich die Regierungschefs für den Schutz der Erdatmosphäre aus. Merkel gilt wieder als Klimakanzlerin.

Zu DDR-Zeiten überzog die Asche aus den Kraftwerken die ganze Region mit feinem Ruß. Trotzdem galt die Kohle als "schwarzes Gold". Die Lausitz war das Kraftwerk des ganzen Landes. 80.000 Menschen fanden hier Arbeit. Nach der Wende wurden Tausende entlassen. Manche gingen in den Westen. Andere fügten sich in die Langzeitarbeitslosigkeit.

Heute hängen nur noch etwa 25.000 Jobs direkt oder indirekt an der Braunkohle. Aber es ist, als seien diejenigen, die davongekommen sind, heute stolzer auf ihren Beruf als je zuvor.

"Wir hatten seit 1979 keinen Stromausfall. Sie können hier bei minus 20 Grad in den Tagebau gehen: Wir sind da und arbeiten, wir sorgen dafür, dass diesem Land der Strom nicht ausgeht", sagt Karsten Kolk am Tagebausee in der Lausitz.

Wenige Woche nach dem Gipfel von Elmau hat Wirtschaftsminister Gabriel einen Termin bei der Kanzlerin. Der Streit um die geplante Kohleabgabe soll endlich beigelegt werden. Als Gabriel nach sechs Stunden wieder herauskommt, ist die Abgabe beerdigt. Gabriel hat verloren. Von diesem Tag an wird er sich nie wieder für den Kohleausstieg einsetzen.

Damit seine Niederlage nicht zu deutlich wird, muss ein Ersatzplan her: die sogenannte Klimareserve. Die Konzerne müssen einige wenige Kraftwerksteile stilllegen, sollen sie aber für eine etwaige Stromknappheit weiterhin bereithalten. Dafür bekommen sie eine Entschädigung von 1,6 Milliarden Euro. In der Lausitz wird weiter schmutzige Braunkohle verbrannt.

Karsten Kolk sagt: "Wenn der Kohleausstieg kommt, können Sie mein Dorf dichtmachen."

Wahrscheinlich stimmt das sogar. In mehr als 25 Jahren seit dem Mauerfall hat es keine Regierung geschafft, der Lausitz eine Zukunft jenseits der Braunkohle zu zeigen. Sodass sich die Menschen in der Region, unterstützt von Landespolitikern und Gewerkschaftern, umso verbissener an die Braunkohle klammern.

Frankreich, Italien, Großbritannien, Finnland, die Niederlande, all diese Länder haben beschlossen, in den nächsten Jahren aus der Kohle auszusteigen. Es gibt schon feste Termine. Auch Angela Merkel hat immer wieder vom Kohleausstieg gesprochen. In einer vorsichtigen Formulierung fand er sich sogar im CDU-Programm für die Bundestagswahl. Nur umsetzen will die Kanzlerin den Ausstieg bis jetzt nicht. Gedankt hat es ihr die Lausitz allerdings kaum. Ein Großteil der Menschen dort stimmte für die AfD, die Partei, in der viele den Klimawandel für eine Lüge halten.

Zehn Meter unter dem Kölner Dom steht ein Mann Mitte 60 mit Hut, pinkem Einstecktuch und Raucherstimme und stellt fest, dass er sein Maßband vergessen hat. Der Mann heißt Gerhard Trost-Heutmekers, und er ist hier, um eine Parklücke auszumessen, denn das, was sich da mitten in Köln unter dem Dom befindet, sind keine geheimnisvollen Katakomben, es ist ein Parkhaus, eines der beliebtesten der Stadt. Im Treppenhaus gibt ein Sichtfenster den Blick frei auf Mauerreste aus der Römerzeit, ein paar Meter weiter stehen die Autos. "Ganz schön dicke Schiffe", sagt Trost-Heutmekers.

Es ist noch nicht sehr lange her, da sahen die Autos auf den deutschen Straßen so aus, wie Autos eben jahrzehntelang ausgesehen hatten: eher schmal und eher niedrig. Wer in seinem Pkw an einem Lieferwagen vorbeifuhr, der musste, um dessen Fahrer zu sehen, nach oben schauen. War halt so, störte keinen. Warum auch?