Das Gebäude gehört zum Bundesumweltministerium, Martin Weiß leitet hier das Referat Kl I 1, in diesem Frühjahr 2016 ist es seine Aufgabe, einen ersten Entwurf des Klimaschutzplans zu erstellen. Der Plan soll festschreiben, wie Deutschland es schaffen will, das Abkommen von Paris umzusetzen. Es geht um die große Zukunft, die Jahre bis 2050. Bis dahin soll, ja muss der Kohlendioxid-Ausstoß in Deutschland im Vergleich zu heute um mehr als 70 Prozent sinken. Die Säulen in den Grafiken, die für Treibhausgase stehen, müssen nicht nur ein bisschen kleiner werden. Sie müssen richtig schrumpfen.

Wenn das klappen soll, muss sich die Landwirtschaft verändern, der Straßenverkehr, die Energieerzeugung.

Ursprünglich war von einem Klimaschutzgesetz die Rede. Das wäre verbindlicher gewesen. Vor allem die Wirtschaftspolitiker der Union waren dagegen, und Angela Merkel hat nicht darauf beharrt. Jetzt geht es also nur noch um einen Klimaschutzplan. Spätestens im November 2016, zur Weltklimakonferenz in Marrakesch, soll er fertig sein.

Gesetze und Pläne der Bundesregierung entstehen immer nach demselben Verfahren. Als Erstes bekommt ein Ministerium die Federführung, in diesem Fall das Umweltministerium. Deshalb tippt Martin Weiß jetzt Formulierungsvorschläge in den Computer. In den Monaten zuvor hat er mit vielen Leuten diskutiert. Kollegen kamen zu Wort, Verbandsvertreter, Umweltschützer, Wissenschaftler. Und in Bürgerversammlungen und Online-Foren auch normale Bürger.

Am Ende trägt Weiß 97 konkrete Empfehlungen zusammen. Der Strom darf nicht mehr aus der Kohle kommen, auf den Straßen müssen mehr Elektroautos fahren, der Fleischkonsum ist zu reduzieren. Nichts davon ist neu. Es ist das, was praktisch alle Fachleute seit Jahren fordern.

Der im Umweltministerium erstellte Entwurf des Klimaplans geht nun in die Ressortabstimmung, auch das ist so üblich. Alle anderen Ministerien bekommen den Text zugeschickt, sie können dann ihre Meinung äußern. Beim Klimaplan besteht diese darin, dass sie die Löschtaste drücken.

Im Wirtschaftsministerium wird der Kohleausstieg "deutlich vor 2050" gestrichen. Ebenso die Forderung, dass die Kraftwerke ihren Kohlendioxid-Ausstoß gegenüber 2014 halbieren sollen. Im Landwirtschaftsministerium verwandelt sich der Vorschlag, dass "in Regionen intensiver Tierhaltung keine Genehmigung für den Bau neuer Tierställe erfolgen soll", in den Satz: "Es besteht Forschungsbedarf zur Entwicklung einer klimafreundlichen Tierhaltung." Und das Verkehrsministerium ersetzt die Forderung, bis zum Jahr 2030 den "weit überwiegenden Teil der neu zugelassenen Pkw" elektrisch oder mit Ökokraftstoff zu betreiben, durch einen vagen Satz: "Bis 2030 strebt die Bundesregierung eine signifikante Absenkung der Emissionen von Pkw an." Verbrennungsmotoren wären weiterhin erlaubt. Was "signifikant" bedeutet, wird nicht erklärt.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass es in den Ministerien zu einem Thema unterschiedliche Auffassungen gibt. In so einem Fall muss der Chef des Bundeskanzleramts ran, in den vergangenen vier Jahren war das der CDU-Politiker Peter Altmaier.

Im Sommer 2016 landet der zwischen den Ministerien so umstrittene Klimaschutzplan auf Altmaiers Schreibtisch. Ungefähr zur selben Zeit kommen im Kanzleramt Protestbriefe an. Vom Wirtschaftsflügel der CDU, von den Ministerpräsidenten, den Gewerkschaften, ihnen allen geht der Entwurf aus dem Umweltministerium viel zu weit.

Es wäre dies der Moment, in dem das Kanzleramt tatsächlich den Klimaschutz voranbringen könnte. Ein Moment für die Wirklichkeit statt für die Außenwirkung. Altmaier könnte sich auf die Seite des Umweltministeriums schlagen.

Stattdessen lässt er den Entwurf erst mal liegen. Den ganzen Sommer über. Der Beamte Martin Weiß erinnert sich gut an diese Wochen, in denen er alle paar Tage in den Zeitungen neue Kritik an seinem Plan lesen muss. In diesen Wochen bekommen Journalisten beispielsweise ein vierseitiges Papier des Kanzleramtes zugespielt. In dem steht, dass der Klimaschutzplan einfach zu ehrgeizig sei, Formulierungen wie "das Ziel einer weitgehenden Treibhausgasneutralität bis 2050" sollten "angepasst werden".

Dann ist es Anfang November 2016, nur noch wenige Tage bis zur Klimakonferenz von Marrakesch. Wenn Deutschland dort keinen Plan vorweisen kann, wäre das eine Riesenblamage. Für das Land. Und für Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), denn die stünde mit leeren Händen vor den Delegierten. Hendricks geht einen ungewöhnlichen Schritt, sie kritisiert die Kanzlerin öffentlich. Alle Vorschläge zur Einhaltung der Klimaziele habe sie mit dem Kanzleramt besprochen, sagt Hendricks. "Wenn die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin etwas wert ist, müsste der Vorschlag nahezu unverändert aus den Ressorts zurückkommen."

Erst jetzt schaltet sich Angela Merkel selbst in die Debatte ein. Sie setzt durch, dass alle Minister einer stark abgeschwächten Version zustimmen. Nach außen hin steht sie als die Retterin des Klimaplanes da. Tatsächlich hat ihr Kanzleramt dafür gesorgt, dass sich Deutschland kaum verändern muss.

Die Frau, die rund um die Welt als Kämpferin für das Klima gilt, ist eben eine gute Schauspielerin.

Mit ihren Reden, ihren Initiativen auf internationaler Bühne sorgt Angela Merkel bei vielen Deutschen für das wohlige Gefühl: Mit dieser Kanzlerin gehören wir zu den Umweltschützern, auch wenn wir ein großes Auto fahren und gerne in den Urlaub fliegen. So entlastet sie die Bürger von ihrem schlechten Gewissen – und sichert sich mit ihrer realen Politik die Unterstützung von Industrie, Gewerkschaften und Bauern.

Kommende Woche ist wieder Weltklimakonferenz. Angela Merkel wird in Bonn schöne Worte finden. Wieder ein großer Auftritt.