"Wie viel kostet das System?" – Seite 1

Es ist kurz vor Feierabend. Maschinen dröhnen, Metallspäne fliegen durch die Luft, ein Blick zur Uhr – und dann zur Tür: Die Lehrlinge schauen verwundert durch ihre Schutzbrillen. Eine Gruppe Nigerianer betritt die Ausbildungswerkstatt der Hagen-Stiftung am Stadtrand von Bonn. Sie tragen Anzüge, bodenlange Kaftane, bunte Kleider in Batikoptik und mit Leopardenprints. Die Nigerianer versammeln sich um eine Schleifbank, zücken ihre Smartphones und Tablets und fotografieren Menschen, Maschinen und Metall. "Wir lernen gerade das Schleifen", erklärt ein schüchterner Junge im Blaumann, der eine Ausbildung zum Industriemechaniker macht.

Die Reisegruppe besteht aus neun hochrangigen Bildungspolitikern, Vertretern von Unternehmen und Behörden. Eine Woche lang tingeln die Afrikaner auf Einladung der Bundesregierung durch die Republik. Mit einem kleinen Reisebus sind sie unterwegs zu Berufsschulen, Unternehmen und Handwerkskammern. Sie wollen lernen, wie Mechatroniker, Verfahrensmechaniker oder Büromanager in Deutschland ausgebildet werden. "Deutschland ist für uns ein Vorbild in der Berufsausbildung", sagt Lami Dakwak, eine energische Frau mit großen Goldohrringen. Sie erstellt für den staatlichen Industrial Training Fund Ausbildungskonzepte. Von Deutschland erhofft sie sich neue Ideen für die Arbeit ihrer Behörde.

Etwa 50 ausländische Delegationen reisen pro Jahr nach Deutschland; sie kommen aus Europa, Südamerika oder Afrika. Sogar Ivanka Trump stattete deutschen Lehrlingen schon einen Besuch ab. Mit 18 Staaten hat die Bundesrepublik mehrjährige Berufsbildungskooperationen vereinbart. Griechenland ist dabei, China, Südafrika und viele andere.

In erster Linie sind es nicht die deutschen Behörden, die nach Zusammenarbeit streben, das Interesse geht stark von den Bildungspolitikern und Unternehmern in den jeweiligen Ländern aus. Über Medienberichte und Botschaftsvertreter haben sie vom Erfolg der dualen Berufsausbildung in Deutschland gehört, das die geringste Jugendarbeitslosenquote in der Europäischen Union hat, knapp über sechs Prozent, zehn Prozent weniger als der Durchschnitt der EU-Länder. Diesen Erfolg wollen die Besucher in die Heimat exportieren, sie wollen vor Ort lernen, wie "training made in Germany" funktioniert.

Aber ist es möglich, das komplexe, über zwei Jahrhunderte entstandene System der deutschen Berufsausbildung in Länder zu kopieren, in denen ganz andere wirtschaftliche Rahmenbedingungen herrschen, andere kulturelle Konventionen gelten und andere Fertigkeiten gefragt sind? Und welche Interessen hat Deutschland daran, anderen Ländern zu helfen, das hiesige Modell nachzuahmen?

Eines ist klar: "Ein Bildungssystem lässt sich nicht so einfach exportieren", sagt Peter Rechmann, Koordinator der Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation in Bonn. Das haben er und seine Mitarbeiter in den vergangenen Jahren gelernt. Anfangs hätte die Pressestelle des Bildungsministeriums noch den "Exportschlager duale Ausbildung" angepriesen. Das ist vorbei. Heute ist das Ziel nicht der Eins-zu-eins-Transfer des deutschen Systems, sondern Beratung auf Nachfrage. Es gehe um Impulse, sagt Rechmann.

Auch die Gäste aus Nigeria werden ein paar Türen weiter recht großzügig mit Impulsen versorgt. In einem sterilen Besprechungszimmer des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) präsentiert Mitarbeiter Philipp Lassig die Mechanismen des deutschen Systems. Bunte Folien mit Pfeilen und Kästchen flimmern über die Beamer-Leinwand. Duale Ausbildung, so erklärt Lassig, das sei die erfolgreiche Mischung zwischen Schul- und Werkbank. Durch die Miteinbeziehung der Unternehmen sei Praxisbezug garantiert, anders als in den verschulten Berufsbildungssystemen Süd- und Osteuropas oder auch großen Teilen Afrikas, wo nur aus Büchern gepaukt würde und der Stoff häufig veraltet sei. Die Nigerianer kritzeln in ihre Blöcke.

Dann löchern sie Lassig mit Fragen: Wie lange dauert ein Schultag? Wer erstellt die Lehrpläne, wer vergibt Zertifikate? Wie motiviert man Unternehmen dazu, Lehrlinge auszubilden? Und wer bezahlt das alles? Mit jeder von Lassigs Antworten wird das deutsche Berufsbildungssystem komplexer. Die Gäste wundern sich über die langen Schultage, das regulierte Prüfungsprozedere und das hohe Engagement der deutschen Unternehmen in der Ausbildung. Lassig macht aber auch auf die Probleme in Deutschland aufmerksam: Er berichtet von der zunehmenden Akademisierung und der schrumpfenden Zahl an Jugendlichen, für die eine Lehre überhaupt noch attraktiv ist. Schon seit 2009 entscheiden sich mehr junge Deutsche für die Uni als für einen Ausbildungsvertrag. Vergangenes Jahr gab es 1,3 Millionen Auszubildende, aber 2,8 Millionen Studenten.

Die Nigerianer nicken. Auch in ihrem Land, der zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas, habe man in den letzten Jahrzehnten vor allem in Universitäten investiert und darüber die handwerkliche Berufsausbildung vergessen. Wer es sich leisten könne, schicke seine Kinder möglichst auf die Universität. Heute ist die Zahl an Facharbeitern in Nigeria knapp – und die Jugendarbeitslosigkeit hoch. Und das im bevölkerungsreichsten Land Afrikas, in dem jedes Jahr sieben Millionen Babys geboren werden.

"Berufsbildung ist ein Thema, mit dem man Außenpolitik unkompliziert gestalten kann"

Um keine falschen Erwartungen zu wecken, machen die Berater des BIBB allen Delegationen von Anfang an klar: Auch wir haben keine Patentrezepte. "Wir bieten keine fertigen Lösungen", sagt Lassig. In vielen Ländern müsse erst ein Kulturwandel stattfinden – vor allem aufseiten der Unternehmen. Bisher betrachteten Betriebe es vielerorts als Aufgabe des Staates, junge Leute für einen Beruf fit zu machen. Sind Bewerber nicht ausreichend qualifiziert, wird dem Staat die Schuld gegeben. Doch in der Berufsausbildung stehen die Betriebe selbst in der Pflicht, Lehrlinge auszubilden. Dazu müssen erst Trainer geschult, Berufe vereinheitlicht, Ausbildungspläne geschrieben und Prüfungen konzipiert werden.

Bisher funktioniert das duale System in seiner Reinform, in der staatliche und private Berufsschulen die Ausbildung gemeinsam mit Betrieben organisieren, nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark. Die Versuche, das duale System unverändert auch in anderen Ländern zu etablieren, beschränkten sich auf Pilotprojekte in einzelnen Betrieben oder Branchen, die wenig Strahlkraft auf das gesamte Land haben – etwa in China, Russland oder Vietnam.

Dennoch passiere es immer noch, dass Delegationen mit überzogenen Erwartungen nach Deutschland kämen, sagt Peter Rechmann. Ein saudischer Politiker habe einmal gefragt: "Wie viel kostet das duale System? Ich bezahle alles!"

"Auf dem internationalen Parkett wird das duale System glorifiziert, in Deutschland steht es in der Kritik", fasst Dieter Euler, Wirtschaftspädagoge an der Universität St. Gallen, zusammen. Fehlende Qualitätskontrollen, hohe Abbruchquoten, Lehrermangel und knappe Mittel untergraben das Niveau der Ausbildung. Neue Herausforderungen wie die Digitalisierung stellen althergebrachte Konzepte der Ausbildung infrage. Betriebe jammern über das sinkende Bildungsniveau der Bewerber. Hinzu kommt, dass Lehrberufe bei vielen Jugendlichen in Deutschland heute keinen guten Ruf mehr haben. Bundesweit blieben im vergangenen Jahr 43.500 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zugleich fanden rund 80.600 junge Menschen keine Lehrstelle.

Nichtsdestotrotz lobte die OECD Deutschland im aktuellen Bildungsbericht das duale System – auch wegen der geringen Jugendarbeitslosigkeit. Solche Botschaften werden im Ausland aufmerksam vernommen. "Der Zusammenhang zwischen dualer Ausbildung und Jugendarbeitslosigkeit wird oft sehr verkürzt und plakativ dargestellt", kritisiert Euler. Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland hänge vor allem mit der positiven Wirtschaftsentwicklung zusammen. Vergessen würden außerdem jene 300.000 Jugendlichen, die in Deutschland im sogenannten Übergangssystem geparkt werden, weil sie keinen Ausbildungsvertrag bekommen.

Bleibt die Frage: Welches Interesse hat Deutschland überhaupt daran, anderen Ländern bei deren Lehrlingsausbildung auf die Sprünge zu helfen? Die Gründe sind vielfältig. Ein Blick nach Mexiko zum Beispiel zeigt, dass dort vor allem deutsche Konzerne wie Audi oder BMW vom Bildungsexport profitieren. Weil die deutschen Autobauer Schwierigkeiten hatten, in Mexiko gute Facharbeiter zu finden, waren sie selbst am Aufbau einer dualen Berufsausbildung interessiert. "Das ist eine sehr punktuelle Entwicklung und führt schnell zu einer Art Ausbildungsaristokratie innerhalb des Landes", sagt Euler. Mexikanische Mittelständler würden kaum von der Entwicklung profitieren.

Deutschlands Motive, sich international für die berufliche Bildung zu engagieren, sind aber noch andere: Klassische Entwicklungshilfe zur Bekämpfung von Armut und Fluchtursachen etwa, wie im Fall von Nigeria. Oder die Unterstützung von deutschen Bildungsanbietern, die ihre Lehrmaterialien oder Trainings auch im Ausland vermarkten wollen. Ebenfalls nicht unwichtig: harmonische Stimmung auf dem internationalen Parkett zu verbreiten. "Berufsbildung ist ein Thema, mit dem man Außenpolitik unkompliziert gestalten kann", sagt Euler. Wenn andere Themen brenzlig werden, greife man auf vermeintlich konfliktfreien Stoff zurück. Insofern überrascht es nicht, dass Merkel und Trump gerade in krisenreichen Zeiten über Berufsbildung parlieren.

Es wird Abend, die Nigerianer ziehen weiter. Modupe Mujota vom Bildungsministerium des Bundesstaats Ogun friert in ihrem dünnen Kleid ohne Strümpfe, der nasse, deutsche Herbst hat sie überrascht. Die Stimmung unter den Bildungsreisenden trübt der Regen jedoch nicht. "Der Tag hat meine Erwartungen absolut übertroffen. Fantastisch!", schwärmt Modupe Mujota und klettert in den Bus. Ihre nächste Station: die Industrie- und Handelskammer in Gießen.

Im Bus beginnen die nigerianischen Bildungsreisenden sofort zu diskutieren, was sie im eigenen Land anders machen könnten. Ein Wandel in Nigeria sei dringend notwendig, um die junge Generation für die Zukunft zu rüsten, sagt Mujota. Doch wo anfangen? In vielen nigerianischen Berufsschulen fehle es an der nötigsten Ausstattung für praktische Übungen. "Vielleicht könnten Unternehmen in Zukunft ihre ausrangierten Maschinen für den Unterricht zur Verfügung stellen?", überlegt sie. "Oder erfahrene Mitarbeiter als Trainer an unsere Berufs-Colleges schicken?", ruft ein anderer. Die Stimmung in der kleinen Reisegesellschaft ist euphorisch.

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