Um keine falschen Erwartungen zu wecken, machen die Berater des BIBB allen Delegationen von Anfang an klar: Auch wir haben keine Patentrezepte. "Wir bieten keine fertigen Lösungen", sagt Lassig. In vielen Ländern müsse erst ein Kulturwandel stattfinden – vor allem aufseiten der Unternehmen. Bisher betrachteten Betriebe es vielerorts als Aufgabe des Staates, junge Leute für einen Beruf fit zu machen. Sind Bewerber nicht ausreichend qualifiziert, wird dem Staat die Schuld gegeben. Doch in der Berufsausbildung stehen die Betriebe selbst in der Pflicht, Lehrlinge auszubilden. Dazu müssen erst Trainer geschult, Berufe vereinheitlicht, Ausbildungspläne geschrieben und Prüfungen konzipiert werden.

Bisher funktioniert das duale System in seiner Reinform, in der staatliche und private Berufsschulen die Ausbildung gemeinsam mit Betrieben organisieren, nur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark. Die Versuche, das duale System unverändert auch in anderen Ländern zu etablieren, beschränkten sich auf Pilotprojekte in einzelnen Betrieben oder Branchen, die wenig Strahlkraft auf das gesamte Land haben – etwa in China, Russland oder Vietnam.

Dennoch passiere es immer noch, dass Delegationen mit überzogenen Erwartungen nach Deutschland kämen, sagt Peter Rechmann. Ein saudischer Politiker habe einmal gefragt: "Wie viel kostet das duale System? Ich bezahle alles!"

"Auf dem internationalen Parkett wird das duale System glorifiziert, in Deutschland steht es in der Kritik", fasst Dieter Euler, Wirtschaftspädagoge an der Universität St. Gallen, zusammen. Fehlende Qualitätskontrollen, hohe Abbruchquoten, Lehrermangel und knappe Mittel untergraben das Niveau der Ausbildung. Neue Herausforderungen wie die Digitalisierung stellen althergebrachte Konzepte der Ausbildung infrage. Betriebe jammern über das sinkende Bildungsniveau der Bewerber. Hinzu kommt, dass Lehrberufe bei vielen Jugendlichen in Deutschland heute keinen guten Ruf mehr haben. Bundesweit blieben im vergangenen Jahr 43.500 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zugleich fanden rund 80.600 junge Menschen keine Lehrstelle.

Nichtsdestotrotz lobte die OECD Deutschland im aktuellen Bildungsbericht das duale System – auch wegen der geringen Jugendarbeitslosigkeit. Solche Botschaften werden im Ausland aufmerksam vernommen. "Der Zusammenhang zwischen dualer Ausbildung und Jugendarbeitslosigkeit wird oft sehr verkürzt und plakativ dargestellt", kritisiert Euler. Die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland hänge vor allem mit der positiven Wirtschaftsentwicklung zusammen. Vergessen würden außerdem jene 300.000 Jugendlichen, die in Deutschland im sogenannten Übergangssystem geparkt werden, weil sie keinen Ausbildungsvertrag bekommen.

Bleibt die Frage: Welches Interesse hat Deutschland überhaupt daran, anderen Ländern bei deren Lehrlingsausbildung auf die Sprünge zu helfen? Die Gründe sind vielfältig. Ein Blick nach Mexiko zum Beispiel zeigt, dass dort vor allem deutsche Konzerne wie Audi oder BMW vom Bildungsexport profitieren. Weil die deutschen Autobauer Schwierigkeiten hatten, in Mexiko gute Facharbeiter zu finden, waren sie selbst am Aufbau einer dualen Berufsausbildung interessiert. "Das ist eine sehr punktuelle Entwicklung und führt schnell zu einer Art Ausbildungsaristokratie innerhalb des Landes", sagt Euler. Mexikanische Mittelständler würden kaum von der Entwicklung profitieren.

Deutschlands Motive, sich international für die berufliche Bildung zu engagieren, sind aber noch andere: Klassische Entwicklungshilfe zur Bekämpfung von Armut und Fluchtursachen etwa, wie im Fall von Nigeria. Oder die Unterstützung von deutschen Bildungsanbietern, die ihre Lehrmaterialien oder Trainings auch im Ausland vermarkten wollen. Ebenfalls nicht unwichtig: harmonische Stimmung auf dem internationalen Parkett zu verbreiten. "Berufsbildung ist ein Thema, mit dem man Außenpolitik unkompliziert gestalten kann", sagt Euler. Wenn andere Themen brenzlig werden, greife man auf vermeintlich konfliktfreien Stoff zurück. Insofern überrascht es nicht, dass Merkel und Trump gerade in krisenreichen Zeiten über Berufsbildung parlieren.

Es wird Abend, die Nigerianer ziehen weiter. Modupe Mujota vom Bildungsministerium des Bundesstaats Ogun friert in ihrem dünnen Kleid ohne Strümpfe, der nasse, deutsche Herbst hat sie überrascht. Die Stimmung unter den Bildungsreisenden trübt der Regen jedoch nicht. "Der Tag hat meine Erwartungen absolut übertroffen. Fantastisch!", schwärmt Modupe Mujota und klettert in den Bus. Ihre nächste Station: die Industrie- und Handelskammer in Gießen.

Im Bus beginnen die nigerianischen Bildungsreisenden sofort zu diskutieren, was sie im eigenen Land anders machen könnten. Ein Wandel in Nigeria sei dringend notwendig, um die junge Generation für die Zukunft zu rüsten, sagt Mujota. Doch wo anfangen? In vielen nigerianischen Berufsschulen fehle es an der nötigsten Ausstattung für praktische Übungen. "Vielleicht könnten Unternehmen in Zukunft ihre ausrangierten Maschinen für den Unterricht zur Verfügung stellen?", überlegt sie. "Oder erfahrene Mitarbeiter als Trainer an unsere Berufs-Colleges schicken?", ruft ein anderer. Die Stimmung in der kleinen Reisegesellschaft ist euphorisch.

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