Ein wenig Unordnung gehört ja zu Wahlen immer dazu. In den Wochen danach ruckelt und zuckelt es dann, auf Rücktritte folgen Aufstiege, bis irgendwann alles wieder seinen gewohnten Gang geht. So war es jedenfalls oft. Dieses Mal könnte es anders sein. Denn die Unordnung hat das gewohnte Maß überschritten, das Parteiensystem ist in Bewegung. Aus den Daten der Demoskopen und ersten Analysen der Wählermilieus ergeben sich die Umrisse einer neuen politischen Landschaft.

Identitätsdebatten wurden von den Parteien in den vergangenen Jahren gern beiseitegeschoben. Identität, das klang nach großer Erzählung, nach Ideologie und siebziger Jahren. Stattdessen werkelte man hier, gab sich dort pragmatisch, fuhr natürlich immer auf Sicht. Doch mit der neuen Unordnung kehrt die Frage nach Zielen und Ideen zurück. Worin unterscheidet man sich? Wohin wollen wir mit der Gesellschaft oder, zumindest, mit der eigenen Partei?

Für die Union stellen sich derartige Fragen mit besonderer Dringlichkeit. Denn für CDU und CSU kann ein Jamaika-Bündnis beides sein: Chance und Gefahr. Während FDP und Grüne von jeher die Parteien der Hochqualifizierten und Besserverdienenden sind, bleiben die Christdemokraten im Kern Repräsentanten des ländlichen Mittelstands. Trotz Modernisierung, trotz Merkel und trotz der Flüchtlingspolitik liegen die Hochburgen der Union noch immer in den dünn besiedelten, katholischen Regionen der Republik. Hier holen CDU und CSU verlässlich über 50 Prozent, in den Metropolen bleiben sie schwach. Ihre Wählerschaft ist also weit weniger urban, liberal und weltläufig als die ihrer künftigen Koalitionspartner. Und als letzte verbliebene Volkspartei verfügt die Union auch über einen relevanten Wähleranteil in jenem Teil der Gesellschaft, dessen Einkommen im unteren Drittel liegt.

In der großen Koalition war das kein Problem, insoweit lag wenig Trennendes zwischen Sozial- und Christdemokraten. Nun aber müssen – wenn Jamaika zustande kommt – CDU und CSU mit zwei Parteien koalieren, denen diese Milieus gänzlich fremd sind. FDP und Grüne schätzen den selbstständigen Bürger, die Union betont die steuernde Kraft des Staates. Da könnte die Union in Bedrängnis geraten. Oder die neue Lage als strategischen Vorteil nutzen.

Wenn FDP und Grüne ihre Klientel versorgen, dürften Unionspolitiker in den kommenden Jahren mahnen, ja nicht übermütig zu werden und zwischen Bürokratieabbau und Umweltschutz die Interessen der einfachen Leute nicht zu vergessen. Immerhin sorgt die gute Konjunktur zurzeit dafür, dass auch das Geld für ein paar Wohltaten zur Verfügung steht. Dabei wird es die Aufgabe der Unionsstrategen sein, die Rolle als soziales Korrektiv mit einem Sinn, ja auch einer Erzählung zu füllen.

Wie ein zeitgemäßer sozialer Konservatismus aussehen könnte, eine nicht reaktionäre Politik für die Ängstlichen, diese Frage müssen die Christdemokraten in den kommenden Jahren beantworten.

Grüne: Die stille Revolution

Bei den Grünen kommt die große Veränderung dieser Tage auf leisen Sohlen. Die gewohnten Schmährufe der Gegner – Verbotsapostel! Gesinnungsterroristen! – sind leiser geworden, sie scheinen auch nicht mehr recht zu passen. Denn unter all den Parteien, die sich gerade von der Wahl erholen, möchten die Grünen die Vernünftigsten sein. Aus Petra Kelly ist Katrin Göring-Eckardt geworden, aus Moralismus Pragmatismus – und der regiert nun bei den Grünen ziemlich bedingungslos.

Ist es verwunderlich oder konsequent, wie geräuschlos dieser Wandel ums Ganze vonstatten geht? Keine Wutbriefe erboster Kreisverbandsvorsitzender, keine flammenden Parteitagsreden, keine furiosen Appelle der Parteilinken. Nichts – und das in einer Partei, in der jahrzehntelang jede Kurskorrektur als große Läuterung, als Ergebnis eines zähen Ringens mit den eigenen Idealen präsentiert werden musste, um überhaupt mehrheitsfähig zu sein. Vor nicht all zu langer Zeit glichen die Grünen-Parteitage Saalschlachten. Heute könnten sie bald mit den Seehofers und Spahns dieser Republik in der Regierung sitzen, und ihre Führung muss das kaum besonders erklären. Der letzte Schritt auf dem Weg der Grünen zur bürgerlichen Partei ist vielleicht ihr leichtester.