Zwei Wochen lang durch unwegsames, sumpfiges Gelände. Ständiges Bergauf und Bergab und dabei auf dem Rücken 20 Kilogramm Gepäck. Wind, immer wieder Regen. Totale Einsamkeit, keine Wegweiser, viel Schlamm, kein Handyempfang. Am schlimmsten sind diese winzigen Gnitzen, genannt midges, die einen massenhaft überfallen und beißen, sobald man nur zehn Sekunden stehen bleibt.

Im Herbst vergangenen Jahres habe ich den ersten Teil des Cape Wrath Trail an der Westküste Schottlands absolviert oder besser gesagt durchlitten. Danach wusste ich, warum die Strecke unter Wanderern auch als "härtester Langwanderweg Großbritanniens" bekannt ist. In diesem Herbst ist die Reststrecke dran, mindestens 240 Kilometer. Es gibt Leute, die halten mich für verrückt.

Gehen ist von gestern. Allenfalls in der Trendversion Walking ist die 50-plus-Generation zu Fuß unterwegs. Wandern wird von Ärzten gelobt und in den Medien zum großen Ding hochzuschreiben versucht. Hier und da übertreffen sich Wanderer auf Gewalttouren selbst – und schreiben dann erfolgreich darüber. Extremwandern. Höhenkilometer jagen. Dabei geht es wie bei allen Extremsportarten um Selbsterfahrung durch Grenzerfahrung. Menschen faszinieren offenbar Erlebnisse, die zeigen, wo sie körperlich und geistig stehen. Die interessante Frage dabei aber lautet: Ist das eigentlich gesund?

Diesmal beginnt meine Tour in dem kleinen Ort Strathcarron an der Westküste Schottlands. Das Programm ist sofort herausfordernd. Schwitzend nehme ich die ersten 1.100 Höhenmeter in Angriff. Ächzend wuchte ich meinen schweren Rucksack über die Berge. Ich orientiere mich Richtung Kinlochewe und will später das Tal Strath na Sealga schaffen, doch vorher verlassen mich die Kräfte, und ich muss mein Zelt aufbauen, irgendwo im Nirgendwo.

Ob Laufen bis zum Umfallen guttut, das ist in dieser herben schottischen Weite eher eine Frage des schieren Überlebens als der Gesundheit. Um heil aus solch einer Unternehmung hervorzugehen, bedarf es einer gewissen körperlichen und mentalen Vorbereitung. Das gilt auch für mich. Ich bin zwar 56 Jahre alt, halte mich aber für ziemlich fit. Sechsmal in der Woche treibe ich Sport, an drei Tagen davon jogge ich jeweils rund 8 Kilometer. Doch all meine Trockenübungen in der norddeutschen Tiefebene reichen nicht für eine Geländetour mit schwerem Gepäck. Laufen im Flachland ist in gewissem Sinne ja auch nur ein kontrolliertes Vorwärtsfallen.

Eine bessere Vorbereitung ist da schon das Treppensteigen. Es bedeutet, dass ich bei jeder Stufe mein Körpergewicht etwa 20 Zentimeter in die Höhe stemmen muss. Dabei geht es nicht mehr nur um Ausdauer, sondern um Kraftausdauer. Zur körperlichen Vorbereitung empfiehlt sich also: konsequent alle Fahrstühle und Rolltreppen meiden und stattdessen immer die Treppe nehmen. Bewohner aus Bergregionen haben in dieser Hinsicht einen natürlichen Trainingsvorteil. Ich erinnere mich neidvoll daran, wie leichtfüßig einmal in Norwegen selbst einheimische Rentner an mir vorbeigelaufen sind.

Wer reichlich Kraftausdauer von seinem Körper fordert, muss sich auch noch in anderer Hinsicht präparieren. Alle, die schon einmal mit dem Auto am Berg beschleunigt haben, kennen das: Der Benzinverbrauch schnellt in die Höhe. Auch beim Menschen bedeuten Hunderte von Höhenmetern, dass viel Brennstoff, also Nahrung vonnöten ist. Wer kein Rüdiger Nehberg ist und weder Regenwürmer verspeisen noch Hirsche jagen möchte, muss sein Essen mitschleppen. Mehr Gewicht auf dem Rücken aber bedeutet wiederum mehr Kalorienbedarf. Die Forderung ist also: möglichst viele Kalorien bei kleinem Volumen und möglichst geringer Masse.