In einem Büro im zweiten Stock der Löwelstraße 18 verdichtet sich die komplizierte Lage der österreichischen Sozialdemokratie zu einem einfachen Bild. Es ist das sogenannte Kanzlerzimmer. Seit einem Jahr verbringt hier Christian Kern fast jeden Montag, um zu zeigen, dass er nicht nur Kanzler, sondern auch Parteichef ist. Eine schwarz-weiße Ahnengalerie mit Parteiikonen wie Karl Seitz und Bruno Kreisky ziert eine Wand. Kerns Schreibtisch ist aufgeräumt, zwei leere Wasserkaraffen darauf. Das Zimmer erzählt von einer großen Geschichte und einer offenen Zukunft.

An diesem Montag sei der Chef aber noch nicht da gewesen, sagt die interimistische Bundesgeschäftsführerin Andrea Brunner und führt durch die Parteizentrale. In dem Gründerzeitbau in prominenter Lage verteilen sich 80 Mitarbeiter auf dreieinhalb Stockwerke. "Wir werden die Löwelstraße ganz neu aufstellen, sie muss wieder das organisatorische Herzstück werden", sagt Brunner. Manches im Alltagsgeschäft der Zentrale wird sich auch zu Oppositionszeiten nicht ändern. Die großteils jungen Mitarbeiter telefonieren mit Mitgliedern, beantworten E-Mails und versorgen Bürgermeister und Funktionäre mit Informationen. In manchem Altbau-Bürozimmer hängt noch ein Ölporträt von Kreisky oder ein Foto von Victor Adler. Sinnbild einer Partei, die ihre Traditionen hochhält und sich vielleicht zu sehr auf sie verlässt.

Kern will die ungewollte Rolle als Oppositionsführer nutzen, um den Apparat umzukrempeln. Unter Werner Faymann war die einst stolze Parteizentrale in die Bedeutungslosigkeit getrudelt, Entscheidungen wurden im Kanzleramt getroffen. "Die Löwelstraße ist in einem schlechteren Zustand als im Jahr 2000", erzählt man in der Partei. So wie damals, als die Kanzlerpartei ausgetrickst und in die Opposition gezwungen wurde, steht sie wieder vor dem leidigen Problem: Bisher profitierte sie von den Ministerien, bekam Daten und Unterlagen sowie inhaltliche und strategische Impulse aus den Ministerbüros. Diese lebenswichtigen Quellen sind nun versiegt.

Alfred Gusenbauer gründete darum zu Beginn seiner Oppositionszeit das Netzwerk Innovation und lud Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Justiz ein, die "geistigen Tanks" der Sozialdemokratie aufzufüllen. Ähnliches wird auch Kern versuchen, um sich als bessere Alternative zu Schwarz-Blau präsentieren zu können. Noch etwas schwächt die SPÖ im Vergleich zum Wendejahr 2000: Sie stellt weniger als ein Drittel der Abgeordneten, ÖVP, FPÖ und Neos können Verfassungsgesetze gegen die ohnmächtige SPÖ beschließen.

Das nun doch nicht ganz so schlechte Wahlergebnis droht den Blick auf überfällige Fragen zu verstellen. Die Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und Tschechien zeigen, wie tief die Sozialdemokraten in Europa fallen können. Kern hat mit seinem Plan A zwar signalisiert, die neuen Arbeitswelten verstehen zu wollen, doch die Partei ist in weiten Teilen strukturkonservativ. Jetzt muss ein Plan B her, einer, der beschreibt, wie die SPÖ wieder als relevante und zeitgemäße Kraft wahrgenommen werden könnte.

Die Partei wirkte im Wahlkampf instinktlos, Erbschaft- und Schenkungsteuer, Wertschöpfungsabgabe, Beschäftigungsgarantie waren nicht die Themen, die in der Luft lagen. Den grantigen Bauarbeiter, der sich holen soll, was ihm zusteht, hielt man nur in der SPÖ für eine erfrischende Idee. Die Sozialdemokratie zielte auf den Bauch – und traf nicht. "Die Frage der Identität stand bei dieser Wahl über der sozialen Frage", glaubt auch Maria Maltschnig, 31-jährige Direktorin des Karl-Renner-Instituts, der roten Parteiakademie.

Grundsatzfragen der SPÖ wurden in den vergangenen Jahren immer wieder vertagt

Fortschrittliche Köpfe wie die Aufsteigerin Pamela Rendi-Wagner und Parteichef Kern selbst täuschen darüber hinweg, wie sehr die SPÖ im eigenen Saft schmort. "In der SPÖ gibt es ein strukturkonservatives und ein progressives Lager", sagt der Wiener Netzwerkforscher Harald Katzmair, der mit seinem Institut FASresearch die Machtbeziehungen von Parteien und Unternehmen beleuchtet. Die SPÖ sei eine hierarchische und wenig flexible Organisation. Je schneller die Gesellschaft sich verändert, desto altmodischer wirke sie, sagt Katzmair.

Grundsatzfragen wurden in den vergangenen Jahren vertagt, die Vorstellung eines noch unter Faymann angekündigten neuen Parteiprogramms wurde im Jänner verschoben. Man sei aber schon recht weit, versichert Maltschnig. Defizite in der Organisation erkennt aber auch sie. "Die Partei muss durchlässiger werden", findet die rote Vordenkerin. "Unsere Altersstruktur sagt eh schon fast alles."

Zugleich führte die gespenstische Jubelstimmung im SPÖ-Wahlzelt an der Löwelstraße drastisch vor Augen, wie behaglich es sich im Kokon der Partei immer noch anfühlen kann. Platz zwei und das gute Hauptstadt-Ergebnis wurden gefeiert, fast so, als wäre Wien ein eigener Stadtstaat. Rudolf Hundstorfer tröstete, man sei immerhin "nicht so fürchterlich abgestürzt, wie viele geschrieben hatten". SPÖ-Frauenvorsitzende Gabriele Heinisch-Hosek sagte: "Wir haben Fehler gemacht, keine Frage. Aber unsere Inhalte sind in der Bevölkerung sehr goutiert worden." Gute Vorsätze zur Modernisierung und Parteiöffnung wurden routiniert abgespult.

Jenseits der roten Wohlfühlblase sieht es anders aus. Die Tageszeitung Die Presse schrieb schadenfroh schon "das Ende einer Ideologie" herbei, und Gerald Fleischmann, Sprecher von Sebastian Kurz und dessen Mann fürs Grobe, meinte, die ÖVP habe im Wahlkampf "Apple verkauft", die Konkurrenz hingegen nur einen alten Commodore. Kurioserweise ist die SPÖ in vielen Bildungs- und gesellschaftspolitischen Fragen progressiver als die Volkspartei, doch die öffentliche Wahrnehmung war eine andere.